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Hannover Kommentar zur OB-Wahl: Respekt!
Nachrichten Hannover Kommentar zur OB-Wahl: Respekt!
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22:22 10.11.2019
Sieger des Abends: Belit Onay. Quelle: Moritz Frankenberg
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Am Ende war es knapp, aber doch deutlich genug: Hannover hat zum ersten Mal einen grünen Politiker an die Rathausspitze gewählt. Das Experiment mit einem unabhängigen Manager (noch dazu irgendwie auf CDU-Ticket) war der Mehrheit letztlich nicht geheuer. Das enge Rennen vom Sonntag aber passt zu einem Wahlkampf, der mit Blick auf die verbliebenen Kandidaten mit einem Wort zusammenzufassen ist: Respekt!

Belit Onay ist der ebenso strahlende wie sympathisch-zurückhaltende Sieger eines langen, aber stets gewissenhaften Duells um die Macht im Rathaus. Gemeinsam mit seinem Kontrahenten Eckhard Scholz hat er zunächst den tapferen SPD-Mann Marc Hansmann aus dem Rennen genommen und schließlich allein den früheren VWN-Chef hinter sich gelassen. Das ist eine beachtliche Leistung für einen vor wenigen Monaten nur Eingeweihten bekannten Landtagsabgeordneten aus den mittleren Reihen. Und selbstverständlich hat sein Ergebnis auch damit zu tun, dass der frühere „Genosse Trend“ längst zu den Grünen konvertiert ist. Manche Teile der Landeshauptstadt sind derzeit so tief grün eingefärbt, dass der Begriff „Hochburg“ eine Untertreibung ist.

Parteifreunde wollen jetzt eine Gegenleistung

Aber es ist auch Onays persönlicher Sieg. Er hat viel mit seinem Politikverständnis und seiner klugen Zurückhaltung in Ton und Attitüde zu tun und erfrischend wenig mit der Herkunft seiner Eltern aus der Türkei. Der neue Mann mit der goldenen Amtskette wird damit leben müssen, jetzt als „erstes Oberhaupt einer Großstadt mit Migrationshintergrund“ durch die Talkshows gereicht zu werden; in Hannover hat diese Facette seiner Persönlichkeit keine wirklich ernsthafte Rolle gespielt. Vielleicht ist die Stadt da einfach etwas weiter als die Reflexe in der übrigen Republik andeuten.

Viel wichtiger ist nun die Frage, ob und wie Onay den versprochenen „Aufbruch“ auf den Weg bringen kann. Denn der Oberbürgermeister steht nicht allein, seine Parteifreunde wollen jetzt eine Gegenleistung für ihre Unterstützung. Das kann angesichts der bisherigen Qualität grüner Politik in der Landeshauptstadt anspruchsvoll werden, wenn der Zauber des Anfangs verflogen sein wird. Denn auch die übrigen fast 50 Prozent der Wähler haben ja ein Recht darauf, von ihrem Stadtoberhaupt gehört und wahrgenommen zu werden.

In mindestens einem Punkt hatten alle Onay-Skeptiker in den letzte Monaten im Übrigen Recht: Er geht als Oberbürgermeister-Azubi an den Start, ihm fehlt jede ernsthafte Führungserfahrung. So ähnlich war das auch bei seinem SPD-Vorgänger Stefan Schostok – am Ende standen mehr als fünf vielfach quälende Jahre für die Stadt und eine peinliche Affäre um Geld und Geltungssucht. Wenn der Eindruck aus dem Wahlkampf jedoch nicht trügt, ist Onay klug genug, das einerseits zu wissen und andererseits weiter hart an sich zu arbeiten. Er hat eine beachtliche Aufstiegsgeschichte hinter sich – und es spricht wenig dafür, dass die mit dem Wahltag zu Ende ist.

Es kann nur besser werden in Hannover

Ganz nebenbei verschlimmert Onays Sieg an dieser Stelle noch die Schmerzen der Sozialdemokraten: Früher standen Menschen mit solch kraftvollen Entwicklungen aus angeblich „einfachen Verhältnissen“ oft genug fest in ihren Reihen. Auch Onay hat einst für die SPD Wahlkampf gemacht – doch sie hat ihn nicht gehalten.

Um Eckhard Scholz hingegen ist fast ein wenig schade. Er hat der ewig geschlagenen und personell ausgelaugten CDU in Hannover mehr Kraft und Selbstvertrauen gegeben als alle OB-Kandidaten der Union zuvor. Dass es am Ende nicht ganz gereicht hat, lag nicht an ihm. Jene Gruppe, die manche das „bürgerliche Lager“ nennen, hat in Hannover in Teilen viel zu spät verstanden, dass man ernsthaft hätte gewinnen können. Ein verpasste Chance, wieder einmal.

Statt schwarzem „Neustart“ nun also grüner „Aufbruch“ in der Landeshauptstadt. Angesichts des Zustands vor allem der Stadtverwaltung ist der Weg so oder so weit. Aber: Es kann nur besser werden. Glück und Erfolg dabei, Belit Onay!

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