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Hannover Wieder Hochzeitskorso: Dieses Mal fallen auch Schüsse
Nachrichten Hannover Wieder Hochzeitskorso: Dieses Mal fallen auch Schüsse
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19:24 29.04.2019
Auch am Sonntag gab es einen illegalen Hochzeitskorso in Hannover, dabei fielen sogar mehrere Schüsse. Quelle: dpa
Hannover

Nur einen Tag nach dem illegalen Hochzeitskorso auf der Autobahn 2 zwischen Wunstorf und Hannover ist die Polizei zu einem ähnlichen Vorfall nach Vahrenwald gerufen worden. Ein Zeuge hatte die Beamten gegen 15.45 Uhr alarmiert, nachdem ein Teilnehmer sogar mehrere Schüsse abgegeben hatte. „Der VW-Fahrer hielt an einer roten Ampel an der Guts-Muths-Straße, stieg aus und feuerte mehrfach mit einer Schusswaffe in die Luft“, sagt Behördensprecherin Isabel Christian. Ein Augenzeuge berichtet der HAZ, es soll fünf bis sechs Mal geknallt haben. „Erst hatte man nur das typische Hochzeitsgehupe gehört“, sagt er. Beim Blick aus dem Fenster sah er, dass ein schwarzer Mercedes und ein weißer Audi Q7 die Straße blockierten und sich ein Stau gebildet hatte.

Schusswaffe und Munition im Wagen

Der Weg führte die laute Gesellschaft dann wenige Minuten später weiter über die Vahrenwalder Straße Richtung Nordstadt, laut Christian riefen in der Zeit weitere Zeugen an. Sie alle berichtete von etwa zehn Fahrzeugen mit türkischen Flaggen an Bord. „Weitere Schüsse soll es aber nicht gegeben haben“, sagt sie. Zufall im Rahmen der Ermittlungen: Zwei Fahrzeuge kamen direkt vor der Nordstadt-Wache an der Bodestraße vorbei – und wurden sogleich angehalten. „Darunter war das Auto des mutmaßlichen Schützen“, sagt Christian. Die Ermittler durchsuchten den VW und entdeckten dort sowohl eine Schreckschusswaffe als auch passende Munition. Christian: „Für beides konnte der 19-Jährige keine Besitzkarte vorlegen.“

Die Polizei ermittelt nun wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz gegen den jungen Mann, gleichzeitig wurde die Führerscheinstelle über den Vorfall informiert – der Verdächtige befand sich noch in der Probezeit. Strafbares Verhalten wie beispielsweise Nötigung oder einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr sei dem 19-Jährigen dagegen nicht nachzuweisen gewesen. „Nach bisherigen Erkenntnissen hat der Korso niemanden behindert“, sagt Christian. Deshalb wird auch nicht weiter gegen den zweiten gestoppten Autofahrer ermittelt.

Zweiter Vorfall in 24 Stunden

Ganz ander nur einen Tag zuvor auf der Autobahn 2: Dort behinderten vier Autos eines türkischen Hochzeitskorsos am Sonnabend den Verkehr. Die Fahrzeuge blockierten alle drei Spuren und waren nur mit Tempo 80 unterwegs. Sie bremsten alle anderen Verkehrsteilnehmer ab und ließen es auch nicht zu, überholt zu werden. Noch vor Eintreffen der Polizei konnten die Unbekannten jedoch bei Herrenhausen in Richtung Innenstadt davonfahren. Laut Polizei gebe es nach dem Zeugenaufruf inzwischen aber „mehrere konkrete Hinweise“, die nun geprüft werden. Bei Burgdorf wiederum gab es Mitte April auf der Bundesstraße 3 einen Hochzeitskorso mit rund 20 Autos, auch dort fielen Schüsse.

Hochzeitskorso als „Machtdemonstration“

Alexander Zimbehl, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Niedersachsen, bezeichnete das Verhalten der Teilnehmer in der HAZ als „Machtdemonstration gegenüber dem Staat und der Bevölkerung“. Er begrüßte daher den Vorstoß mehrerer Bundesländer, künftig härter gegen solche Hochzeitskorsos durchzugreifen. Ob die Zahl der Fälle steigt, ist allerdings offen. „Aktuell werden die Erkenntnisse gebündelt und intern bewertet“, teilt Bastian Lückfeldt, Sprecher des Landesinnenministeriums, mit. Ziel sei es, „alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen“. Denkbar sei das Beschlagnahmen des Führerscheins oder des Autos.

Die rechtlichen Hürden müssten jedoch erst angepasst werden, die meisten Verstöße werden als Ordnungswidrigkeit gewertet. Laut Bußgeldkatalog kostet lautes Lärmen durch Hupen beispielsweise lediglich zehn Euro, sinnloses Umherfahren wird mit 20 Euro geahndet. Erst bei Nötigung, gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr oder Verstößen gegen das Waffengesetz werden härtere Strafen fällig – so sie denn nachzuweisen sind.

„Toleranz stößt an Grenzen“

Prof. Machleidt, was steckt hinter den Autokorsos bei türkischen Hochzeiten?

Zunächst sind sie ein überbordener Ausdruck von Lebensfreude. Besondere Feste wie Hochzeiten gelten in jeder Gesellschaft als Anlässe, denen man mit großer sozialer Toleranz begegnet. Als meine Frau und ich geheiratet haben, gab es auch einen Autokorso, und das war 1976 in Ostfriesland.

Der dürfte jedoch nicht so groß ausgefallen sein wie jetzt die türkischen Autokorsos.

Generell werden in der Türkei Hochzeiten oft besonders aufwendig gefeiert; Familien verschulden sich dafür teils hoch. Hochzeitsfeiern unterstreichen die Bedeutung einer Familie, und sie haben feste Rituale. Diese dienen auch der Selbstvergewisserung und werden in der Fremde oft ganz besonders gepflegt, um die eigene Identität zu betonen. Beim Autokorso demonstriert eine selbstbewusster gewordene Bevölkerungsgruppe ihr eigenes Brauchtum. Er ist ein kulturelles Ausrufezeichen.

Wo aber ist die Grenze dessen, was wir akzeptieren müssen?

Prolematisch wird es, wenn Autobahnen blockiert werden oder in die Luft geschossen wird. In solchen teils aggressiven, provokanten Aktionen kann man auch einen Protest gegen die Aufnahmegesellschaft sehen. Doch da stößt die Toleranz zu Recht an Grenzen. Auf strafbares Verhalten müssen klare Sanktionen erfolgen.

Interview: Simon Benne

Von Peer Hellerling

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