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Hannover Muss ehemaliger ASB-Chef sechs Jahre hinter Gitter?
Nachrichten Hannover Muss ehemaliger ASB-Chef sechs Jahre hinter Gitter?
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19:43 04.10.2019
Sichtlich unter Druck: Der Hauptangeklagte (rechts) mit seinem Verteidiger Wilhelm-Michael Bruns. Quelle: Chris Gossmann
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Hildesheim

Er soll gut 8,1 Millionen Euro für sich abgezweigt haben, die das Land für den Betrieb von Flüchtlingsheimen zahlte. Deshalb droht einem ehemaligen Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft des ASB Hannover eine empfindliche Haftstrafe wegen Untreue und Betruges. Um wie viele Jahre es geht, wurde am Freitag bei zweiten Prozesstag vor dem Landgericht Hildesheim deutlich. Demnach halten Gericht und Staatsanwaltschaft bislang mindestens sechs beziehungsweise sechseinhalb Jahre für angemessen.

Der aus Hildesheim stammende 46-jährige Hauptangeklagte hörte diese Zahlen völlig zusammengekauert. Das Kinn auf die Brust gelegt, die Hände gefaltet und mit den Daumen die Handrücken drückend – so verfolgte er gut drei Stunden lang den Prozess, bei dem für ihn so viel auf dem Spiel steht.

Verteidiger: Angeklagter steht unter starkem psychischen Druck

Wie das Gericht bekanntgab, hatte es vor einer Woche nach dem ersten Verhandlungstag ein Rechtsgespräch zwischen den Richtern, den Verteidigern und dem Staatsanwalt gegeben. Dabei wird für gewöhnlich ausgelotet, ob ein Prozess durch Geständnisse verkürzt werden kann. Auch Strafrahmen sind dann Thema. Im Fall des Hauptangeklagten liegen die Vorstellungen allerdings weit auseinander – sein Verteidiger Wilhelm-Michael Bruns machte sich für eine Haftstrafe von unter drei Jahren stark.

Am Freitag wies Bruns die Kammer noch einmal öffentlich darauf hin, dass sein Mandant psychisch stark angeschlagen und deshalb nicht verhandlungsfähig sei. Als Indiz führte er an, dass eine Polizistin, die im Gefängnis eine DNA-Probe des Hauptangeklagten nehmen wollte, unverrichteter Dinge wieder abzog. Ein Gespräch mit dem 46-Jährigen sei nicht möglich gewesen. Jetzt soll ein Gutachter klären, wie es dem geschassten ASB-Chef geht. Zu einer Aussage sei er so nicht in der Lage, erklärte der Verteidiger am Rande des Prozesses. Sein Mandant schwieg.

Komplize sagt aus

Dafür sagte am Freitag der mutmaßliche Komplize des Hildesheimers aus, ein 37-Jähriger aus Bad Münder, der als Assistent der ASB-Geschäftsleitung in Hannover arbeitete. In acht von 16 angeklagten Fällen soll er mit seinem Vorgesetzten gemeinsam Geld veruntreut haben. Ausgesprochen ausführlich schilderte er dem Gericht, wie er nach einem abgebrochenen Studium der Wirtschaftsinformatik, Gelegenheits- und Zeitarbeitsjobs in der Flüchtlingskrise zum Leiter der Unterkunft in St. Andreasberg aufstieg und den späteren Hauptangeklagten kennenlernte. Dieser habe ihn beeindruckt, weil er sich stets vor seine Mitarbeiter stellte. Und habe irgendwann dafür gesorgt, dass er eine Festanstellung beim Arbeiter-Samariter-Bund bekam.

Chaotische Zustände während der Flüchtlingskrise

Im Bereich der Flüchtlingshilfe sei beim ASB ganz viel Arbeit liegengeblieben, sagte der 37-Jährige. Dann skizzierte er ein ausgesprochenes Durcheinander in der Buchhaltung, sprach auch von „chaotischen Zuständen“. Rechnungen seien mal zwei- oder dreifach ausgedruckt, mal per E-Mail an die Finanzbuchhaltung geschickt worden, manchmal aber auch gar nicht. So habe er sich auch nichts dabei gedacht, als ihn der Geschäftsführer anwies, für Rechnungen ans Land ein Konto bei der Volksbank Hildesheimer Börde einzusetzen – jenes Konto, auf das laut Staatsanwaltschaft nur der Hauptangeklagte Zugriff hatte.

Hatte er kein „Störgefühl“, als er die Rechnungen nur dem Chef vorlegen sollte? Der einstige Assistent verneint. Auch nicht, als er die Rechnungen löschen sollte? Nein, das habe seinem Chef zufolge nur den neugierigen und neidischen ASB-Kreisverband Celle heraushalten sollen. Einmal will der Assistent den Geschäftsführer dann doch zur Rede gestellt haben – als nämlich für die Unterkunft St. Andreasberg 731.000 Euro für einen Sicherheitsdienst in Rechnung gestellt wurden, der dort gar nicht eingesetzt war. „Mach dir keine Gedanken, das ist schon in Ordnung“, habe der Chef da entgegnet. Und das sei das letzte Wort gewesen. „Man ist ihm beim ASB Hannover immer blind gefolgt.“

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Dann sollen erste Zeugen aussagen.

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Von Christian Wolters

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