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Hannover Hüpfburg im Gefängnis: Häftlinge feiern mit ihren Familien hinter Gittern
Nachrichten Hannover Hüpfburg im Gefängnis: Häftlinge feiern mit ihren Familien hinter Gittern
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00:15 29.05.2019
Die JVA Hannover hat am Sonnabend ein großes Familienfest für rund 100 Inhaftierte und deren Angehörige ausgerichtet. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Ein Clown fährt auf einem Einrad, Männer kicken mit kleinen Jungen auf einem Kunstrasenplatz, einige Mädchen mit bunt bemalten Gesichtern stehen in der Schlange vor der Hüpfburg, es riecht nach Zuckerwatte und Bratwurst. Alles sähe aus wie ein gewöhnliches Fest für Große und Kleine, wenn nicht die die hohen Mauern, der Stacheldraht und die vielen vergitterten Fenster um den Veranstaltungsort wären. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Hannover hat am Sonnabend zum zweiten Mal ein großes Fest für Insassen und deren Angehörige ausgerichtet. Zum ersten Mal war es ein Zusammenkommen in diesem größeren Rahmen.

25 Gefangene hatten die Chance bekommen, an diesem Nachmittag vier Stunden mit ihren Familien verbringen zu können. Die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Feier waren streng. Nur Inhaftierte, die mindestens sechs Monate in Strafhaft sitzen, konnten einen Antrag stellen. Gegen sie durfte in den drei Monaten vor der Feier kein internes Disziplinarverfahren eingeleitet worden sein. Keine der regelmäßigen Urinkontrollen auf Drogen durfte positiv ausgefallen sein. Sie mussten von ihrem Geld 5 Euro für die Ausrichtung der Party beisteuern – hinter Gittern und bei einem monatlichen Durchschnittsbudget von rund 80 Euro ist das eine Menge Geld. „Es haben sich tatsächlich alle, die sich angemeldet hatten, an die Regeln gehalten“, sagt Sozialarbeiterin Ilka Goedicke. Sie hat die Familienfeier in Absprache mit Matthias Bormann, dem Leiter der JVA Hannover, auf die Beine gestellt.

Der 42-jährige Turan sitzt mit seinen besten Freunden Timur und Ömer bei Pommes und kalten Getränken an einem der Tische im Gefängnishof. Seine Familie ist zu weit weg, sie besucht ihn nur alle sechs Monate. „Solche Feste sollte es viel öfter geben“, sagt er. Turan sitzt wegen eines Gewaltdelikts seit 2012 in Haft. Offiziell wird er im Oktober 2020 entlassen. Er hat aber die Hoffnung, dass seine Haftzeit verkürzt wird. „Nächste Woche entscheidet sich, ob ich in drei Wochen das erste Mal Ausgang haben darf oder nicht“, sagt er. Klappt das, ist er auf die Unterstützung seiner besten Freunde angewiesen. „Da draußen hat sich so viel verändert, dass ich bestimmt ein bisschen Hilfe gebrauchen kann“, sagt Turan.

Große Herausforderung für den Sicherheitschef der JVA

Für Thomas Fröschle ist ein Familienfest hinter Gittern auch ein besonderer Tag. Der Sicherheitschef der JVA ist gemeinsam mit seinen Kollegen dafür verantwortlich, dass an diesem Tag keiner der Angehörigen die Gelegenheit für illegale Aktivitäten missbraucht. „Denkbar ist ja vieles, das Hineinschmuggeln von Drogen oder Handys etwa“, sagt er. Doch am Sonnabend hatte sich jeder der rund 100 Besucher an die Regeln gehalten. Bei den Durchsuchungen, die alle über sich ergehen lassen mussten, entdeckten die Sicherheitsleute weder Rauschgift noch Mobiltelefone. Bei den Planungen war Fröschle von Anfang an mit einbezogen worden. „Wir haben darauf geachtet, dass wir heute Nachmittag hier keine verfeindeten Gruppen haben, etwa Kurden und Türken. Alles soll in entspannter Atmosphäre ablaufen“, sagt er.

Die gelöste Stimmung ist dem 44-jährigen Haissam sofort anzusehen. Er sitzt mit seinen Töchtern Sarah und Nuur an einem Tisch. Neben ihm tobt sein vier Jahre alter Sohn Ali. Auch Haissams Frau Hanan ist gekommen. „Es ist schön, meinen Mann auch mal bei so einer Gelegenheit sehen zu können“, sagt sie. Für die 32-Jährige hat sich seit der Inhaftierung von Haissam im März wegen Fahrens ohne Führerschein einiges verändert. „Ich bin jetzt sozusagen eine allein erziehende Mutter, alles lastet auf meinen Schultern“, sagt sie. Noch bis August muss sie durchhalten, dann wird ihr Mann entlassen. „Ich habe mit meinen Kindern von Anfang an Klartext geredet, habe ihnen gesagt, dass ich ins Gefängnis muss. Sie sollen lernen, dass man für seine Fehler gerade stehen muss“, sagt Haissam.

Gefängniszeitung berichtet auch über die Party

Steven P. hat an diesem Nachmittag alle Hände voll zu tun. Der 37-Jährige, der wegen versuchten Mordes noch bis Januar 2025 im Gefängnis bleiben muss, ist eigentlich für den Zuckerwattestand eingeteilt. Gleichzeitig dokumentiert er das Fest mit seiner Kamera für die Gefängniszeitung „Drehscheibe“. „Ich bin leider der Einzige, der bei der Zeitung mitarbeiten möchte, alle anderen interessieren sich wenig dafür“, sagt er. Im vergangenen Jahr, beim ersten Familienfest, war P. bereits dabei. Seine Verlobte besuchte ihn damals. „Wer noch nie im Knast gewesen ist, kann sich das alles nicht vorstellen, die Durchsagen, die langen Gänge. Das hat sie schon sehr beeindruckt“, sagt Steven. Aus vielen Gesprächen mit Mitgefangenen weiß er, wie sehr ein solches Familienfest auch Motivation sein kann, sich hinter Gittern an die Regeln zu halten. „Viele werden sich jetzt bestimmt richtig anstrengen, um im nächsten Jahr dabei sein zu können“, sagt er.

Von Tobias Morchner

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