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Hannover Messerangriff am Kröpcke: Täter muss in Psychiatrie
Nachrichten Hannover Messerangriff am Kröpcke: Täter muss in Psychiatrie
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15:24 05.04.2019
Das Landgericht hat entschieden, dass Francesco S. (r.) dauerhaft in einer Psychiatrie untergebracht wird. Die Gefahr einer erneuten Attacke sei zu groß.
Das Landgericht hat entschieden, dass Francesco S. (r.) dauerhaft in einer Psychiatrie untergebracht wird. Die Gefahr einer erneuten Attacke sei zu groß. Quelle: Peer Hellerling
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Hannover

Der 36-Jährige, der im Oktober 2018 einen jungen Mann in der U-Bahnstation Kröpcke lebensgefährlich mit einem Messer verletzt hatte, muss auf unbestimmte Zeit in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden. Das entschied das Landgericht Hannover am Freitagmittag. Francesco S. leidet seit mehreren Jahren an einer „akuten paranoid-halluzinatorischen Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“, weshalb schon zu Prozessbeginn eine mögliche Schuldunfähigkeit im Raum stand. Allerdings habe die Erkrankung „ein Ausmaß erreicht, dass wir sie als krankhaft einstufen müssen“, sagte Richter Wolfgang Rosenbusch bei seiner Urteilsbegründung.

Angeklagter lebt in seiner eigenen Welt

Die Kammer könne nicht ausschließen, dass S. irgendwann wieder plötzlich auf einen Menschen losgehen könnte. „Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass die nötigen Medikamente verlässlich genommen werden und keine Wiederholungsgefahr besteht“, sagte Rosenbusch. Bereits zuvor hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch S.s eigener Verteidiger in ihren Plädoyers unterstrichen, dass vom 36-Jährigen eine unkalkulierbare Gefahr ausgeht. Dass der Angeklagte den Angriff auf den 26-jährigen Cetin L. als Notwehr empfand und dass die Videoaufzeichnungen der Üstra im Nachhinein manipuliert worden sein sollten, zeige, „dass mein Mandant in einer anderen Welt lebt“, sagte Verteidiger Werner Theunert.

„Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass der Angeklagte unter einer Psychose leidet“, sagte ein Gutachter. S. habe Wahnvorstellungen und fühle sich verfolgt. Er sicherte seine Wohnung mit zusätzlichen Schlössern und einer simplen Alarmanlage ab. Ärzte, die seine Sicht auf die Welt nicht teilen, würden ihn mit angeblichen Medikamenten vergiften wollen. Diese Ängste habe S. nicht zuletzt auf L. projiziert. Deshalb habe es der 36-Jährige auch als Notwehr wahrgenommen, obwohl er den 26-Jährigen am Kröpcke von sich aus attackiert hatte. Nur vier Monate vor der Messerattacke hatte der 36-Jährige aufgehört, seine Medikamente zu nehmen. Die Psychose sei wahrscheinlich auf jahrelangen Marihuanakonsum zurückzuführen, wobei dies nicht eindeutig zu klären sei. „Cannabis erhöht das Risiko einer Psychose“, sagte der Experte, „andererseits konsumieren Patienten diese Droge auch im Anfangsstadium, um die Symptome zu lindern.“

Freilassung erst nach Besserung

Theoretisch wurde Francesco S. nun wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Sein Gegenüber erlitt den Stich in die Lunge nur knapp. Wegen der Psychose verhandelte das Landgericht den Fall jedoch als Sicherungsverfahren, um den 36-Jährigen zum Schutz der Allgemeinheit in einer geschlossenen Anstalt unterbringen zu können. „Die Fähigkeit, das Unrecht zum Zeitpunkt des Angriffs zu erkennen, war aufgehoben“, sagte Richter Rosenbusch. Außerdem fehle S. die Einsicht, krank zu sein. Rosenbusch: „Eine Freilassung wird es erst geben, wenn die Hilfe angenommen wird und eine Besserung erkennbar ist.“ Der 36-Jährige akzeptierte das Urteil noch im Gerichtssaal.

Von Peer Hellerling