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18:07 21.01.2018
In Hannover ist kein böses Wort über Helmut Kentler zu hören. Im Gegenteil – alle kamen mit dem Hochschullehrer gut aus. Dass er in Berlin Straßenkinder an Pädosexuelle vermittelt hatte, wusste anscheinend niemand. Quelle: ullstein bild
Hannover

Berlin, Ende der Sechzigerjahre: Der damals 41-Jährige Helmut Kentler bringt Straßenkinder bei pädophilen Pflegevätern unter. Stören tut es niemanden. Im Gegenteil: Das „Modellprojekt“ wird vom Jugendamt genehmigt.  Hannover, Anfang der Neunzigerjahre. Kentler ist mittlerweile hochdekoriert, Sexualwissenschaftler und Sozialpädagogik-Professor an der Technischen Universität Hannover. Plötzlich sieht er sich Anfeindungen wegen pädosexueller Thesen ausgesetzt. An der Fachschule für Sozialpädagogik  brüllen ihn Studenten nieder. Die Frauenzeitschrift „Emma“ bezeichnet ihn als „Päderasten“. 

Der große Aufschrei bleibt dennoch aus. Nicht nur das: Nach HAZ-Recherchen stärken ihm die Geistes- und Sozialwissenschaften der Uni Hannover öffentlich den Rücken. Die Fakultät habe sich in einem Beschluss hinter ihn gestellt, freut sich Kentler in einem Rundbrief, in dem er Freunde alljährlich über persönliche Ereignisse informiert. Der Geschichtsforscher Rainer Hoffschildt bewahrt einige davon in einer privaten Sammlung im „Schwullesbischen Archiv Hannover“ auf.  „Verantwortungsvoll“ könne man das Verhalten der Fakultät erst in dem geplanten Gutachten klären, heißt es vonseiten der Leibniz-Uni . 

Was sagen die Briefe aus? Wer ist dieser Helmut Kentler, der für Homosexuelle wie für Eltern, die sich für ihre Kinder einen offeneren Umgang mit Sexualität wünschen, zur Ikone wird ? 

Die Homosexuellenbewegung

Der hannoversche Pastor Hans-Jürgen Meyer hält nach Kentlers Tod in Marienwerder die Beerdigungsrede. Meyer hat die Repressionen, denen Homosexuelle früher ausgesetzt waren, selbst erlebt. Er schreibt Kirchengeschichte, als er sich viele Jahre dagegen wehrt, als Pastor nicht arbeiten zu dürfen, weil er offen mit seinem Partner zusammenlebt. Sein Anwalt: der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Meyer erinnert in seiner Grabrede daran, welchen Eindruck es auf ihn macht, dass Kentler sich in den frühen Achtzigerjahren öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt, nachdem er  zuvor „ein halbes Leben geschwiegen hat“. Meyer weiß auch, wie leicht schwule Männer unter Generalverdacht geraten: „Mir hat jeder unterstellt, dass ich was mit meinen Konfirmanden anfange.“ Kentler habe einen neuen, ganzheitlichen Begriff von Sexualität geprägt, der gerade bei schwulen Männern nicht nur den Sex, sondern auch Berührungen, Zärtlichkeit, mit einbezieht. Ein Urteil über ihn müsse den Zeitgeist reflektieren. Man habe sich damals gegen die Prüderie der Nachkriegsjahre gewehrt, habe Grenzen, Verbote hinterfragt, auch über Pädophilie offen diskutiert. 

Erklärt das, warum Kentler in Büchern Sex zwischen Straßenkindern und pädophilen Pflegevätern offen billigen kann, ohne dass es seiner Rolle als bewunderter Pädagoge je Abbruch tut? Was für eine Rolle spielt dabei der Mensch Helmut Kentler?

Die Universität Hannover

Wer mit dem hannoverschen Politikwissenschaftler Joachim Perels redet, bekommt eine Ahnung davon, wie charismatisch Kentler gewesen sein muss. „Lieblingsprofessor“ nennt der Sexualwissenschaftler Perels in seinen Briefen, freut sich darüber, dass Perels bei seiner Emeritierung 1996 spricht.  Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit.  „Mein Freund“ nennt Perels den früheren Kollegen jetzt noch. „ Außerordentlich geschätzt“ habe er ihn. „Ungewöhnlich empathiefähig“ sei er gewesen - auch in Bezug auf Perels Biografie.  Der Politikwissenschaftler ist Sohn des 1945 von Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Friedrich Justus PerelsKentler dagegen, so erinnert es Perels, sei Sohn eines in NS-Machenschaften verstrickten Generals gewesen. Man müsse den Fall Kentler gründlich aufarbeiten, betont der heute 75-Jährige. Aber man dürfe dessen wissenschaftlichen Verdienste nicht vergessen, Aufsätze wie jene in den von Eugen Kogon und Walter Dirks herausgegebenen „Frankfurter Heften“. Kannte Perels Kentlers problematische Schriften? „Nein“. Es ist nicht der einzige blinde Fleck in der Beziehung der Wissenschaftler. Erwähnte Kentler je sein pädosexuelles „Modellprojekt“? Spielte dessen Homosexualität an der Uni Hannover überhaupt eine größere Rolle? „Nein“, sagt Perels, „nicht dass ich wüßte“. Wie geht er damit um, dass „dem Freund“ heute Verstrickungen in pädophile Netzwerke vorgeworfen werden? “Das macht mich traurig“, sagt Perels schlicht. „Ich kann mir das nicht vorstellen, habe nichts davon gewußt.“

Die Nachbarn in Marienwerder

Diesen Satz unterschreibt das Ehepaar Eva-Maria und Klaus Scheelhaase uneingeschränkt. Die beiden - er ist langjähriger Leiter des städtischen U-Bahn-Amtes, sie Hausfrau, Mutter zweier Kinder und Künstlerin - wohnen fast 30 Jahre mit Kentler in der Gartenhofsiedlung Marienwerder. Sie sind leben Tür an Tür, feiern Weihnachten mit dem alleinstehenden Mann, der drei Adoptivsöhne großzieht und erleben muss, dass einer als junger Mann Selbstmord begeht. Ungerecht, einseitig, sei das Bild, das jetzt von Kentler gezeichnet werde. Als klug, freundlich, tolerant, großzügig, sozial engagiert, haben sie ihn erlebt. Eva-Maria Scheelhaase ärgert, dass die Vorwürfe gegen Kentler erst posthum so große Kreise ziehen. Man habe über alles mit ihm reden, streiten können: „Jetzt kann er sich nicht mehr wehren.“  In Kentlers Rundbriefen wird deutlich, um wie viele Jungen er sich zeitweilig kümmert. Von bis zu sieben „Pflegesöhnen“ ist die Rede. Heimkinder sind darunter. Ausreißer. Jungen, die aus traurigsten familiären Verhältnissen stammen. Manche waren wegen kleinerer Diebstähle, Autoklauereien, bereits mit dem Gesetz in Konflikt. „Ich mag ja die Aggressiven. Sie wollen noch was an sich und der Welt ändern“, schreibt Kentler. Man spürt, dass der Sozialpädagoge ein Gefühl für problematische Kinder hat. „Wir müssen mal klären, wer du bist?“, sagt ein Zwölfjähriger laut Rundbrief zu ihm. „Einen Vater hab ich ja, aber den hasse ich. Ich hab mir immer einen Opi gewünscht. Darf ich nicht Opi zu Dir sagen?“ Kentler versucht Pflegestellen zu vermitteln, schreibt Gutachten,  redet, spricht Probleme offen an: „Bitte schreib mir mal ausführlich, was mit Dir los ist und laß auch den Mist nicht aus, den Du gemacht hast.“  

Wie geht Kentler  in der Gartenhofsiedlung mit Kindern um? Er habe ungewöhnliche Fähigkeiten gehabt, sagt Eva-Maria Scheelhaase. Eines Abends klingelt ein Jugendlicher. Wie sich später herausstellt, ist er psychisch krank. Als er abgewiesen wird, versucht er über den Garten in eines der Reihenhäuser einzudringen, schlägt bei Kentler ein Fenster ein. Der sei auf den Jungen zugegangen und habe freundlich gefragt, ob er verletzt sei, erzählt Eva-Maria Scheelhaase. Ruhig hätten sie nebeneinander gesessen und dann die Polizei gerufen. Das Bild vergisst sie nie.

Kentler gibt auch Nachhilfe in der Siedlung. Auch dem Sohn der Scheelhaases. Wurde ihnen nicht angst und bange, als sie von den Pädophilievorwürfen hörten? „Wir haben unseren Sohn sofort gefragt“,  sagt Eva-Maria Scheelhaase. „Da war nichts“. Die Adoptivsöhne und ein, zwei Pflegesöhne hätten sie gekannt. Sie seien nicht schwieriger als andere Jungen gewesen. „Wir glauben, dass zumindest hier in Hannover nichts Unrechtes geschehen ist“, sagt der 85-jährige Klaus Scheelhaase. Aber wie kann es sein, dass ausgerechnet der so einfühlsame, sozial kompetente Forscher das Leid seiner Schützlinge in den Berliner Pflegestellen übersieht? Kentler rühmt sich damit, dass er die Pflegestellen zweimal in der Woche besucht. Zu einigen Jungen hält er jahrzehntelang Kontakt. Kann ihm entgangen sein, dass es – wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ jetzt berichtete, in einer Pflegestelle über ein Jahrzehnt hinweg zu schwerstem sexuellen Missbrauch kommt? Oder hat er ein besonders perfides Netz aus Tarnungen und Täuschungen gespannt? 

Man wird am Ende wohl auch auf die von ihm betreuten Jungen angewiesen sein, um das zu klären.  Darauf, ob sie öffentlich sprechen. Für oder gegen Kentler. Sonst kommt die Wahrheit möglicherweise nicht mehr ans Licht.

Von Jutta Rinas

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