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Hannover In die Lunge gestochen: Angreifer womöglich schuldunfähig
Nachrichten Hannover In die Lunge gestochen: Angreifer womöglich schuldunfähig
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00:22 06.04.2019
Der Angeklagte Francesco S. bespricht sich vor Prozessbeginn mit seinem Verteidiger Werner Theunert.
Der Angeklagte Francesco S. bespricht sich vor Prozessbeginn mit seinem Verteidiger Werner Theunert. Quelle: Peer Hellerling
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Hannover

Vor dem Landgericht Hannover muss sich seit Mittwoch ein 36-Jähriger wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten, der Anfang Oktober 2018 in der U-Bahnstation Kröpcke auf einen jungen Mann eingestochen haben soll. Darüber hinaus wird dem Angeklagten vorgeworfen, nur einen Monat zuvor einen Mann am Marstall mit einem Bambusstock verprügelt zu haben. „Es ist vorrangig ein Sicherungsverfahren“, stellte Richter Wolfgang Rosenbusch zu Verhandlungsbeginn klar – also dem Freiheitsentzug eines Straftäters zum Schutz der Allgemeinheit. Der Grund: Francesco S. ist wegen einer „akuten paranoid-halluzinatorischen Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“ womöglich schuldunfähig – dies zeigte sich auch im Prozessverlauf.

Der erste Vorfall ereignete sich am 1. September vor einer Spielothek am Marstall, in der S. als Aufsicht arbeitete. Als die betrunkenen Brüder Kevin (25) und Nino S. (20) hinein wollten, lehnte der 36-Jährige ab. Die Brüder berichteten, sie hätten das nach kurzer Diskussion akzeptiert und nur noch kurz mit anderen auf dem Gehweg geredet. „Plötzlich schlug der Angeklagte mit einem Knüppel auf mich ein“, berichtete Kevin S. Andere Türsteher mussten beide trennen. Nach Angaben des Angeklagten wollten sich die aggressiven Brüder Zutritt zur Spielothek verschaffen. Er habe einem Angriff ausweichen müssen, zudem habe einer der beiden mit einer Bierflasche ausgeholt. Francesco S. habe sich mit dem Knüppel zur Wehr gesetzt.

Tritte, Schläge, Messerstich

Der Messerangriff wiederum geschah am 7. Oktober um 13.08 Uhr auf einem Bahnsteig am Kröpcke, als Cetin L. auf einen Zug nach Badenstedt wartete. Auf Videoaufzeichnungen der Üstra, die im Gerichtssaal gezeigt wurden, war zu sehen, wie S. mit schnellen Schritten gezielt auf L. zuging. Er verpasste ihm einen Tritt sowie Faustschläge und griff den 26-Jährigen mit dem Messer an. Laut Anklage habe sich S. von L. seit Längerem bedroht und verfolgt gefühlt. Erst ein Fahrgast aus einer ankommenden Stadtbahn half L., die übrigen Wartenden sahen bloß tatenlos zu. Der 26-Jährige erlitt eine lebensgefährliche Stichverletzung in die Lunge, L. verbrachte sechs Tage auf der Intensivstation.

Das Opfer schilderte, dass vielmehr er zuvor von S. belästigt wurde. „Ich erhielt Drohungen auf Facebook und per Telefon“, sagte der 26-Jährige. Beide kennen sich seit zehn Jahren, der Kontakt sei jedoch in der jüngeren Vergangenheit abgerissen. Die Beleidigungen hätten begonnen, als L. eine Wohnung in Ricklingen bezog. „Ich würde ihn verfolgen und Frauen gefangen halten“, berichtete das Opfer. Außerdem soll der 26-Jährige ein Verhältnis sowohl mit S.s Mutter als auch dessen Schwester gehabt haben. „Ich hätte ihn in seiner Ehre verletzt und er wolle sich rächen.“ L. war überzeugt, dass der 36-Jährige ihn umbringen wollte.

Angeklagter bezeichnet Üstra-Video als manipuliert

Der Angeklagte behauptete hingegen, die Videos seien manipuliert worden. „Es ist viel krasser als in meiner Erinnerung“, sagte der 36-Jährige. Laut S. habe der 26-Jährige zuerst zugeschlagen, er habe bloß einmal gekontert. Der Angeklagte wollte L. lediglich auffordern, ihn in Ruhe zu lassen. Das Messer hatte er bloß zur Abschreckung bei sich. Außerdem wiederholte Francesco S., sein Gegenüber habe ein Aggressions- und Drogenproblem – zudem soll er eine Waffe besitzen. „Er beschmiert die Wände seiner Wohnung mit Blut und schlägt seine Freundin“, sagte der 36-Jährige. Womöglich sei das Ganze von Fernsehmachern inszeniert worden, die „eine große Story wittern“. Am Freitag wird sich ein Gutachter zur psychischen Verfassung des Angeklagten äußern, dann wird auch ein Urteil erwartet.

Von Peer Hellerling

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