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Hannover IGS Bothfeld bekommt eine Oberstufe
Nachrichten Hannover IGS Bothfeld bekommt eine Oberstufe
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00:15 31.08.2018
Erfolg mit Kultur: Eine Klasse aus jedem Jahrgang auf dem Klettergerüst der IGS Bothfeld. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Die gute Nachricht kommt als Geburtstagsgeschenk: An dem Tag, als die Integrierte Gesamtschule (IGS) Bothfeld ihr fünfjähriges Bestehen feiert, verkündet Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), dass die Schule im kommenden Jahr eine Oberstufe bekommen soll. „Endlich“, sagt Schulleiter Rainer Kamphues. So vehement wie der Stadtteil für eine Gesamtschule gestritten hat, so entschieden haben Eltern, Schüler und Lehrer eine Oberstufe gefordert. „Eine IGS braucht eine Oberstufe“, sagt auch Schulelternratsvorsitzende Sabine Kluth. Aus ihrer Sicht kann das Konzept der Kulturschule, dem sich die IGS Bothfeld verschrieben hat, auch erst in der Oberstufe so richtig Früchte tragen. „Es wäre sehr schade, wenn die Schüler nach der 10. Klasse verteilt werden und an anderen Schulen ihr Abitur machen müssten.“

Bothfeld hat damit erreicht, was die meisten Gesamtschulen wollen. Das Konzept IGS ist erfolgreich, an vielen Standorten wachsen die Anmeldezahlen. Hannovers Schullandschaft wird sich in den kommenden Jahren verändern – doch nicht alle Interessen sind vereinbar.

Erste Kulturschule Niedersachsens

Die IGS Bothfeld hat bei ihrer Arbeit auf ein klares Profil gesetzt: 2013 ging sie als erste Kulturschule Niedersachsens an den Start. Das Ziel der neuen Schule sei von Anfang an klar gewesen, sagt Kamphues, der schon die Planungsgruppe geleitet hat: „Bloß keine Bildungsanstalt.“ Es sei mehr um die Vermittlung von Lernfreude und um Persönlichkeitsentwicklung gegangen als um Leistung und gute Noten. Das Konzept sei aufgegangen, findet Elternvertreterin Kluth: „Die Schüler sind sehr gute entwickelte, kreative, selbstständige junge Menschen geworden.“ Die Schule pflegt Kooperationen mit der Kestnergesellschaft, dem Landesmuseum und dem Norddeutschen Rundfunk. Kreative Unterrichtsmethoden gibt es nicht nur in Kunst und Musik, sondern in allen Fächern. Gelernt wird nicht nur in der Klasse, sondern auch im Museum vor einem Max-Ernst-Bild oder unterm Apfelbaum auf der Wiese.

Leistungsschwächere Schüler anders unterrichten

Michael Bax, Leiter der Leonore-Goldschmidt-Schule, rät dazu, den Blick nicht nur auf die leistungsstarken Schüler in den Integrierten Gesamtschulen zu richten, sondern sich pädagogisch mehr um die schwächeren zu kümmern. „Nur weil die Hauptschulen in Hannover abgeschafft wurden, sind die Hauptschüler ja nicht weg, sondern sitzen jetzt meist in den Integrierten Gesamtschulen.“ Es sei verwunderlich, dass IGSen und Gymnasien in Niedersachsen in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und den Naturwissenschaften mit fast identischen Gesamtstundenzahlen in den Stundentafeln arbeiteten, obwohl die Schülerschaft ganz anders zusammengesetzt sei, scheibt Bax in einem Aufsatz mit dem Bildungswissenschaftler Prof. Manfred Bönsch. Leistungsschwächere Schüler würden durch dieses gemeinsame Lernen klar benachteiligt.

Während an einer Hauptschule in den Jahrgängen 5 bis 10 jeweils 30 Stunden Mathematik und Deutsch erteilt worden seien, gebe es an der IGS nur 23. Da sei es kein Wunder, dass Betriebe bei Jugendlichen Deutsch- und Matheschwächen bemängelten, sagt Bax. Auch bei der Berufsorientierung seien Schüler an IGSen benachteiligt. Statt 80 Tage Berufsorientierung an der Hauptschule gebe es nur ein bis zu 15 Tage dauerndes Betriebspraktikum und vielleicht noch ein paar andere Maßnahmen.

In der Bildungspolitik dürften seine Vorschläge durchaus umstritten sein, meint Bax: „Ich gelte bei einigen schon als IGS-Verräter.“ dö

„Wir wollten für unseren Sohn eine Schule, die nicht zu groß ist, aber Wert legt auf die soziale und persönliche Entwicklung der Kinder“, erinnert sich Kluth. „Die Chance, an einer Schule im Aufbau mitzuwirken, bekommt man als Eltern auch nur selten, da haben zugegriffen.“ Obwohl die Schule auf mittlerweile fast 690 Schüler gewachsen sei, habe sie ihren familiären Charakter behalten, sagt Kamphues: „Man kennt sich bei uns.“ Nicht nur im Stadtteil, sondern auch darüber hinaus habe sich die Schule schnell einen Namen gemacht. Schon nach drei Jahren habe es mehr Anmeldungen als Plätze gegeben.

Braucht Hannover eine zweite IGS List?

Traditionell überbucht unter Hannovers Gesamtschulen ist die IGS List, mit 26 Jahren eine Schule der mittleren Generation, während die ältesten, die IGS Linden und die IGS Roderbruch schon auf die 50 zugehen. Die IGS List hat in diesem Jahr den zweiten Platz bei Deutschen Schulpreis errungen. Für die 120 Plätze im 5. Jahrgang gab es 246 Bewerbungen. „Eigentlich könnte man noch eine zweite IGS List gründen“, sagt Schulleiter Oswald Nachtwey.

Das ist erstmal nicht geplant. Vorrang hat die Gründung eines 18. Gymnasiums. Denn die Stadt muss den Elternwillen erfüllen, und bei den Fünftklässlern liegt das Gymnasium mit mehr als 54 Prozent der Anmeldungen weiterhin klar an Nummer 1. Bis zum Schuljahr 2023/24 fehlen nach Berechnungen der Stadt rund 150 Plätze im 5. Jahrgang, statt 72 wären dann 78 fünfte Klassen nötig. In den höheren Jahrgängen werden die Gymnasien deutlich leerer, weil Kinder sitzenbleiben oder die Schule ganz verlassen müssen. Wer es am Gymnasium nicht schafft und in Klasse 7 oder 8 auf eine Gesamtschule wechseln will, findet dort aber kaum einen Platz. Die Gesamtschulen sind voll.

Rzyski setzt auch Schulverbünde

„Den Gesamtschulen gehört die Zukunft“, ist denn auch Eberhard Dolezal, Leiter der IGS Büssingweg, überzeugt: „In fast allen Ländern dieser Welt sind sie jetzt schon der Regelfall, je eher die Landeshauptstadt Hannover anfängt, sich weiter auf diese Zukunft zuzubewegen, desto besser.“ Brigitte Naber von der IGS Roderbruch hält nicht viel von Schulstrukturdebatten, sondern findet, dass jede Schule ihre Berechtigung hat und bestmöglich von Stadt und Land gefördert werden müsse. Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski setzt auf schulformübergreifende Verbünde, gemeinsame Oberstufen, aber auch Kooperationen von Gesamtschulen mit Gymnasien oder Oberschulen. Vorreiter gibt es schon: An der IGS Büssingweg führen seit 2016 die drei Gesamtschulen Büssingweg, List und Vahrenheide/Sahlkamp eine Oberstufe. Die IGS Stöcken und die Goetheschule arbeiten seit Jahren eng zusammen.

Zusammen mit der IGS Bothfeld hat die Stadt auch für IGS Südstadt eine Oberstufe bei der Landesschulbehörde beantragt. Hier soll die Entscheidung erst im Oktober fallen. Schulleiterin Julia Grunewald hofft weiter und blickt wie Kamphues auf fünf Jahre Erfolgsgeschichte und konstruktive Schulentwicklung zurück: „Wir freuen uns auf die ersten Abschlüsse unserer Schüler im Jahr 2019.“

Von Saskia Döhner

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