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Hannover Fünf Jahre nach Gründung: Ein Rundgang durch das Platzprojekt
Nachrichten Hannover Fünf Jahre nach Gründung: Ein Rundgang durch das Platzprojekt
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00:16 03.05.2019
„Wir haben hier viel auf die Beine gestellt“: Jamuna Putzke zählt zu den Initiatoren des Platzprojektes. Quelle: Villegas
Hannover

Vor ihrer Tür tut sich eine ganz eigene Welt auf. Ein kleines Dorf aus Bretterbuden und mit Efeu berankten Containern. Eine alternative Bauwagenidylle, in der Sperrholz und bunte Paletten das Ortsbild prägen. „Wir haben uns bewusst für diesen Ort entschieden“, sagt Lena Rolke und blickt hinaus. „Ein cleanes Bürogebäude wäre für uns nicht infrage gekommen.“

Die 25-jährige engagiert sich in der Flüchtlingsinitiative „Du bist willkommen“. Vor drei Jahren kauften sie und ihre Mitstreiter für 1000 Euro einen gebrauchten Container und richteten ihn hier ein. Seither haben sie beim Platzprojekt an der Lindener Fössestraße ihr Büro, sie veranstalten hier Tischtennis-Turniere und Kennenlernrunden für Leute, die Patenschaften für Flüchtlinge übernehmen wollen. „Auf dem Platz wird Toleranz gelebt, und das Improvisierte hier passt ganz gut zu uns“, sagt sie.

Was passiert, wenn der Staat jungen Leuten 120.000 Euro gibt – und sie einfach machen lässt, was sie wollen? Vor fünf Jahren entstand auf der Brachfläche, die der Metro Group gehört, auf diese Weise ein Versuchslabor für jugendorientierte Stadtteilentwicklung. Ein Experiment, gefördert vom Bundesinstitut für Bauforschung. „Wir wollten Raum für Ideen zur Verfügung stellen“, sagt Janina Putzke, die von Anfang an dabei war. Mit dem Geld bauten die Aktivisten erst mal eine Infrastruktur auf: Strom, Wasser, Toiletten, Internet.

„Eine Oase geschaffen“

„Seither haben wir hier viel auf die Beine gestellt“, sagt die 31-jährige zufrieden. „Wir haben eine Oase geschaffen, in der ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen.“ Am Wochenende konnte das Platzprojekt seinen fünften Geburtstag feiern. Inzwischen ist die Förderung ausgelaufen. Der Verein Platzprojekt e. V. finanziert sich jetzt über Mieten und Beiträge der rund 150 Mitglieder, die mindestens 12 Euro pro Jahr zahlen.

Atmosphärisch hat der Platz das Erbe des Hüttendorfes von Gorleben oder der Hippie-Siedlung Christiania in Kopenhagen angetreten. Menschen mit Batikhosen, Kapuzenpullis und langen, spitzen Bärten sind hier nicht unterrepräsentiert – und es gibt viele junge Leute, die Ideen haben, wie man einen Container füllen kann. Es gibt hier Ateliers und einen Krökelverein, eine Fahrradmanufaktur – und eine winzige Massage-Station.

Eingerichtet hat die Massagebox Lena Reckewerth. Die gebürtige Neustädterin lebte in Kanada. Doch als sie das Platzprojekt kennenlernte, blieb sie spontan in Hannover. „Dieser Platz ist ein Freiraum, er bietet eine gute Mischung aus Entspannung und Aktivismus“, sagt sie. Bei E-Bay kaufte sie einen gebrauchten Container. In dessen Mitte steht im Schein des kontemplativ gedimmten Lichts eine Massage-Liege. Hobby-Masseure dürfen diese gegen eine kleine Spende nutzen, zweimal in der Woche gibt es hier auch offene Meditationsrunden. „Die laufenden Kosten sind gedeckt“, sagt Lena Reckewerth.

Projekt ohne Abschluss

Die wenigsten hier haben ein Interesse daran, mit Start-ups reich zu werden. Es geht ihnen eher darum, ihre Träume zu verwirklichen. Oliver Baum zum Beispiel hat hier seine eigene Freizeit-Brauerei aus der Taufe gehoben. „In meiner Wohnung in Limmer hatte ich schon eine eigene Brauanlage installiert, die ich gern erweitern wollte“, sagt der 31-jährige Maschinenbau-Ingenieur.

Mit zwei Kumpels kaufte er einen Container – und jetzt gibt sein Verein „Braukiste e.V.“ Kurse, bei denen Teilnehmer ihr eigenes Bier brauen können. Im Monat zahlt er etwa 120 Euro Platzmiete. „Die Atmosphäre hier ist sehr entspannt, der Platz ist offen für jeden“, sagt er, während er am selbstgebrauten Bier nippt.

Gleich nebenan, in der gediegen eingerichteten Platzbar, sitzt Sven Geisenheiser. Zweimal wöchentlich steht er hier hinter der Theke. „Ich bin ehrenamtlicher Bartender“, sagt der 29-Jährige. Er interessiere sich für Stadtentwicklung, „da ist dies hier ein spannender Ort.“ Bislang sei der Platz eher eine Nische für eine Gemeinschaft gewesen. „Jetzt öffnet er sich mehr und mehr für die Stadtgesellschaft“, hat er beobachtet.

In dem Containerdorf ist viel im Fluss. Läden kommen und gehen, Mieter ziehen ein und wieder aus. Etwa 20 Projekte gebe es derzeit, sagt Mitbegründerin Jamuna Putzke – und die Verwaltung sei eine anspruchsvolle Aufgabe. „Bislang ist alles komplett ehrenamtlich organisiert“, sagt sie, „das ist eigentlich kaum noch zu leisten.“ Das ist eine der Lehren aus dem Experiment: Es findet keinen Abschluss. „Immer wieder gibt es neue Baustellen“, sagt Jamuna Putzke. „Fertig ist das Platzprojekt nie.“

Das Platzprojekt – ein Experimentierfeld

Das Containerdorf an der Fössestraße ist als Teil des Projektes „Jugend.Stadt.Labor“ entstanden. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) hat dabei in ganz Deutschland insgesamt acht Projekte gefördert, in denen junge Menschen die Chance bekommen sollten, ihr Lebensumfeld selbst zu gestalten. Das mit 120 000 Euro unterstützte Platzprojekt wurde als „städtisches „Experimentierfeld für Menschen mit Ideen und Begeisterungsfähigkeit und ein Ort vielfältiger Möglichkeiten“ gesponsert. Das BBSR beurteilt die Entwicklung dort durchaus positiv: Dort sei eine neue städtische Gemeinschaft entstanden, die einen wichtigen Beitrag zur jungen und experimentellen Kultur in der Stadt leiste, heißt es.

Von Simon Benne

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