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Hannover Tausende Schlesier treffen sich im HCC
Nachrichten Hannover Tausende Schlesier treffen sich im HCC
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00:18 16.06.2019
„Suche nach Identität liegt wieder im Trend“: Stephan Rauhut, Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, vorm HCC. Quelle: Tim Schaarschmidt

Herr Rauhut, an diesem Wochenende ist wieder Schlesiertreffen im HCC. Haben sich solche Veranstaltungen mehr als 70 Jahre nach der Vertreibung nicht überlebt?

Nein, denn sie betreffen ja nicht nur die Erlebnisgeneration. Interessanterweise kommen seit einigen Jahren verstärkt auch jüngere Besucher. Die Kinder der Vertriebenen wollten die Geschichten aus der alten Heimat und vom Grauen der Vertreibung oft nicht mehr hören, aber bei den Enkeln ist das Interesse an den eigenen Wurzeln wieder größer. Seit fünf Jahren verzeichnen wir in einigen Gruppen sogar mehr Neueintritte als Sterbefälle. Auch neue Gruppen haben sich gegründet. In Hannover erwarten wir mehr als 6000 Besucher, ähnlich wie vor zwei Jahren.

Aber was haben junge Leute aus Niedersachsen denn mit Schlesien zu tun?

Schlesien gehört zur Geschichte aller Deutschen; es ist eine reiche Kulturlandschaft mitten in Europa. Der Nobelpreis wurde 13-mal an Schlesier verliehen, und die deutsche Sprache ist von schlesischen Barockdichtern mit geprägt worden. Junge Menschen in Niedersachsen haben mit größerer Wahrscheinlichkeit mehr Vorfahren in Schlesien als Jugendliche in anderen Bundesländern. Mehr als 720 000 Menschen gelangten nach der Vertreibung 1946 nach Niedersachsen. Später kamen Zehntausende Aussiedler aus Schlesien hinzu. Der Begriff Heimat galt vielen lange Jahre als reaktionär, doch mittlerweile liegt die Suche nach Identität wieder im Trend – bis hin zum Wiederentdecken alter Kochrezepte.

Trotzdem ist auch ihre Landsmannschaft lange eher durch schrille Töne und rechtslastige Äußerungen aufgefallen.

Sicher, es gab in der Vergangenheit auch provokante Äußerungen von Vertriebenenvertretern, aber positive Nachrichten über den Aufbruch und die Begeisterung der nächsten Generation dringen leider nicht immer in den Medien durch. Vor fünf Jahren haben wir eine Trendwende geschafft. Inzwischen unterstützt uns unser Patenland Niedersachsen wieder mit 150 000 Euro im Jahr. Das ist ein guter Anfang. Wir wollen jetzt neben unserer Bundesgeschäftsstelle in Königswinter eine Niederlassung in Hannover eröffnen, auch um grenzüberschreitende Veranstaltungen zu organisieren, beispielsweise Seminare für Studenten und Schüler aus Deutschland und Polen. Und wir wollen die Begeisterung der Schlesier und ihrer Nachkommen in Niedersachsen neu entfachen und die hiesigen landsmannschaftlichen Strukturen wieder stärken.

Sind Vertriebenenverbände nicht für die Polen ein rotes Tuch?

Mittlerweile pflegen wir sehr gute Kontakte zu Politikern aller Parteien in Breslau oder Oppeln. Wenn es einmal Differenzen gibt, etwa wenn es um die Rechte der deutschen Minderheit geht, können wir offen darüber reden. Polen sprechen uns oft von sich aus an, wenn es beispielsweise darum geht, alte Denkmäler aus deutscher Zeit gemeinsam instand zu halten. Die Begeisterung für Schlesiens deutsche Vergangenheit ist in Polen und Tschechien viel größer als bei uns. Dort werden alte deutschsprachige Inschriften inzwischen liebevoll herausgeputzt, es gibt viele Dörfer mit zweisprachigen Ortsschildern. Noch vor wenigen Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen.

Interview: Simon Benne

Stephan Rauhut

Stephan Rauhut wurde 1974 in Görlitz geboren, seine Großeltern stammten aus dem schlesischen Bunzlau. Der Bankkaufmann und Vermögensberater lebt in Bonn, ist CDU-Mitglied und seit 2013 Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, die schätzungsweise 200 000 Mitglieder zählt. Das Schlesiertreffen in Hannover beginnt am Freitag, 14. Juni, mit einem ökumenischen Gottesdienst um 17 Uhr in der Marktkirche. Am Sonnabend und Sonntag gibt es unter dem Motto „Wir sind Schlesien“ zahlreiche Veranstaltungen im HCC. Bei der politischen Hauptkundgebung am Sonntag um 11.30 Uhr ist dort Innenminister Boris Pistorius zu Gast.

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Von Simon Benne

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