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Hannover Darum will das Autismuszentrum Förderschule bleiben
Nachrichten Hannover Darum will das Autismuszentrum Förderschule bleiben
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12:00 04.04.2019
Im Autismus-Zentrum kommen Kinder, die schlechte Schulerfahrungen hinter sich haben, wieder zur Ruhe. Quelle: Saskia Döhner
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Hannover

Seit zehn Jahren gilt in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention, seit 2012 können in Niedersachsen Eltern von Kindern mit Handicap frei wählen, ob sie ihren Nachwuchs auf eine Regel- oder eine Förderschule schicken. Für die Kinder, die im Autismus-Zentrum an der Bemeroder Straße unterrichtet werden, ist die Rückkehr zu einer Förderschule schon ein großer Schritt, viele waren schon sehr lange in keiner Schule mehr. „Wir nennen das die kleine Inklusion“, sagt die Leiterin der Tagungsbildungsstätte, Christine Schaaf.

Seit 1974 gibt es das Autismus-Zentrum, neben der Schule gehören dazu ein heilpädagogischer Kindergarten, eine Ambulanz und Beratung, Wohngruppen und ein Fünf-Tage-Internat in Giesen (Kreis Hildesheim) für Kinder, deren Eltern einfach mal eine Atempause brauchen.

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Eine Klasse im Autismus-Zentrum hat vier Räume

Viele der 31 Schüler der Jahrgänge 1 bis 9 sind sehr verhaltensauffällig, einige waren monatelang gar nicht in der Schule, einzelne sogar jahrelang nicht. Unterrichtet wird nach dem Kerncurriculum einer Förderschule für geistig behinderte Schüler. Die Klassen sind klein, nur sechs bis sieben Schüler gehen in eine Klasse, unterstützt werden sie von Sonder- und Sozialpädagogen, Psychologen, Sprach- und Ergotherapeuten und anderen Mitarbeitern. Jede Klasse verfügt über vier Räume, auch Einzelunterricht ist möglich, auch eine Musiklehrerin ist im Autismus-Zentrum tätig. Unterricht ist montags bis freitags von 8.15 bis 14.15 Uhr, eine Hauswirtschafterin kocht jeden Mittag ein warmes Essen.

Im Regelsystem gehen Autisten häufig unter

Das Angebot des Autismus-Zentrums ist sehr nachgefragt. „Pro Woche habe ich zwei bis drei Anfragen von verzweifelten Eltern“, berichtetet Schaaf. Häufig betreibe sie Seelsorge. Der Bedarf an Plätzen für autistische Kinder sei groß. Im Regelsystem seien viele Pädagogen überfordert. Die Anfragen kämen meist von Eltern mit älteren Kindern („ab Jahrgang 5 oder so“), selten von Erstklässlern. „Jedes fünfte Kind mit Autismusstörungen wird in der Schule suspendiert“, sagt Schaaf. Die Schulen kämen an ihre Grenzen, Kinder würden erst vom Unterricht ausgeschlossen, würden dann oft krank und kämen überhaupt nicht mehr in die Schule. Zusehends häuften sich auch Anfragen von Eltern von Geflüchteten.

Von 1000 Kindern hätten statistisch gesehen sieben eine Autismus-Spektrums-Störung, sagt Schaaf, ein bis zwei Kinder hätten frühkindlichen Autismus. Als Schüler hätten viele eine Odyssee hinter sich. Seit Oktober 2018 begleitet das Autismuszentrum ein elfjähriges Mädchen, das drei Jahre überhaupt nicht mehr in der Schule war. Mit einem Schulbegleiter kann es jetzt schon wieder drei Tage pro Woche am Unterricht teilnehmen. Solche Hilfe möchte Schaaf gerne häufiger anbieten. „Wenn man Inklusion will, braucht man exklusive Angebote“, ist Schaaf überzeugt, so wie das Autismus-Zentrum eines sei.

Von Saskia Döhner