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Hannover Kirche Christi Wissenschafter löst sich auf
Nachrichten Hannover Kirche Christi Wissenschafter löst sich auf
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12:18 21.12.2018
Nur noch ein Dutzend Mitglieder: Die Zweite Kirche Christi Wissenschafter in der Nikolaustraße. Quelle: Benne
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Hannover

Zwischen den Gläubigen ist viel Platz in den Sitzreihen. Genau ein Dutzend Mitglieder hat die Gemeinde noch, und genau ein Dutzend ist zu diesem Gottesdienst gekommen. Mehr als 100 Jahre lang gab es die „Zweite Kirche Christi, Wissenschafter“ in Hannover. Jetzt hat die Gemeinschaft mit der eigenwilligen Kommasetzung im Namen beschlossen, sich aufzulösen. Am 30. Dezember gibt es den letzten Gottesdienst in der kleinen Kirche in der Nikolaistraße.

„Über die Jahre sind wir immer weniger geworden, die meisten sind heute im Rentenalter“, sagt Dirk Leverentz. Der 74-Jährige wird als letzter Vorsitzender in die bald abgeschlossene Geschichte der 1913 begründeten Gemeinde eingehen. Er muss diese nun abwickeln. Das Gebäude, zu dem neben dem schlichten Kirchsaal mit Orgel und gut 100 Stühlen auch ein kleiner Leseraum gehört, wird verkauft, die Möbel veräußert, der Verein liquidiert. Es ist das gleiche Schicksal, das auch die Gemeinden der großen Kirchen ereilen kann, wenn der Mitgliederschwund anhält: Der letzte macht das Licht aus.

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In dem schlichten Gottesdienst singen sie noch einmal gemeinsam ihre Kirchenlieder. Eine klassische Predigt gibt es bei den Christlichen Wissenschaftern nicht; man liest Texte aus der Bibel und aus den Schriften von Mary Baker Eddy. Die Amerikanerin hat die Glaubensgemeinschaft, der heute weltweit bis zu 400 000 Mitglieder angehören sollen, 1879 in Boston begründet.

Eddy brach mit vielen theologischen Grundsätzen der Kirchen und lehrte in ihrer „Christian Science“, dass Krankheiten sich spirituell heilen lassen. Auch deshalb ist die Gemeinschaft umstritten; Schulmediziner kritisieren diese Art von Gottvertrauen ebenso wie die großen Kirchen. Im Gottesdienst stehen einzelne Gläubige auf und tragen „Zeugnisse von Heilungen“ vor – persönliche Geschichten, in denen Gebete bei umgeknickten Füßen oder in Phasen der Trauer geholfen haben sollen.

Das Schrumpfen der Gemeinde haben solche Berichte nicht aufhalten können. „Es kommt nicht auf die Anzahl unserer Mitglieder an“, sagt Dirk Leverentz. In der Religion geht es schließlich nicht um Mehrheiten, sondern um Wahrheiten. Und doch verlieren die Mitglieder, die der Gemeinde teils seit Jahrzehnten angehören, ein Stück Heimat. „Das ist schmerzlich“, sagt Brigitte Leverentz, die Frau des Vorsitzenden, „aber die Kirche ist ja nicht das Gebäude, sondern etwas, das wir im Herzen tragen.“

Die meisten werden künftig am Schiffgraben zu Gottesdiensten gehen. In der „Ersten Kirche Christi, Wissenschafter“, die es weiterhin gibt.

Von Simon Benne