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Hannover Marktkirche: Vorstand beschließt Einbau des umstrittenen Fensters
Nachrichten Hannover Marktkirche: Vorstand beschließt Einbau des umstrittenen Fensters
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00:19 23.03.2019
Altkanzler Gerhard Schröder will der Marktkirche das Kirchenfenster von Markus Lüpertz spendieren. Quelle: Riemann/Montage
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Hannover

Seit Monaten gibt es erbitterte Debatten um das geplante Projekt; vermutlich hat in Hannover seit Aufstellung der Nanas 1974 kein Kunstwerk mehr für so hitzige Diskussionen gesorgt. Jetzt sind die Würfel gefallen: Der Kirchenvorstand der Marktkirchengemeinde hat in einer Sondersitzung am Mittwochnachmittag beschlossen, das umstrittene Buntglasfenster des Künstlers Markus Lüpertz anfertigen und einbauen zu lassen. Die Glasmanufaktur Derix in Taunusstein soll mit der Produktion beauftragt werden.

„Der Kirchenvorstand trifft diese Entscheidung nach mehrjähriger intensiver Debatte, die für ein Jahrhundertprojekt wie das Reformationsfenster auch notwendig gewesen ist“, sagt Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann. Das Fenster zeigt neben einer stilisierten Luther-Figur auch fünf große Fliegen, die sich als Symbole für das Böse deuten lassen. „Es ist eine zeitgenössische künstlerische Stellungnahme zum Thema Reformation, die zur Diskussion anregen soll“, sagt die Pastorin. Man habe sich eingehend mit allen Positionen beschäftigt. Nach Informationen der HAZ gab es im 15-köpfigen Kirchenvorstand auch mehrere Gegenstimmen.

Kirche geht Risiko ein

Mit dem Einbau des Fensters geht die Kirche ein Wagnis ein. Denn zu den größten Gegnern des Projekts zählt Georg Bissen, der Stiefsohn und Urheberrechtserbe des Nachkriegsarchitekten der Marktkirche, Dieter Oesterlen. Er sieht durch die Pläne das architektonische Konzept der Kirche gestört und hat ein klares Veto gegen das Fenster eingelegt. Ob dieses juristisch bindend ist, ist umstritten.

Die Kirchengemeinde stand vor der Entscheidung: Sie hätte auch auf das Fenster verzichten oder sich über eine langwierige Feststellungsklage rechtliche Gewissheit verschaffen können. Stattdessen schafft sie nun vollendete Tatsachen, auch auf die Gefahr hin, dass Bissen jetzt gegen den Einbau klagt. „Wir gehen fest davon aus, dass wir eine gerichtliche Auseinandersetzung gewinnen würden“, sagt Reinhard Scheibe, der Vorsitzende des Kirchenvorstands.

Künstler Markus Lüpertz begrüßte die Entscheidung des Kirchenvorstands: „Ich bin begeistert, das Fenster ist mir unheimlich wichtig“, sagt er. „Es ist gut, wenn die Kirche sich hinter meine Arbeit und hinter das Kunstwerk stellt“, erklärte der 77-Jährige gegenüber der HAZ. Darin liege auch ein Signal gegen die Unterdrückung der Kunst.

„Unserer Auffassung nach hat eine Kirchengemeinde das Recht, über die Gestaltung ihres Kirchenraumes zu entscheiden und ihren Gestaltungswillen durchzusetzen“, sagt Kirchenvorsteher Scheibe: „Eine Kirche dient der Religionsausübung und ist kein Museum.“

Die Kosten für Einbau und Herstellung des Fensters – insgesamt rund 150.000 Euro – will der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder übernehmen, ein Freund des Künstlers. Einen Termin für den Einbau gibt es noch nicht: Die Gemeinde muss mit Landeskirche und Denkmalschutz nun einen Vertrag für die Anfertigung ausarbeiten, danach kann sich die Produktion über Monate hinziehen. Reinhard Scheibe ist aber überzeugt, dass die Mühen sich am Ende lohnen werden: „Ich denke, dass dieses Fenster eine von Hannovers großen kulturellen Attraktionen sein wird.“

Kommentar: Eine mutige Entscheidung

Der Kirchenvorstand hat mit seinem Votum für das neue Buntglasfenster in der Marktkirche eine mutige Entscheidung getroffen – und eine richtige. In demokratischer Mehrheitsentscheidung hat er sich über den Willen des Architekten-Erben Georg Bissen hinweggesetzt, auch auf die Gefahr hin, dass dieser nun gegen den Einbau klagt.

Kirchen sind nicht zuletzt deshalb über Jahrhunderte hinweg Stätten des Gebets geblieben, weil jede Generation sie neu entdecken und gestalten konnte. Die Marktkirche hat sich immer weiterentwickelt; gerade ihre Neugestaltung durch Dieter Oesterlen nach dem Krieg ist ein Beispiel dafür.

Es wäre absurd, ihre Architektur jetzt gleichsam einfrieren zu wollen – und es würde an das Selbstverständnis der Kirchen rühren. Diese wollen schließlich keine musealen Räume sein, die erbauliche Langeweile verströmen, sondern Orte lebendiger Diskussionen über Gott und die Welt. Dazu bietet das Fenster wahrlich genug Anstöße – auch und gerade für jene, die mit seiner Bildsprache bisher noch fremdeln.

Von Simon Benne

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