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Hannover Diese Frau aus Hannover hat bereits das dritte Herz
Nachrichten Hannover Diese Frau aus Hannover hat bereits das dritte Herz
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00:15 25.08.2018
Julia Fricke hat bereits zwei Herztransplantationen hinter sich. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Im Grunde ist es bereits ihr drittes Leben. Das erste beginnt – ganz normal – mit Julia Frickes Geburt am 5. Juni 1984. Den Anfang des zweiten kann man auf einen Tag im November 2007 datieren. Da wird der schwer herzkranken, jungen Mutter an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein Spenderherz transplantiert. Der Beginn ihres dritten Lebens fällt zufälligerweise sogar mit einem Jahrestag ihres Geburtstages zusammen. Am 5. Juni 2012 bekommt Fricke an der MHH ein zweites Spenderherz eingesetzt. Nach fast fünf Jahren hat ihr Körper das erste abgestoßen. Ein Wunder sei es, dass sie heute hier sitze, sagt die 34-Jährige. Sogar die Ärzte in der MHH hätten sie „das Wunder von Hannover“ genannt. Dabei sieht die Frau mit den so rot geschminkten Lippen, den in Rot- und Rosatönen lackierten Nägeln und dem farbenfrohen Outfit so auffallend lebensbejahend aus. Wie schwer krank sie war, davon kündet nur noch eine lange Narbe entlang ihres Brustbeins, eine, die sie bewusst nicht versteckt. Dass an einem Menschen gleich zwei Herzoperationen durchgeführt werden, ist extrem selten. Nach Angaben des Registers der internationalen Gesellschaft für Herz- und Lungentransplantation kommt das weltweit pro Jahr nur bei 2 bis 4 Prozent der Herztransplantationen vor. Nach zehn Jahren leben im Durchschnitt nur noch etwa 40 Prozent der Patienten.

Immer müde, immer schlapp

Julia Frickes Leidensweg beginnt, als sie ein halbes Jahr nach der Geburt ihres Sohnes ihre Ausbildung zur Krankenschwester wieder aufnimmt. Immer müde, immer schlapp fühlt sie sich. Plagt sie der Stress der berufstätigen Mutter? Ist sie krank? Der Hausarzt findet keine schlüssige Antwort. Erst später, nachdem zu der Kraftlosigkeit bereits Atemnot gekommen ist, stellen Ärzte fest, dass eine ihrer Herzenklappen, die Mitralklappe, nicht richtig schließt. Ihr Herz ist zudem stark vergrößert, der Puls viel zu hoch.

Man könne ihr medikamentös helfen, aber sie werde in den nächsten zehn Jahren ein neues Herz brauchen, wird ihr gesagt. Der Grund: eine Herzmuskelschwäche, verursacht durch die Geburt des kleinen Sohnes. Die Diagnose ist ein Schock, obwohl Fricke bereits einen schwer herzkranken Familienangehörigen hat. Ihr Vater, Peter Fricke, bekommt nach einer verschleppten Mandelentzündung 1990 an der MHH ein Herz transplantiert. Dass beide an derselben Erkrankung leiden, ist Zufall, keine genetische Disposition. Dennoch: „Ich habe im ersten Augenblick gedacht, das ist mein Todesurteil“, sagt Julia Fricke heute. „Obwohl ich in meinem Vater den besten Beweis hatte, dass man so einen Eingriff überlebt.“

Julia Fricke mit Krankenschwester Stefanie Urlaß. Quelle: Katrin Kutter

Die junge Frau geht zur Behandlung an die MHH. Nachdem 2005 der Versuch scheitert, die Mitralklappeninsuffizienz operativ zu beheben, wird sie im März 2006 auf die Transplantationsliste gesetzt. Mit dem kleinen Sohn zum Spielplatz gehen kann sie da schon nicht mehr. Atemnot hat sie, fühlt sich von Kleinigkeiten angestrengt „wie eine alte Frau“. Aber, in engen Grenzen, zu Hause, funktioniert das Leben noch. Sie liegt nicht – wie viele andere Menschen auf der Warteliste – bereits im Krankenhaus oder sogar schon auf der Intensivstation, als sie im November 2007 – morgens beim Staubsaugen – den Anruf erhält, dass es ein Spenderorgan für sie gibt. Sie weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Die Angst vor dem Eingriff und die Hoffnung auf ein besseres Leben halten sich die Waage.

„Schockstarre“, so beschreibt sie ihren Zustand, als sie dann abends in der MHH auf den Eingriff wartet. Beruhigungsmittel darf sie wegen der bevorstehenden Transplantation nicht nehmen. Familie, Vater, Mutter und zwei Schwestern sind bei ihr: „Allein“, sagt Fricke, „hätte ich das nicht durchgestanden.“ Wie fühlt sicg der Moment des Erwachens an? „Dieses Herz schlägt ganz anders, ganz ruhig, ganz normal“, habe sie gedacht, sagt Fricke, und man hört am Klang ihrer Stimme auch heute noch, was das bedeutet. Das Gefühl, dass endlich Frieden in ihr Leben eingekehrt ist, schwingt immer noch mit. Hadert sie manchmal mit ihrem fremden Herzen? Hat sie – wie manche Patienten berichten – das Gefühl, dass mit ihrem neuen Organ auch Eigenschaften des Spenders auf sie übergehen? „Ich weiß, man verbindet das Herz mit Liebe, mit Gefühlen“, sagt sie. „Aber ich habe meinen Freund mit meinem neuen Herzen genauso geliebt wie zuvor.“

Julia Fricke kehrt zurück in ihr altes Leben. Fahrrad fahren, unbeschwert mit Sohn Joshua spielen, vieles ist jetzt wieder möglich. Die Einschulung ihres Sohnes ist ein Eckpunkt. „Vor der Transplantation habe ich gehofft, dass ich wenigstens diesen Tag noch erleben kann“, sagt sie. Danach glaubt sie fest, dass sie ihr Kind noch viel länger begleiten kann.

Bis es ihr im Frühsommer 2012 wieder schlechter geht. Auf einem Grillfest mit den Eltern eskaliert die Situation. Sie kann plötzlich nichts mehr essen, das Laufen fällt ihr schwer, dazu kommt Atemnot. Sie kommt vom Hausarzt in die Herztransplantationsambulanz, in die Normal- und dann in die Intensivstation. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide. Julia Fricke hat eine Abstoßreaktion und alle Versuche der Ärzte, sie in den Griff zu bekommen, scheitern. Eine Cortisonstoßtherapie schlägt nicht an. Zwölf Stents legt man ihr. Vergeblich. Sie kommt an die Herz-Lungen-Maschine. Die Organe beginnen zu versagen. Irgendwann sagen die Ärzte den Eltern: Mehr als zwei Tage hat die Tochter nicht mehr. Weiß sie selbst, wie schlecht es um sie steht? Die 34-Jährige erinnert sich nur bruchstückhaft. Immer kraftloser sei sie geworden. Irgendwann sei sie sogar zu erschöpft zum Reden gewesen. Hatte sie Angst, dass sie sterben muss? „Ja.“ Es ist allerdings ein seltsam emotionsloser Moment. Julia Fricke ist so schwach: Sie hat nicht einmal mehr die Kraft, sich richtig zu fürchten. Auch die nicht, sich zu freuen. Selbst den erlösenden Satz „Julia, wir haben ein Herz für dich“ nimmt sie nur noch schemenhaft war. Als Patientin in einer akut lebensbedrohlichen Situation war sie zuvor auf der Warteliste für Spenderorgane ganz nach oben gerutscht. Dass sich innerhalb kürzester Zeit tatsächlich ein Herz findet, ist dennoch sehr selten.

Kleine Alltagsfreuden schätzen

Julia Fricke übersteht auch diese Transplantation. Und nicht nur das. Sie sagt heute: „Ich lebe eigentlich wie ein ganz normaler Mensch.“ Sie kümmert sich um den Sohn, den Freund und dessen zwei Kinder, fährt Fahrrad, geht wandern. Richtig arbeiten kann sie nicht, aber sie hilft nebenbei im Nagelstudio ihrer Schwester mit. An die Krankheit erinnern Medikamente, die sie täglich nimmt, die Vorsorge an der MHH, zu der sie alle vier Monate geht. Aber einen Unterschied gibt es doch: Julia Fricke verwendet dafür den Begriff vom „geschenkten Leben“. Sie weiß genau, was es bedeutet, dem Tod nur knapp entgangen zu sein. Sie weiß auch, dass sie möglicherweise nicht so alt wie ihre Altersgenossen werden wird, und schätzt deshalb selbst kleine Alltagsfreuden. „Als ich nach meiner zweiten Transplantation zum ersten Mal wieder einen Cappuccino getrunken habe, habe ich mir gesagt: Jeden Cappuccino in meinem Leben werde ich so genießen“, sagt sie. „Ich bin einfach überglücklich, dass ich heute noch leben kann.“

Von Jutta Rinas

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