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Nachrichten Hannover Hannoveraner sammelt „Charlie Hebdo“-Magazine
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00:15 31.01.2015
Von Susanna Bauch
Der Charlie-Hebdo-Jahrgang 1977: Bei Alain Timores hat der rote Sammelband einen festen Platz im Regal. Foto: Surrey
Der Charlie-Hebdo-Jahrgang 1977: Bei Alain Timores hat der rote Sammelband einen festen Platz im Regal. Foto: Surrey
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Hannover

Ein ausgewiesener Fan linksorientierter Satire ist er eigentlich nie gewesen. Und zu seinem Sammelband sämtlicher Ausgaben der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ von 1977 ist Alain Timores auch eher zufällig gekommen. Als Zeitarbeiter hat der Franzose in den frühen Siebzigerjahren als Koch im Restaurant „La bonne Auberge“ an der Luisenstraße gearbeitet. Und ein gewisser Gérard war ein Kollege, der kellnerte - und eigentlich in seiner Heimatstadt Paris als satirischer Zeichner für „Charlie Hebdo“ im Einsatz war. Der Kellner hatte Schulden beim Koch und wollte sie mit Satire begleichen. „Der Gérard bekam die Ausgaben, weil er dort arbeitete, und ich habe den Sammelband gewissermaßen in Zahlung genommen“, erzählt Timores. Es wurde ein kleines Geschäft unter Franzosen daraus, „ich habe damals zusätzlich 2000 Mark dafür bezahlt“. Bis heute hat der dicke, rot gebundene Sammelband einen festen Platz im Bücherregal, Zeichner Gérard hat Timores nie wiedergesehen.

Seitdem hat er die Wochenzeitschrift Hebdo (Abkürzung von hebdomadaire, zu Deutsch: wöchentlich) allerdings nur hin und wieder in der Hand gehabt. „Ich lebe seit 44 Jahren in der Region Hannover, und wenn ich in Paris bin, schaue ich mir eher zufällig ein Exemplar an“, sagt der 64-Jährige. Sein Sammelband fällt in die erste Periode von „Charlie Hebdo“. Der Name Charlie stammt übrigens von der Comicfigur Charlie Brown von den Peanuts, manche Franzosen haben auch gerne Präsident Charles de Gaulle mit der spitzen Feder in Verbindung gebracht. Von 1970 bis 1981 erschien das Blatt, „danach waren die pleite und haben erst 1992 wieder neu angefangen“, sagt Timores.

Dass sich die Satire in der jüngeren Vergangenheit zusehends an verschiedenen Religionen abarbeitet, sei ein großer Unterschied zu den Themen von damals. „Die Zeichnungen waren politisch, frech, bitterböse und haben die Themen des Tages und der Zeit satirisch aufgegriffen, die Pille für die Frau genauso wie die Diskussion um die Todesstrafe“, betont der Franzose, der nach Jahren gastronomischer Tätigkeit in Hannover einen Weinhof in der Wedemark betreibt. So wie etwa eine Karikatur zu Idi Amin mit Sprechblase: „Idi hat seit einer Woche keinen Menschen mehr getötet, er hat Magen-Darm.“ Oder der Arbeitslose, der sich aus Verzweiflung selber anzündet, Passanten ihn dabei abschätzig mustern und sagen: „Wenn der dafür Grand Marnier nehmen kann, kann es ihm ja nicht so schlecht gehen.“ Zynismus, der jeden treffen konnte. Und sollte.

Timores hat den Zeichner Gerard seit der gemeinsamen Zeit in Hannover nicht mehr gesehen, viele Franzosen von damals sind zurück in die Heimat gegangen. „Als die bei der Zeitarbeitsfirma händeringend einen Koch für die Hannover Messe gesucht haben, wollte keiner in diese Stadt in Norddeutschland“, erzählt der Weinhändler. Ihm sei es egal gewesen, und nachträglich war es ganz sicher der richtige Schritt. Er hat seine Frau Erika an der Leine kennengelernt und jahrelang die hannoversche Gastronomieszene mit aufgemischt. „Wir hatten das Gauloises, das Extrablatt, die Steintorquelle und jede Menge Beteiligungen auch an Discos“, sagt Timores.

Außerhalb von Paris nehme keiner „Charlie Hebdo“ wahr

Dass sich durch das Attentat von Paris derzeit alles der französischen Hauptstadt und vor allem einem satirischen Wochenblatt zuwendet, hält der Franzose für eine vorübergehende Erscheinung. „Normalerweise hat Hebdo eine Auflage von 60.000, außerhalb von Paris nimmt das ohnehin keiner wahr. Und so traurig es ist, auch der Anschlag und die Opfer werden bald aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sein.“ Eine ganz persönliche Zeichnung des ehemaligen Redaktionsmitglieds und Gelegenheitskellners wird Timores allerdings stets in Erinnerung behalten. Gérard hat zur Hochzeit eine Exklusivzeichnung für das Ehepaar Timores angefertigt: Mit Schwangerschaftsbauch und vierbeinigem Afghanen an der Seite des Paares. Realsatire gewissermaßen.

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