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Hannover Warnstreik: Hunderte mit Trillerpfeifen auf Kaufhof-Rolltreppe
Nachrichten Hannover Warnstreik: Hunderte mit Trillerpfeifen auf Kaufhof-Rolltreppe
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00:18 27.05.2019
Lautstarker Protest: Hunderte Warnstreikende stürmten die Rolltreppen bei Kaufhof an der Marktkirche und fuhren mit Trillerpfeifen bis zum 4. Stock. Quelle: Conrad von Meding
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Hannover

Wer schon immer wissen wollte, wie Hunderte Trillerpfeifen in einem Kaufhaus klingen, konnte es Freitagmittag bei Kaufhof an der Marktkirche erleben. Mitarbeiter und Kunden hielten sich die Ohren zu, so lautstark war der Protest. Streikende fuhren dabei mit den Rolltreppen bis hoch in den vierten Stock, dann wieder runter bis ins Tiefgeschoss. Die spontane Aktion war Teil eines Warnstreiks in der laufenden Tarifauseinandersetzung. Es geht aber auch um fast 100 Arbeitsplätze, die in den beiden Kaufhof-Häusern in Hannovers Innenstadt dem Vernehmen nach abgebaut werden sollen.

Bei Kaufhof bis zu 93 Stellen gefährdet

Eine offizielle Bestätigung aus der Unternehmenszentrale gibt es nicht. Nach Angaben mehrerer Streikender aber hat es am Dienstag eine Betriebsversammlung gegeben, bei der die Arbeitgeber des krisengeschüttelten, frisch fusionierten Kaufhauskonzerns Karstadt-Kaufhof Zahlen genannt haben. Demnach sollen von den rund 375 Beschäftigten, die aktuell in beiden hannoverschen Kaufhof-Häusern angestellt sind, etwa 20 bis 25 Prozent gehen. Das wären bis zu 93 Mitarbeiter. Ein harter Schlag für die Häuser, in denen in den vergangenen Jahren schon mehrfach Personal abgebaut wurde.

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Vier Varianten zum Arbeitsplatzabbau

Verdi-Sekretärin Juliane Fuchs sagte am Rande der Streikaktion, es seien vier Varianten vorgestellt worden. Wenn es nach der Unternehmensleitung gehe, wäre es am besten, wenn bis Juli möglichst viele Mitarbeiter freiwillig gingen. Die Alternative sei, dass viele Mitarbeiter freiwillig ihre Arbeitszeit in erheblichem Umfang reduzierten. Reiche das nicht, würden Mitarbeitern Stellen in einer Art Warenservicegesellschaft angeboten, in der sie dann für internen Transport oder etwa beim Bügeln angestellt würden – bei schlechterer Bezahlung. Die letzte Alternative seien dann offenbar betriebsbedingte Kündigungen.

Verdi-Chef Frank Bsirske und Signa-Chef Réne Benko wollen sich treffen

Beim Warnstreik hieß es, für die nächsten Tage sei ein Gespräch zwischen Verdi-Chef Frank Bsirske und Réne Benko angesetzt, dessen Unternehmensgruppe Signa Kaufhof und Karstadt gehört. „Wir wollen keine Gehaltseinbußen hinnehmen müssen für Managementfehler“, sagte ein Betriebsratsmitglied von Karstadt. Ein anderer kritisierte, dass die Arbeitgeber mit dem Zwang zur Wirtschaftlichkeit argumentierten: „Wir müssen auch wirtschaften – wir müssen Miete, Kinder, Essen bezahlen.“

An dem Warnstreik, dem bei Karstadt eine Betriebsversammlung vorausging, beteiligten sich geschätzt 250 bis 300 Beschäftigte unter anderem von Kaufhof am Ernst-August-Platz, aus H&M-Filialen, von Karstadt und Karstadt-Sports sowie dem Textilhändler Zara. Eine kleine Delegation war auch aus dem Ikea-Haus am Expo-Park gekommen. Alle Geschäfte waren trotzdem geöffnet.

Warnstreik für 1 Euro mehr Gehalt pro Stunde

Offizieller Hintergrund des Warnstreiks ist die aktuelle Tarifauseinandersetzung im Einzelhandel. Die Arbeitgeber haben in der ersten Verhandlungsrunde kein Angebot vorgelegt. Jetzt steht die zweite Runde an. Die Gewerkschaft fordert eine Erhöhung der Einkommen um einen Euro pro Arbeitsstunde und ein tarifliches Mindesteinkommen von 2100 Euro im Monat sowie eine Laufzeit von zwölf Monaten. Bei Kaufhof hat der Arbeitgeber den Tarifvertrag gekündigt.

Erst am 14. Mai war bei Kaufhof am Ernst-August-Platz gegen einen „Billigtarif“ gestreikt worden.

Von Conrad von Meding