Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Prost, „Herri“: Brauerei feiert 150. Geburtstag
Nachrichten Hannover Prost, „Herri“: Brauerei feiert 150. Geburtstag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:33 27.05.2018
Herrenhäuser gehört zu den bekanntesten Marken in Hannover. Quelle: Nancy Heusel
Anzeige
Hannover

Wenn in Hannover und dem Umland von „Herri“ die Rede ist, wissen zumindest die meisten Erwachsenen, was gemeint ist: Das Bier der ältesten noch existierenden Privatbrauerei der Stadt wurde längst mit einem Kosenamen geadelt. In diesem Sommer können die Biertrinker auf den runden Geburtstag des Unternehmens vom Herrenhäuser Markt anstoßen. Es wird im Juni 150 Jahre alt. Das feiert die Brauerei unter anderem mit einem großen Fest auf dem Kröpcke.

Wenn eine Firma ein derart hohes Alter erreicht hat, ist die Geschichte üblicherweise wechselvoll. Die der Biermarke mit dem springenden Pferd im Logo beginnt 1868 und damit zwei Jahre, nachdem die Preußen die bestehenden Zunftprivilegien der zweiten großen Traditionsmarke, der Gilde, abgeschafft hatten. Dadurch konnten Konkurrenzunternehmen wie die Brauerei „Wölffer und Wedekind Herrenhausen“ entstehen. Sie ist die Keimzelle des heutigen Unternehmens.

Anzeige

Im Jahr 1884 musste sich der Braumeister in Herrenhausen verpflichten, „aus jedem Zentner Malz zwei Hektoliter verkäufliches gutes Bier, wie es in Hannover in feinen Restaurants getrunken wird, zu brauen und dafür aufzukommen, dass nichts an Quantum und Qualität fehlt“. Es wurde also Bier nach Pilsener Bauart hergestellt und auch so genannt. In zwei Prozessen machte das Brauhaus im tschechischen Pilsen den Hannoveranern diese Bezeichnung streitig und verlor beide Male. Wenn also heute die Bestellung „bitte ein Pils“ zum allgemeinen Sprachgebrauch in Deutschland gehört, dann ist das den Herrenhäusern zu verdanken. Dort übernahm 1891 der Kaufmann Ernst Louis Grünewald den Aufsichtsratsvorsitz der Brauerei. Bis 2010 blieb sie in den Händen seiner Familie, der damalige Chef Manfred Middendorf ist der Ururenkel Grünewalds.

Den Zweiten Weltkrieg hatte die Brauerei einigermaßen unbeschadet überstanden. Es folgte eine Phase steten Wachstums und regelmäßiger Investitionen. Zu besten Zeiten überschritt der Bierausstoß die Marke von 300.000 Hektolitern pro Jahr. Während von den fünf großen hannoverschen Brauereien Lindener 1968 mit der Gilde fusionierte, Kaiser 1978 und Wülfeler 1994 schlossen und die Gilde schließlich 2002 an den Konzern Interbrew verkauft wurde, schien die Herrenhäuser wetterfest.

Vielleicht waren aber doch Schließung und Abriss der Brauereigaststätte im Jahr 1990 schon Vorboten von Problemen. Es gab nicht gedeckte Pensionsverpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern, später Verzug bei Lohnzahlungen und Schulden beim Finanzamt und bei der Stadt, Verzug bei Lieferantenrechnungen. Middendorf, der 1990 von seinem Vater Jürgen die Geschäfte übernommen hatte, versuchte verzweifelt, Löcher zu stopfen und Gläubiger zu vertrösten. Das funktionierte 2010 nicht mehr, die Brauerei ging pleite. Middendorf wurde später wegen Betrugs, Insolvenzverschleppung und vorsätzlichen Bankrotts zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte gestanden und „war durch den Verlust seines Unternehmens genug bestraft“, erklärten die Richter.

Geschichte wiederholt sich doch, die Herrenhäuser blieb ein Familienunternehmen. Die Brüder Christian und Axel Schulz-Hausbrandt, Inhaber der Wittinger Brauerei in der Südheide, übernahmen auch in Hannover. „Wir wollen das Bier als regionale Qualitätsmarke stärker im Markt positionieren“, sagte Christian Schulz-Hausbrandt. „Bier braucht Heimat“, lautete das Marketingkonzept.

Der Bierdurst in Deutschland geht weiter zurück. Während sich kleine Haus- und Gaststättenbrauereien wie in Hannover „Mashsee“ oder das Brauhaus Ernst-August ihr Publikum erobern, erleiden die großen überregionalen Marken Einbußen. Herrenhäuser dagegen fühlt sich in der Mitte einigermaßen wohl. „Der Bierausstoß ist seit 2010 immer leicht gewachsen auf zuletzt 140.000 Hektoliter im vergangenen Jahr“, sagt Vertriebsdirektor René Hagemann. Auch darauf kann man „Prost Herri“ sagen – möglicherweise in einer der rund 600 Gaststätten, die die Traditionsbrauerei in Hannover und dem Umland beliefert.

Von Bernd Haase

Anzeige