Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Haushaltshilfe trank Weinvorräte leer
Nachrichten Hannover Haushaltshilfe trank Weinvorräte leer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:25 02.02.2015
Von Michael Zgoll
Pech in der Pflege: Angehörige haben eine Alkoholikerin erwischt, die die Weinvorräte des Vaters leer trank. Quelle: Symbolbild/dpa
Anzeige
Hannover

Er kann eine Betreuungskraft finden, die ihr Handwerk versteht, zuverlässig ist und gut Deutsch spricht.

Die Kinder können aber auch Pech haben, wie am Freitag im Amtsgericht Hannover offenbart wurde. Sie können eine Alkoholikerin erwischen, die die Weinvorräte des Vaters leer trinkt. Oder eine Haushaltshilfe, die stundenlang mit unbekanntem Ziel verschwindet. Entsprechende Zeugenaussagen kamen in dem Betrugsverfahren gegen einen Pflegedienst aus Linden-Süd zur Sprache. Dessen damalige Geschäftsführerin muss sich wegen des Vorenthaltens von Sozialversicherungsbeiträgen in 75 Fällen verantworten; es geht um einen Betrag von mehr als 300.000 Euro.

Anzeige

Eine pensionierte Schulleiterin aus Hamburg berichtete, was sie und ihre Schwester 2010 bei der Betreuung ihrer Mutter erlebt hatten; diese war nach einem Oberschenkelhalsbruch pflegebedürftig geworden. Mit der ersten polnischen Pflegerin sei die Seniorin über mehrere Monate sehr zufrieden gewesen. Die vom Pflegedienst aus Linden vermittelte Frau habe das Haushaltsbuch ordentlich geführt, keine kostspieligen Ausgaben getätigt und sich mit der Mutter gut verstanden. Die zweite Kraft sei nach sechs Wochen gegangen: „Sie hat sich nicht wohlgefühlt.“ Dabei habe auch die mäßige Bezahlung eine Rolle gespielt. Die Betreuerinnen verdienten monatlich um die 1000 Euro - die Familie zahlte dem Pflegedienst knapp 2000.

Mit der dritten Haushaltshilfe, so die Schulleiterin, habe es dann viel Ärger gegeben. Diese habe sich ohne Absprachen bei Bekannten aufgehalten, mithilfe der Haushaltskasse überflüssige Dinge gekauft und schließlich sogar Geld unterschlagen. Letztlich trennten sich die Schwestern von dem alten Pflegedienst und wechselten zu einem anderen.

Die Erfahrungen einer Ärztin aus Wuppertal waren ähnlich. Mit einer ersten polnischen Haushaltshilfe im Herbst 2010 waren ihre schwerkranken Eltern zufrieden, die nächste Betreuerin beschrieben sie als mäßig und die Nachfolgerinnen im Frühjahr 2011 als katastrophal: „Da ging dann alles durcheinander.“ Eine angekündigte Hilfe sei erst gar nicht erschienen, eine andere urplötzlich verschwunden, eine weitere sei Trinkerin gewesen - und habe den Weinvorrat des pflegebedürftigen Vaters geleert.

Die Folge war ein Wechsel des Pflegedienstes. Erschütternd war die Antwort der 51-Jährigen auf die Frage, warum sie ihre Eltern überhaupt zu Hause betreuen ließ - für stolze 2700 Euro pro Monat. Unter Tränen erzählte die Ärztin, dass sie die beiden Senioren kurzzeitig in einem Heim untergebracht hatte. Dort seien die Zustände aber so verheerend gewesen und ihr Vater sei derart „verkümmert“, dass sie ihre Eltern schleunigst nach Hause geholt habe.

Auch eine 57-jährige Haushaltshilfe aus Polen sagte gestern vor Gericht aus. Das war insbesondere mit Blick auf die juristischen Aspekte des Verfahrens interessant. Es stellte sich heraus, dass die Frau mit der exakten Buchführung die Vorjahre als selbstständige Haushaltshilfe bei verschiedenen Pflegediensten gearbeitet hatte, dass sie ihr Gewerbe ordentlich angemeldet und offenbar alle Sozialabgaben vorschriftsmäßig abgeführt hatte. Von der Rentenversicherung war sie allerdings als Arbeitnehmerin und somit als Scheinselbstständige eingeordnet worden.

Auch an anderen Punkten wurde deutlich, dass die Anklage auf schwankendem Grund steht. So sagten die Zeuginnen übereinstimmend aus, dass der Pflegedienst nur als Vermittler, nicht aber als direkter Arbeitgeber der Haushaltshilfen aufgetreten war. Die Absprachen, wann welche Mahlzeiten zubereitet werden sollten, wann Bettzeit war oder eine Betreuerin Pause machen durfte, regelten die Familien und die Frauen aus Polen untereinander. Somit hätte sich der Pflegedienst wohl eher der verbotenen Überlassung von Arbeitnehmern schuldig gemacht (was als Ordnungswidrigkeit geahndet wird), während es die Familien waren, die keine Beiträge an die Sozialkassen entrichteten. Beide Delikte sind aber inzwischen verjährt.

So verwunderte es nicht, dass Oberstaatsanwalt Uwe Görlich und Verteidiger Jens Schmidt sich dafür aussprachen, die Angeklagte freizusprechen. Doch das Schöffengericht unter Vorsitz von Gesine Irskens sieht die Sache noch nicht geklärt, es will noch weitere Zeugen hören.

Hannover Neues Leben in Neustadt - Ende der Angst
31.01.2015
Hannover Ausbildung von Pflegekräften - Jagau fliegt mit Schröder nach China
Bernd Haase 02.02.2015
Hannover Handwerkskunst aus Frankreich - Eine französisch-verspielte Premiere
Rüdiger Meise 02.02.2015