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Hannover Wie Demonstranten vor 50 Jahren die Üstra lahmlegten
Nachrichten Hannover Wie Demonstranten vor 50 Jahren die Üstra lahmlegten
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20:00 06.06.2019
Mitfahrer gesucht: Zehntausende beteiligten sich im Juni 1969 an der Rote-Punkt-Aktion. Quelle: Hauschild
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Hannover

Der Schlachtruf ist in die Annalen der Stadt eingegangen: „Üstra, Üstra, Ungeheuer, erstens Scheiße, zweitens teuer!“ So riefen die Demonstranten im Juni 1969 – und vertraten damit auch die Meinung der schweigenden Mehrheit.

Der ohnehin unbeliebte Verkehrsbetrieb hatte eine drastische Erhöhung der Fahrpreise verkündet; die Sammelkarte sollte statt 50 plötzlich 67 Pfennig kosten. Zugleich zahlte die Üstra, damals mehrheitlich im Besitz von Preussen-Elektra, an ihre Aktionäre aber eine satte Dividende aus. Linke Achtundsechziger entdeckten in dem Unternehmen prompt die hässliche Fratze der kapitalistischen Obrigkeit – und damit waren sie nicht allein. „Es war das erste Mal“, sollte der „Spiegel“ später schreiben, „dass Opas die APO verstanden.“

Heinz Förster war damals gerade 15 Jahre alt, und er stand gewissermaßen im Dienste des „Ungeheuers“. Er hatte gerade eine Lehre als Betriebsschlosser bei der Üstra begonnen. „Im ersten Lehrjahr gab es 110 Mark brutto im Monat“, sagt er. Aus Groß Munzel, wo er noch heute lebt, fuhr er jeden Morgen mit dem Bus nach Hannover, um pünktlich um 6.30 Uhr in der Lehrwerkstatt an der Glocksee zu sein.

Täglich wuchs der Widerstand

Empörte Studenten verteilten unterdessen Flugblätter, in denen sie eine Rücknahme der Fahrpreiserhöhung forderten. Am 7. Juni kam es zur ersten großen Demo am Opernhaus. Rund 300 junge Leute blockierten die Schienen. Besonders der Steintorkreisel rückte ins Visier der Protestler. Tag für Tag wuchs der Widerstand, bald rückten Polizisten an, die mit Schlagstöcken gegen die zumeist friedlichen Demonstranten vorgingen. Und schließlich stoppte die Üstra alle Bahnen und stellte den Verkehr ein.

„Ich wartete in Groß Munzel auf meinen Bus, doch der kam nicht“, sagt Heinz Förster. Stattdessen hielt ein Autofahrer und bot an, ihn mitzunehmen. Wo er denn arbeite, wollte der Fahrer wissen – und der Üstra-Lehrling verleugnete sicherheitshalber seinen Arbeitgeber: „Beim Gaswerk am Goetheplatz“, sagte er. Das war in jenen Tagen unverfänglicher. Für die Fahrt zurück nach Groß Munzel brauchte er sieben Mitfahrgelegenheiten; jeder nahm ihn für ein paar Kilometer mit. „Es wurde verdammt spät an dem Tag“, sagt er schmunzelnd.

Der Lehrling war nicht der einzige, der vom Schienenersatzverkehr profitierte. Autofahrer, die einen roten Punkt an die Windschutzscheibe klebten, erklärten sich so bereit, Anhalter mitzunehmen. Die Stadtverwaltung verteilte 50 000 rote Punkte, auch die HAZ druckte diese. Zeitweise soll jedes zweite Auto in Hannover einen Punkt an der Scheibe gehabt haben. Die Menschen machten mit; teils aus politischer Überzeugung, teils weil Aufmüpfigkeit um 1968 trendy war, und dann natürlich, weil billige Tickets sich nun mal größerer Beliebtheit erfreuen als teure.

Anarchisches Spektakel

Die Rote-Punkt-Aktion ist ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingegangen als anarchisches Freiheitsspektakel und lustvolles Aufbegehren gegen Autoritäten, als Fest solidarischer Allverbundenheit und erfolgreiches Weltverbesserungshappening. Die Zahl der Anekdoten, die über jene Tage im Juni 1969 kursieren, ist Legion. Auch Konservative sympathisierten mit den Revoluzzern, die da der Staatsmacht die Stirn boten. Nur bei der Üstra sahen viele die Proteste mit Unbehagen.

Viele gestandene Mitarbeiter fühlten sich dadurch in ihrer Berufsehre gekränkt. Anschläge auf Pünktlichkeit und Betriebsablauf nahmen sie persönlich, und diese langhaarigen Studenten hatte mancher sowieso auf dem Kieker. Heinz Förster bekam in der Lehrwerkstatt von den Unruhen wenig mit. Doch bald kursierten Geschichten darüber, dass Demonstranten Beton in Schienen gegossen und Weichen blockiert hatten. „Der Lehrmeister fürchtete, sie könnten auch Betriebshof und Werkstatt besetzen“, sagt Förster.

Am 17. Juni feierten die Aktivisten ihren Sieg mit einem Autokorso, die Üstra musste klein beigeben. Ein 50-Pfennig-Einheitstarif wurde eingeführt. Doch auch für die skeptischen Mitarbeiter hatten sich die Proteste am Ende gelohnt. Die Üstra wurde kommunalisiert, die Mitarbeiter wie im öffentlichen Dienst bezahlt. „In der Lohntüte hatten wir plötzlich mehr als zuvor“, sagt Förster, der bis 2013 bei der Üstra arbeitete.

Dass er 1969 zu dem Verkehrsbetrieb ging, habe er nie bereut, sagt Förster. Der 65-jährige ist heute im Vorstand einer Rentnergruppe, die sich regelmäßig trifft. Gelegentlich kommt dann das Gespräch auch auf die Rote-Punkt-Aktion. Und dann seien sich alle einig, sagt er: „Etwas besseres hätte uns nicht passieren können.“

Schnupperfahrten und Erinnerungscafé: Die Üstra feiert das Jubiläum

Nach der Rote-Punkt-Aktion wurde die Üstra kommunalisiert – die Verkehrsbetriebe feiern das Jubiläum daher als Geburtsstunde der modernen Üstra. Am Pfingstsonntag und Pfingstmontag gibt es dazu Schnupperfahrten mit dem ersten aufgearbeiteten TW 6000. Mit dem seit 1974 eingeführten Stadtbahnsystem übernahm die Üstra auch Grün als Unternehmensfarbe. Derzeit werden 40 Bahnen des Typs aufgearbeitet. Der erste runderneuerte TW 6000 ist am 9. und 10. Juni von 10 bis 18 Uhr zwischen Hauptbahnhof/ZOB und Goetheplatz unterwegs. Außerdem wird vor dem Hauptbahnhof die mobile Ausstellung „Vom Roten Punkt zur grünen Üstra“ gezeigt.

Ein Erinnerungscafé zur Rote-Punkt-Aktion gibt es im Historischen Museum, Pferdestraße 6. Dabei berichten Zeitzeugen von ihren Erlebnissen. Unter anderem ist dort der damalige Schüler Matthias Sesselmann zu Gast, der die Proteste mit der Super-8-Kamera in einem Farbfilm festhielt, den er im Museum präsentiert. Außerdem sind der Anwalt Matthias Waldraff, der U-Bahn-Planer Klaus Scheelhaase und Üstra-Sprecher Udo Iwannek zu Gast. Es moderiert HAZ-Redakteur Simon Benne. Beginn ist am Donnerstag, 13. Juni, um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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Von Simon Benne

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