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Hannover So lebt Heiko Postma seinen Traum vom Schreiben
Nachrichten Hannover So lebt Heiko Postma seinen Traum vom Schreiben
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20:03 07.06.2019
Rezitation im Freien: Heiko Postma probt für die „Ulysses“-Lesung vor dem Künstlerhaus. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

„Turalu“, sagt Heiko Postma heiter, blickt hoch vom Text und guckt über den Rand seiner Brille, „turalu, das müsste noch so ein bisschen..., nee, das müsste noch so ein bisschen ironischer kommen.“ Er ist nicht ganz zufrieden damit, wie sein Partner Andreas Huss die Passage liest. Der hatte eben noch dramatisch und zu Postmas Zufriedenheit den Ruf eines um Almosen bettelnden einbeinigen Seemanns, „Für England...“, in den Raum gedonnert, doch in dieser zweiten Szene wünscht sich Postma einen spöttischeren Abgang. „Turalu“ ist im Englischen ein Abschiedsgruß, und Abschiede können eben so oder so ausfallen.

In einem schlichten Büro im Künstlerhaus lesen Postma, Huss und Kathrin Dittmer das zehnte Kapitel aus „Ulysses“, dem labyrinthischen Jahrhundertroman des Iren James Joyce. In ein paar Tagen folgt die öffentliche Lesung, da ist Textsicherheit wichtig. Das Buch spielt am 16. Juni 1904 in Dublin, und diesen Tag feiern Verehrer traditionell mit dem „Bloomsday“, benannt nach dem Anzeigenverkäufer Leopold Bloom, einer Hauptfigur im Werk. Postma, 73, und seit einem halben Jahrhundert Einwohner von Linden, liebt nicht nur angelsächsische Kultur, sondern besonders diesen „Ulysses“. 2004 begründete er im Literaturbüro die erste Lesung eines Kapitels.

Ulysses ist „ungeheuer witzig“

Seine Zuneigung scheute Arbeit nicht. Der promovierte Germanist übersetzte auf eigene Faust Passagen des voluminösen Romans, weil ihm existierende Fassungen zu ungenau erschienen. Nur ein Beispiel: „Gleich im ersten Kapitel wird das englische ,boatsman’ mit Bootsmann übersetzt. Falsch, es muss Matrose heißen oder Seemann, wegen mir. Da mache ich mir doch lieber meine eigene Fassung.“ Das mag pedantisch klingen, doch es ist Liebe zur Sprache, die Postma antreibt. So, wie er ausführlich, detailverliebt, Kreise ziehend und mit Hingabe über Literatur und eigentlich fast alles spricht, so hält er es auch mit Texten. „Ulysses“-Übersetzer Hans Wollschläger sei leider ein Mann ohne Humor gewesen, „und dann nimmt er sich dieses Buch vor!“ Postma empfiehlt den Roman ja auch deshalb zur Lektüre, weil er „ungeheuer witzig ist“.

Seine Wohnung ist eher ein Kulturraum. Ausnahmslos Möbel aus dunklem Holz, etliche Stücke aus England, darunter ein in der Höhe verstellbares antiquarisches Pult. Vinylscheiben und ein dazu gehöriger Plattenspieler. Bücher bis unter die Decke vor fast jeder Wand. Romane, Lexika, der ganze Asterix, Kunstbände, die Krimis stehen im Flur. Würden ihm Freunde des Minimalismus kommen, hätte Postma tonnenweise Gegenargumente. Postma und seine Frau Brigitte, sie starb vor zwei Jahren, hatten in den Neunzigerjahren ernsthaft überlegt, ob sie auf die Isle of Man ziehen sollten, „für unter 200.000 Mark stand ein fantastisches viktorianisches Haus zum Verkauf“, aber eine Insel fanden Postmas schließlich doch zu isoliert. Ähnlich wie die Lindener Wohnung hätte wohl auch dieses Haus ausgesehen.

Heiko Postma ist von Geburt Bremer, oder genauer: Bremerhavener. Sein Vater arbeitete als Maschinenmeister am örtlichen Stadttheater, sein Sohn war das erste Familienmitglied mit Abitur. Nach dem Wehrdienst bei der Marine in Emden ging Postma nach Hannover, um bei Hans Mayer Literatur zu studieren. Dem eilte ein Ruf wie Donnerhall voraus. Postma mochte seine Texte und staunte sehr, als der Feingeist Mayer einmal aufgebracht ein Telefon griff und an die Wand warf. Der Student war froh, dass es nicht ihm galt.

Bei Mayer legte er später seine Dissertation vor (eine Arbeit über den schwer verdaulichen Nachkriegsautor Arno Schmidt), ehe ein Referendariat am Ratsgymnasium zu einer Anstellung an der Käthe-Kollwitz-Schule führte. Großes Interesse entwickelte Postma für Theater-AGs. Schon in Bremerhaven hatte er während der Semesterferien auf den Brettern gestanden. Offiziell war er Bühnenarbeiter, obwohl Postma seine Rolle großzügiger interpretierte, er erinnert sich vergnügt, „dass ich da eigentlich Regieassistent war“.

Erst Lehrer, dann Autor

Doch sein Traum blieb zu schreiben. Über Literatur, Theater, Kultur. Er hatte eine Generation hannoverscher Schüler unterrichtet, als er mit 50 Jahren aufhörte im Schuldienst. Ein entscheidender Schritt. Postma wollte nichts überstürzen, obwohl er im Status einer Pensionierung bis zum Ruhestand wieder Lehrer hätte werden können. „Ich habe mir das sehr, sehr lange überlegt.“ Zur Sicherheit legte er drei Jahresgehälter zurück, denn auf keinen Fall wollte er vom Geld seiner Frau leben. Er brauchte beides nicht. Er war dann selbst überrascht, wie gut es lief, die Aufträge kamen, und er wurde eine etablierte Größe bei Rundfunksendern, Verlagen und Zeitungen, auch in diesem Blatt. Eine Schulausgabe mit Shakespeare-Stücken ist so erfolgreich, dass sie bis heute gute Tantiemen bringt.

Zuletzt übersetzte Heiko Postma eine Erzählung des britischen Schriftstellers H. G. Wells, sie heißt „Die Geschichte des verstorbenen Mr. Elvesham“. Noch beim Abschied an der Haustür schwärmt er, wie Wells mit einem einzigen Satz alles im Text verändere. „Ein schauerliches Vergnügen“, sagt Postma etwas altmodisch. Mit den Worten von Wells lässt er die Erzählung so beginnen: „Ich schreibe diese Geschichte nicht in der Erwartung nieder, dass man sie glauben wird, sondern um, wenn möglich, einen Ausweg für das nächste Opfer aufzuzeigen.“

Der diesjährige „Bloomsday“ wird am Mittwoch, 12. Juni, im Literaturhaus gefeiert. Der Abend beginnt um 19.30 Uhr. Karten kosten 12 und 6 Euro.

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Von Gunnar Menkens

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