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Hannover Rock ’n’ Roll im Altersheim
Nachrichten Hannover Rock ’n’ Roll im Altersheim
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08:00 27.04.2019
Rock mit Rollator: Musikpädagogin Frauke Hohberger und Musikstudentin Johanna Andres (mit Gitarre) leiten im Heinemannhof eine ungewöhnliche, aber sehr motivierte Band. Quelle: Foto: Clemens Heidrich
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Hannover

„Kurzer Soundcheck, bin gleich soweit“, sagt Frauke Hohberger und beugt sich über ihre Gitarre. Dann zählt sie „One, two, three, four!“ – und ihre Band legt los. Drafi Deutscher, Marmor, Stein und Eisen bricht. Luise trommelt, Karl schwingt das Tambourin, und Hans-Jürgen (Namen geändert) übernimmt die E-Gitarre, indem er mit Fingerbewegungen einem Tablet-Computer Töne entlockt.

Eine Band könnte kaum ungewöhnlicher sein. Ein gutes Dutzend Senioren sitzt im Pflegezentrum Heinemannhof im Kreis, die meisten sind hoch in den Siebzigern. Rollatoren stehen zwischen Gitarren und Trommeln. Manche in der Gruppe wissen nicht mehr, wie alt sie sind oder wo sie wohnen. Aber dass man nicht weint, wenn der Regen fällt, sondern laut „Damm, damm!“ ruft, das haben sie nicht vergessen. „Alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu“ – viele singen den Refrain lauthals mit, Füße wippen, Hände klatschen. „Wir sind schon eine gute Band“, sagt die grauhaarige Renate lächelnd. Sie ist Jahrgang 1943. Wie Mick Jagger.

Musik als Lebenselixier

Einst hat der Rock ’n’ Roll das Jungsein zum Lebensprinzip und die Jugend zum Ideal erhoben. Jetzt ist er selbst in die Jahre gekommen – doch für jene, die mit ihm alt geworden sind, wirkt er wie ein Lebenselixier. In den Pflegeheimen kommt allmählich jene Generation an, die mit Beatles und Stones groß geworden ist. Und deshalb ist Frauke Hohberger einmal pro Woche im Heinemannhof zu Gast.

„Viele unserer Musiker hier sind schwer demenzverändert“, sagt die Musikpädagogin, die früher selbst in diversen Bands gespielt hat. „Wir können mit ihnen nur auf emotionaler Ebene kommunizieren.“ Die vertraute Musik kann da Brücken zur Vergangenheit bauen; die alten Songs wecken bei den Senioren Erinnerungen. „Sie können am Leben teilhaben, indem sie selbst Musik machen“, erklärt die 54-jährige Expertin.

Seit mehr als einem Jahr gibt es das Projekt Generation Rock, bei dem die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Rock erfahrene Dozenten in unterschiedliche Senioreneinrichtungen schickt, um ihnen mit der Kraft der Musik ein Stück Freude und Energie zu schenken. Gesponsert wird die Aktion im Heinemannhof von der Bürgerstiftung Hannover.

Die Senioren singen hier davon, dass rote Lippen zum Küssen da sind und davon, dass die Freiheit über den Wolken wohl grenzenlos sein muss. „Jetzt eine Runde Beatles“, ruft Frauke Hohberger, ehe sie mit der Musikstudentin Johanna An-dres eine besinnliche Version von „Let it be“ anstimmt. „Kennt man“, sagt ein alter Herr, und eine Rentnerin mit Strickmütze formt mit faltigen Fingern ein Victory-Zeichen. Am Ende des Stücks klatscht Frauke Hohberger mit einem betagten Mitmusiker ab. „Klasse, Klaus!“. Klar, in dieser Runde sind alle per Du.

„Sinnstiftendes Projekt“

„Beim Singen fallen unseren Bewohnern die vertrauten Textzeilen wieder ein, sie lachen und strahlen“, sagt Betreuungsassistentin Karin Behre, die regelmäßig bei den Bandproben dabei ist. Sie kann Geschichten erzählen – wie die von dem längst verstummten Mann, der durch die Bandproben wieder angefangen hat, ein paar Worte zu sprechen.

Das Projekt Generation Rock

Für
Generation Rock gehen erfahrene Dozenten, unterstützt von jungen Musikern, in Pflege- und Seniorenheime, um mit den Bewohnern Rock- oder Schlagermusik zu machen. Bisher hat sich ein halbes Dutzend Einrichtungen in Hannover beteiligt. „Wir wollen es jedoch auf ganz Niedersachsen ausweiten – das Modell hat Zukunft“, sagt Vera Lüdeck. Die Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Rock hat das Projekt initiiert, das mit dem Musikvermittlungspreis von Musikland Niedersachsen und Niedersächsischer Sparkassenstiftung ausgezeichnet wurde. Finanziert wird es etwa von der Bürgerstiftung Hannover oder der Hannover Stiftung der Sparkasse. Um ein Jahr einmal wöchentlich in einem Heim Rock zu machen, braucht die LAG Rock rund 10 000 Euro. Infos unter (05 11) 35 16 09.

Je länger diese Rocksession dauert, desto mehr gehen die Musiker aus sich heraus. „Ich will keine Schokolade“ singen sie und „Schuld war nur der Bossa Nova“. Siegfried, der eine Baseballkappe trägt, steht zwischendurch immer wieder anlasslos auf und geht ziellos herum, dann verlässt er den Saal. Aber als die Band „Ich war noch niemals in New York“ anstimmt, ist er plötzlich wieder da. Jede Zeile singt er mit, und dabei lässt er seinen Tränen freien Lauf. Ein Sehnsuchtssong.

Nach fast zwei Stunden packt Frauke Hohberger die Instrumente schließlich zusammen. „Das ist ein wirklich sinnstiftendes Projekt“, sagt sie zufrieden, während die Senioren nach und nach lächelnd in ihre Wohnbereiche zurückkehren. „War schön“, sagt die grauhaarige Luise, die sonst nur noch wenig sagt. Man kann sicher sein, dass das nicht gelogen ist.

Von Simon Benne

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