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Hannover Zukunftstag: Unternehmen lassen Schüler für einen Tag mitarbeiten
Nachrichten Hannover Zukunftstag: Unternehmen lassen Schüler für einen Tag mitarbeiten
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00:15 31.03.2019
Drei Männer, ein großer Spaß in der Kita. Der kleine Til (Bild links), der große Till (12, Bildmitte), und der Erzieher Joram "Jo". Quelle: SAMANTHA_FRANSON
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Hannover

Tapfer sind sie – alle vier. Und tierbegeistert. Es liegt wohl an dieser Kombination, dass Jora, Nele, Mia und Luise nicht zusammenschrecken, als ihnen eröffnet wird, dass sie an ihrem Zukunftstag bei Tierarzt Malte Pfohl einer echten Operation beiwohnen dürfen. Ratonero-Rüde Lucito habe sich vor einem Jahr „,mit einem Stöckchen angelegt“, erzählt Pfohl. Zwei Splitter, tief im Hals sitzend, hat der Hund davongetragen, seitdem plagen ihn Entzündungen. Deshalb müssen die Splitter jetzt unter Narkose raus.

Im Gegenteil: Erstaunlich gefasst wirken die vier Mädchen zwischen 10 und zwölf Jahren, als es an die Ruhigstellung des Tieres mit einem Beruhigungsmittel geht. Auch als der Hund intubiert wird, selbst als er schlafend, mit breit gespreizten Beinen, auf dem OP-Tisch in der Kleintierpraxis in der Jakobistraße 43 liegt, und immer mehr blutige Wattetupfer sich in seiner Umgebung häufen, stellen die Mädchen noch interessierte Fragen. Wie lange wird die Operation dauern? (Zirka zehn Minuten.) Warum verwendet der Tierarzt so viel Plastikmüll? (Die sterilen Instrumente sind darin verpackt.) Fragen über Fragen.

Aber als Pfohl sich daran macht, seinem tierischen Patienten ins Fleisch zu schneiden, geht das den Schülerinnen doch an die Nieren. „Gruselig, eklig, man hat doch Angst, dass der Hund das spürt“ sind hinterher die Kommentare. Aber die Mädchen halten durch. Apropos Mädchen? Wieso sind an diesem Tag eigentlich keine Jungen beim Tierarzt zu Besuch? Eigentlich sollen Schüler sich am Zukunftstag doch in geschlechteruntypischen Berufen umtun.

Schüler wählen oft geschlechtstypische Berufe

Zumindest im Gesetzestext ist die Sache mit dem Zukunftstag für Jungen und Mädchen“ jedenfalls ganz schön ernst formuliert. „Nachhaltig dazu beitragen, geschlechtsspezifisches Berufswahlverhalten aufzubrechen“, soll er, so ist es auf der Website des niedersächsischen Kultusministeriums zu lesen. Mädchen sollen „typische Männerberufe“ , Jungen eher „typische Frauenberufe“ entdecken. Warum? Statistiken, so argumentiert das Ministerium, belegten klar, dass Mädchen wie Jungen sich bei der Berufswahl mehrheitlich auf etwa zehn typische Männer- oder Frauenberufe konzentrierten. Dabei umfasse das Spektrum 350 Ausbildungsberufe. Tierarzt, so bestätigt es Malte Pfohl, ist bislang ein klassischer Frauenberuf. 90 Prozent Frauen, zehn Prozent Männer, so habe es während seines Studiums ausgesehen, erzählt der Vater zweier Kinder. Am Zukunftstag liegt die Frauenquote bei seinen Besucherinnen bei 100 Prozent. Pfohl ist das nicht so wichtig. Er findet entscheidend, dass Schüler überhaupt die Chance haben, seinen Job kennenzulernen, sagt er – und funktioniert den Zukunftstag kurzerhand zu einer Art Berufsschnuppertag um.

Mit dieser Haltung ist der Lister Tierarzt nicht allein. Die Polizeidirektion Hannover beispielsweise, deren Berufsbild mancher vermutlich eher auf der Männerseite verorten würde, lässt sich auf das Spiel der Geschlechter gar nicht erst ein. „Wir wollen am Zukunftstag den Nachwuchs für den Polizeidienst begeistern, dabei sind uns Mädchen genauso wie Jungen lieb“, sagt Pressesprecherin Antje Heilmann. Der Erfolg ist riesig: 728 Schüler haben sich diesmal angemeldet, um Einblicke in die Lage- und Führungszentrale, in Tatort- und Ermittlungsarbeit zu bekommen oder Hunde- und Reiterstaffel zu besichtigen.

Getrennte Aktionen bei der Region Hannover

In der Verwaltung der Region Hannover dagegen gibt es auch getrennte Aktionen für Jungen und Mädchen. „Wir versuchen unseren Zukunftstag entgegen den tradierten Rollenbildern zu besetzen“, sagt Regionssprecherin Christina Kreutz. Jungen erhalten deshalb beispielsweise Einblicke in den Beruf des Erziehers, Mädchen dagegen gucken sich in der Werkstatt der Hausmeister um. Insgesamt lassen sich 120 Kinder und Jugendliche in der Regionsverwaltung die EDV-Abteilung zeigen, schnuppern im Gesundheitsamt oder im Team Hilfe zur Pflege. Mit 158 Mädchen und 159 Jungen ist der Zukunftstag bei der Stadt Hannover sowieso schon nahezu paritätisch besetzt. Immerhin 15 Mädchen tummeln sich im traditionell männerlastigen Fachbereich Feuerwehr, 20 sind im Fachbereich Tiefbau unterwegs, 50 Jungen sind dagegen in städtischen Kitas.

Kitas brauchen Männer und Frauen als Erzieher

Was das bringt, kann man an diesem Tag in der Kita „Weltkinder“ der Johanniter erleben. Die Einrichtung will Jungen für den Beruf des Erziehers werben – und gerade dieser Kita fällt das besonders leicht. Mit Jan Vogel ist nicht nur der Kita-Leiter männlich, ein Drittel der Erzieherstellen sind mit Männern besetzt. Es sei wichtig, dass Kinder in der Kita Männer und Frauen erlebten, sagt Vogel. Woran macht er Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest? Die Toleranz von männlichen Erziehern beim Raufen, Klettern, Toben der Kinder sei oft größer als bei Frauen, sagt Vogel. Erzieher Joram Weingarth, genannt „Joe“, hat selbst erlebt, dass ein Praktikum ihn in Sachen Erzieherberuf auf den Geschmack brachte. Um so wichtiger war ihm, dass die Kita ihre freien Plätze zunächst nur auf der Jungen-Zukunftstagswebsite „Boys’ Day“ anbot. Immerhin: zwei Jungen kamen, unter ihnen der zwölfjährige Till. Der Schüler der KGS Hemmingen verbringt bereits zum zweiten Mal einen Zukunftstag in einer Kita. Zunächst war er in seiner eigenen zu Besuch. Jetzt hat er sich bei den „Weltkindern“ beworben. Till ist, was Geschlechterfragen angeht, allerdings erfrischend gelassen. Er mag den Umgang mit kleinen Kindern, sagt er. Ist es ihm wichtig, dass es für seinen potentiellen Berufswunsch männliche Vorbilder gibt? „Eigentlich nö“, sagt er schlicht: „Ich wollt’ einfach noch ’mal ausprobieren, in den Kindergarten zu gehen. Und ich find’s einfach cool.“

Von Jutta Rinas

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