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Hannover „In Hannovers Rathaus gibt es keinen Filz“
Nachrichten Hannover „In Hannovers Rathaus gibt es keinen Filz“
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00:19 21.06.2019
„Pauschale Vorwürfe helfen niemandem“: Sabine Tegtmeyer-Dette. Quelle: Tim Schaarschmidt

Frau Tegtmeyer-Dette, seit Anfang des Monats leiten Sie kommissarisch die Stadtverwaltung in Hannover. Was wird jetzt aus den Plänen für Ihren Sommerurlaub, geht das überhaupt noch?

Eigentlich gehen wir im Sommer immer drei Wochen wandern, in den Alpen. Jetzt haben wir das ein bisschen reduziert, auf zehn Tage. Wir fahren auch nicht in die Alpen, sondern in den Schwarzwald.

Wenn Sie dann im Urlaub sind, ist das Rathaus dann führungslos?

Es gibt klare Regeln. Zum einen werde ich als Fachdezernentin vertreten. Da ist meine erste Vertreterin Sozial- und Sportdezernentin Konstanze Beckedorf und die zweite ist Schuldezernentin Rita Maria Rzyski. Bei der Oberbürgermeistervertretung geht es nach Dienstalter. Wenn ich nicht da bin, dann ist Stadtbaurat Uwe Bodemann der nächste.

Sie mussten schon länger damit rechnen, dass Sie eines Tages die Leitung der Verwaltung übernehmen würden, aber hat Sie der Zeitpunkt des
Rücktritts von Oberbürgermeister Stefan Schostok
überrascht?

Die Frage, ob Anklage erhoben wird, stand seit Monaten im Raum, insofern war der genaue Termin nicht vorhersehbar. Aber irgendwann war damit zu rechnen, dass entschieden wird, wie es weitergeht mit der Anklage, und Stefan Schostok hat darauf entsprechend reagiert.

Wie sind denn die letzten Monate mit Stefan Schostok als Oberbürgermeister im Rathaus verlaufen?

Die Situation war sicher für Stefan Schostok sehr belastend, wenn so ein Vorwurf im Raum steht. Ich glaube, das kann kein Mensch gut wegstecken. Und das Thema hat natürlich auch das ganze Rathaus beschäftigt. Insofern gibt es natürlich Zeiten, die unbelasteter sind, das hat sich aber nicht auf das Engagement der Mitarbeitenden ausgewirkt.

Nach außen wirkte der Oberbürgermeister völlig unbeeindruckt. Hat Sie das nicht erstaunt?

Ich denke, jeder Mensch geht unterschiedlich mit so einer Situation um. So ein Amt ist schon sehr herausfordernd. Er ist ein Mensch, der sehr konstant ist, sowohl in seinem Arbeiten als auch in seiner Stimmungslage. So ist er, glaube ich, sehr souverän mit der Situation umgegangen.

Sie sind als Typ etwas temperamentvoller – wird sich jetzt der Führungsstil im Rathaus ändern?

Wir befinden uns in einer Übergangssituation. Ein Oberbürgermeister oder eine Oberbürgermeisterin ist von der Bevölkerung direkt gewählt. Dadurch gibt es eine hohe Legitimation, seine oder ihre jeweilige Vorstellung umzusetzen. Der Oberbürgermeister, der den Alltag gemeinsam mit der Verwaltung in vielen Projekten gestaltet, fehlt jetzt. Wir arbeiten weiter, aber wir überlegen uns bei Fragen, die eine grundlegende Weichenstellung bedeuten, ob wir damit bis zur Wahl abwarten. Ich finde es sehr gut, dass alle Dezernentinnen und Dezernenten einen Teil der Arbeit vom Oberbürgermeister übernommen haben. Und wir arbeiten sehr konstruktiv zusammen. Die repräsentativen Aufgaben übernehmen die Bürgermeister, aktuell hauptsächlich Bürgermeisterin Regine Kramarek.

Sie sind Mitglied der Grünen. Bekommt die Politik in Hannover einen deutlicheren grünen Stempel? Müssen jetzt alle Hausbesitzer eine Solaranlage auf dem Dach installieren?

Das entscheidet nicht die Verwaltung, sondern die Politik. Und die Mehrheitsverhältnisse im Rat haben sich ja nicht verändert. Wir reden gerade über das Thema Fotovoltaik, aber niemand wird gezwungen, sich eine Anlage aufs Dach zu bauen. Aber natürlich ist das eine Energieart, die der Stadt guttut, weil sie emissionsfrei arbeitet. Insofern werden wir als Stadt natürlich alles tun, um das zu fördern. Im Übrigen ist hier in der Stadt relativ wenig mit Zwang gemacht worden. Es wurden Anreize geschaffen und die Bürger informiert und beraten.

Dezernentin lebt in Oberricklingen

Die 58-jährige Sabine Tegtmeyer-Dette ist seit 2013 Hannovers Dezernentin für Wirtschaft und Umwelt. Als Erste Stadträtin ist sie automatisch Vertreterin des Oberbürgermeisters. Anfang des Monats hatte das Innenministerium der vom Rat beschlossenen Versetzung von Oberbürgermeister Stefan Schostok in den Ruhestand zugestimmt, seitdem steht Tegtmeyer-Dette an der Spitze der Verwaltung.

Die Verwaltungsbetriebswirtin hat Germanistik und Politik studiert, sie arbeitete zunächst bei der Region und ging dann als kaufmännische Leiterin zur Üstra. Tegtmeyer-Dette lebt mit ihrem Mann in Oberricklingen. Das Ehepaar hat drei Dauerkarten für Hannover 96, auch für die 2. Bundesliga. Tegtmeyer-Dette und ihr Mann laden zu jedem Heimspiel einen Gast ein.

Immer wieder gibt es den Vorwurf, die Strukturen im Rathaus seien verfilzt. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube, dass solche pauschalen Vorwürfe niemandem helfen und auch nicht stimmen. Ich kann aus meiner Sicht nicht erkennen, dass es verfilzte Strukturen gebe. Das würde ja bedeuten, dass man festgelegte Beschlusswege außer Kraft setzt. Solche Vorgänge kenne ich nicht. Mit solchen Vorwürfen muss man vorsichtig sein, denn damit wird unterstellt, dass sie Regeln missachtet werden. Aus meiner Sicht leisten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hervorragende Arbeit für die Bürgerinnen und Bürger der Landeshauptstadt Hannover.

Wäre es nicht besser, es gäbe eine Dezernentin, einen Dezernenten, der der CDU nahesteht? Was ist Ihre persönliche Meinung?

Es schadet nie, wenn man möglichst viele Menschen einbindet, auch unterschiedliche Meinungen. Bis vor ein paar Jahren hatten wir mit dem Sozialdezernenten Thomas Walter einen Kollegen von der CDU, die Zusammenarbeit war hervorragend.

Was halten Sie von der geschlechtergerechten Sprache, die Oberbürgermeister Schostok noch vor seinem Rücktritt eingeführt hat?

Wir möchten zum Ausdruck bringen, dass es unterschiedliche Menschen gibt, die wir über die Sprache nicht diskriminieren.

Am 27. Oktober wird der neue Oberbürgermeister gewählt. Was sind bis dahin die großen Herausforderungen?

Wir haben im Moment ein deutlich reduziertes Team auf der Führungsebene. Es fehlt ein Dezernent, weil Harald Härke nicht im Dienst ist. Es fehlt der Oberbürgermeister, der auch viele wichtige Projekte persönlich bearbeitet hat. Wir müssen also Arbeit auffangen.

Und die anstehenden Herausforderungen?

Die Bevölkerungszahlen in Hannover steigen, und dadurch haben wir einen großen Bedarf an einer wachsenden Infrastruktur. Wir brauchen neue Schulen, neue Kitas, wir brauchen Wohnungen und neue Arbeitsplätze. Wir müssen die wachsende Stadt gestalten und zwar so, dass sie ihre Qualitäten behält: als Stadt mit vielen Grünflächen. Das vernünftig hinzubekommen ist eine große Herausforderung.

Wo hapert es beim Wohnungsbau?

Aus meiner Sicht überhaupt nicht: Wir bauen; in Kronsberg-Süd geht es demnächst los, am Oststadtkrankenhaus wird gebaut, in der ehemaligen Freiherr-von-Fritsch-Kaserne in Bothfeld geht es jetzt richtig los. Die Wasserstadt Limmer ist ein bisschen schwieriger.

Warum?

Es ist ein schwieriges Grundstück, weil zunächst eine umfangreiche Bodensanierung nötig war. Dann gab es ziemlich viele Ideen aus dem Stadtbezirksrat, eine Beteiligung nimmt auch einige Zeit in Anspruch. Und wenn einem das Grundstück nicht selbst gehört, dann muss man im Zweifel mit dem Eigentümer noch ein paar Runden extra drehen. Sorge macht mir eher die Mietpreisentwicklung. Ich hoffe, dass die Ausweitung des Wohnungsangebots auch im Hinblick auf die Preisentwicklung für Entspannung sorgen wird. Zudem machen wir Vorgaben, dass 25 bzw. 30 Prozent der Wohnungen als geförderter Wohnraum zu bauen sind, damit auch ausreichend bezahlbarer Wohnraum entsteht.

Wie sieht Hannover in 25 Jahren aus?

In meiner Vision ist Hannover nach wie vor eine Stadt, in der man gern lebt. Gern leben die Menschen in einer Stadt, in der sie sich bewegen können, in der sie sich wohlfühlen, in denen sie Luft bekommen, in der sie sich auch im Sommer bei den zunehmenden Temperaturen aufhalten können.

Was müssen Verwaltung und Politik dafür tun?

Wir müssen einige Fragen fantasievoll angehen, zum Beispiel bei der Mobilität. Wir haben im Moment zunehmenden Autoverkehr, und wenn das so weitergeht, dann haben wir für die Zukunft der Stadt eine schwierige Ausgangslage. Wir müssen uns in spannende neue Konzepte hineinbewegen, damit Hannover in 25 Jahren noch die Qualität aufweist wie heute.

Was bedeutet das?

Den Menschen ist ihre individuelle Mobilität sehr wichtig. Allerdings legen jüngere Menschen nicht mehr so viel Wert auf ein eigenes Auto. Hieraus muss man ein geschicktes Angebot machen. Die Leute müssen die Chance haben, sich individuell fortzubewegen, und es muss eine gute Auswahl an Fahrzeugen geben. Wie man derzeit sehen kann, gibt es ein Bedürfnis, sich Autos, Elektroroller oder Fahrräder kurzfristig zu leihen. Leider geht das im Moment noch ein bisschen wild durcheinander. Da müssen wir schauen, wie wir das in vernünftige Bahnen lenken können.

Bei den Schadstoffwerten liegt Hannover noch immer über dem Grenzwert,
wie neueste Zahlen zeigen
. Ist in Hannover mit Fahrverboten für Autos auf bestimmten Strecken zu rechnen?

Das wird letztlich das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg bei der Klage der Deutschen Umwelthilfe entscheiden. Ich weiß nicht, wie das Gericht die Situation einschätzt.

Von Mathias Klein

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