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Hannover Forderung nach Urwahl und Doppelspitze in Hannovers SPD
Nachrichten Hannover Forderung nach Urwahl und Doppelspitze in Hannovers SPD
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20:32 03.11.2019
Lob aus erster Hand: Sigmar Gabriel ehrt Inge Holzhausen für ein halbes Jahrhundert Mitgliedschaft in der SPD. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Sie hatten an alles gedacht in der Vahrenheider SPD, damit es in diesen bitteren Tagen trotz allem ein schöner Abend werden konnte. Kaffee und Tee standen bereit, Flaschenbier (das unberührt blieb), Blechkuchen und Minipizzen aus Blätterteig warteten an einem kleinen Buffet. Auf den Tischen im Saal rote Servietten mit Blumenvasen darauf. Als Stargast wurde Sigmar Gabriel erwartet. Und am Ende, nach zweieinhalbstündiger Ehrung verdienter Genossen, hörte Wjahat Waraich, der 31 Jahre junge Vorsitzende des Ortsvereins: Ja, schön sei es gewesen. Doch eigentlich blieb an diesem Sonnabend kein sozialdemokratischer Stein auf dem anderen. Die Wahl vom vergangenen Sonntag hallt nach.

Vor wenigen Tagen verlor Marc Hansmann als Kandidat der SPD die Oberbürgermeisterwahl. Vahrenheide und Sahlkamp blieben rot, der Bewerber erzielte hier eines seiner besten Ergebnisse in Hannover. Für Inge Holzhausen, Mitglied seit 50 Jahren, ist das kein Trost. Ungezählte Wahlkämpfe hat sie in all diesen Jahrzehnten mitgemacht, im Stadtteil kennt sie jeder. „Ich war der Türöffner für die Kandidaten“, sagt sie.

„Ihr müsst mit den Menschen reden“

Stand sie an Wahlkampfständen, verteilte sie nur an Passanten Rosen, die wenigstens einmal aufs Plakat geschaut hatten. „Das kannst du nicht machen, Inge“, sagten Genossen, doch Inge sagte: „Doch, das kann ich“. Die Leute sind auf sie zugegangen, weil sie Inge Holzhausen kannten, wohnhaft in Vahrenheide seit 1961 und damals „gekrallt vom SPD-Vorstand“. Und inzwischen? „Ich sage unseren Leuten immer: Ihr müsst mit den Menschen reden, nicht mit euch selbst.“

So ging es beständig weiter mit kritischen Worten an diesem Abend im Kulturtreff. Harry Grunenberg, Bezirksbürgermeister, sagte nachdenklich ins Mikrofon: „Wichtig ist, dass man den Bürgern zuhört. Aber das ist irgendwie verloren gegangen." Genossen, die Urkunden für langjährige Treue bekamen, erklärten, was sie sich von ihrer SPD wünschen für die Zukunft. Mehr um die Menschen kümmern. Sie zurückgewinnen, indem man Erfolge bekannt macht. Eine offenere Diskussionskultur in der Partei. Mehr Selbstbewusstsein zeigen. Die Parteiikone Rolf Wernstedt sagte, die SPD müsse sich trauen, Widersprüche zu formulieren, und sie müsse alle Menschen im Blick haben, „die mit den Smartphones und die anderen“. Die anderen, das waren diejenigen meist älteren Genossen, die mehrheitlich den Raum füllten.

„Wer Wurzeln schlägt, gewinnt Vertrauen“

Diese Forderungen nach mehr Nähe sind aus der hannoverschen Sozialdemokratie indes regelmäßig zu hören. Lange Zeit jammerte man dabei auf hohem Niveau. Früher wurde mehr Bürgernähe zuverlässig dann gefordert, wenn bei einer Wahl nur einige Prozentpunkte verloren gegangen waren. Heute hört man Klagen über Verlust von Bürgernähe, nachdem es nicht einmal mehr gereicht hat, den eigenen OB-Kandidaten in eine Stichwahl zu bringen.

Sigmar Gabriel, früher SPD-Parteichef und Außenminister, fasste zusammen, um was es in der Politik gehen müsse. „Nichts kann die Arbeit vor Ort ersetzen. Wer Wurzeln schlägt im Stadtteil, gewinnt Vertrauen.“ Er guckte dabei zu Inge Holzhausen, als hätten sie sich zuvor verständigt über das, was die SPD jetzt endlich wieder tun müsste, statt nur darüber zu reden. „Und ist nicht“, fragte Gabriel kritisch, „die Mehrzahl unserer Repräsentanten Akademiker?“

Forderung nach Urwahl und Doppelspitze

Die SPD erschien an diesem Abend wie eine Partei, die Hansmanns Niederlage wie das eigene Debakel empfand. Wie steht es um eine Sozialdemokratie, deren verdiente Mitglieder so oft betonen, man müsse Nähe wieder herstellen zu den Menschen, die sie wählen sollen? Die Genossen gingen bereits nach Hause, als Waraich vorm Kulturtreff eine Erneuerung forderte. „Wir müssen offen diskutieren, ob wir unseren Stadtverband in dieser Form noch brauchen. Die Ortsvereine müssen mehr Einfluss bekommen.“ Waraich kritisierte, dass bislang „in Hinterzimmern“ festgelegt worden sei, wer im Stadtverband, der lange Jahre von Alptekin Kirci geführt wurde, für welchen Posten kandidiere. Er regte an, über eine Doppelspitze in der hannoverschen Parteispitze nachzudenken, über Kandidaten, die sich in einer Urwahl allen Mitgliedern stellten. Auch Wernstedt favorisiert eine Urwahl.

Die verloren gegangene Wahl um das Oberbürgermeisteramt bringt bei der SPD offensichtlich einiges ans Licht. Misstrauen zählt dazu.

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