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Hannover Sigmar Gabriel in Hannover: „Wir haben uns zu militärischen Vegetariern entwickelt“
Nachrichten Hannover Sigmar Gabriel in Hannover: „Wir haben uns zu militärischen Vegetariern entwickelt“
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21:26 19.06.2019
Elder Statesman im Historischen Museum: Sigmar Gabriel (l.) im Gespräch mit HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Sein Terminkalender ist noch immer voll, die Veranstaltung musste zweimal verschoben werden. Jetzt aber sitzt er da im Historischen Museum, und er wirkt entspannt. Salopp witzelt Sigmar Gabriel vor mehr als 100 Besuchern, dass er Donald Trump auch einmal ins Museum wünschen würde. Und locker plaudert er darüber, dass ein Außenminister sich nicht ums Klein-klein der Parteipolitik kümmern müsse und daher in der Regel rasch zum „Bonsai-Bundespräsidenten“ werde.

Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit er selbst sein Amt aus Außenminister verlor. Inzwischen plant er seinen Abschied aus Berlin und denkt schon einmal laut darüber nach, sein Bundestagsmandat vorzeitig niederzulegen. Im Gespräch mit HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt zeigt Gabriel, der im September 60 Jahre alt wird, dass er sich in der Rolle des Elder Statesman ziemlich wohl fühlt.

Europa muss sich verändern“

„Grundsätzlich haben sich die Machtachsen der Welt total verschoben“, sagt er. Es sei wie beim Ausgang des Mittelalters, als Venedig nach der Entdeckung Amerikas seinen Niedergang erlebte. Die Amerikaner befassten sich heute vor allem mit dem Konkurrenten China, Europa drohe ins Abseits zu geraten. „Europa muss sich dramatisch verändern“, fordert er bei der Veranstaltung, die die Initiative „Kultur.Schaffen“ um die frühere Kulturdezernentin Marlis Drevermann organisiert hat.

Vor kurzem hat der frühere SPD-Chef das Buch „Zeitenwende in der Weltpolitik“ veröffentlicht, er hat als Gastdozent in Harvard gelehrt. Klug und humorvoll fallen seine Exkurse in die Welt der Diplomatie aus: „Aufgrund unserer Geschichte haben wir uns zu militärischen Vegetariern entwickelt – aber wir leben leider in einer Welt der Fleischfresser“, sagt er. Und: „Wenn wir nur mit denen reden, die so sind wie wir, können wir Reisekosten sparen.“

„Trauen Sie Wladimir Putin?“

Gabriel lobt die Leistungsbereitschaft der Chinesen. Er warnt vor einem Ausstieg aus der Atomwaffenkontrolle. Er wirbt für Kompromisse – auch beim Klimaschutz, der nicht über Gebühr zu Lasten der Wirtschaft gehen dürfe. Und er sagt, dass Europa ein Interesse an einer stabilen Ukraine habe. „Trauen Sie Wladimir Putin?“, fragt Hendrik Brandt. Man brauche da Stärke und Dialogbereitschaft, sagt Gabriel diplomatisch – und die Dialogbereitschaft dürfe nicht auf der Strecke bleiben. „In der Ostukraine wird täglich geschossen – auf beiden Seiten“, sagt er und fordert eine bewaffnete UN-Blauhelm-Mission für diese Region.

Beredt schlägt er Bögen vom Phänomen Trump zu Deutschland: Der US-Präsident verkörpere für viele Amerikaner das Gegenteil der etablierten Washingtoner Elite, sagt er – ähnlich wie vor Trump schon Barack Obama. Auch die SPD müsse sich fragen, ob sie sich nicht von Teilen ihrer Wählerschaft entfernt habe. Die Globalisierung habe alle Grenzen eingerissen. „Sie können keinem erklären, warum wir es offensichtlich zugelassen haben, dass libanesische Clans sich in Berliner Stadtteilen aufführen, als wäre es rechtsfreier Raum.“

Am Ende des munteren Gespräches erntet er herzlichen Beifall – und mancher im Saal bedauert Gabriels Rückzug aus der Politik.

Von Simon Benne

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