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Hannover Kulturhauptstadt: Mit diesem spektakulären Buch bewirbt sich Hannover um den Titel
Nachrichten Hannover Kulturhauptstadt: Mit diesem spektakulären Buch bewirbt sich Hannover um den Titel
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19:02 26.09.2019
„DIN A4 – das ist das Letzte, was ein Designer wählen würde“: Buchgestalter Sebastian Peetz präsentiert das Bid Book im Sprengel-Museum. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Im Rennen um den Titel einer Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025 hat die Stadt am Donnerstag im Sprengel-Museum ihr Bewerbungsbuch, das sogenannte Bid Book, vorgelegt. Einige Inhalte wurden bereits vor zwei Wochen präsentiert. Jetzt ging es um die Form – und die ist spektakulär: Das hannoversche Bid Book ist ein bis ins Details durchdachtes, ästhetisch überzeugendes Werk, das in einer aufwendigen Kombination aus moderner Maschinenfertigung und traditioneller Handwerkskunst gefertigt wurde.

Im Sprengel-Museum wurde der künstlerische Anspruch durch eine kleine Inszenierung betont: Das Bid Book wurde in einer Transportkiste für Gemälde zum Podest geschoben, wo Buchgestalter Sebastian Peetz es vorsichtig mit Handschuhen durchblätterte.

Ein emotionales Werk

Wie ein richtiges Kunstwerk weckt auch das ausgefallene Bewerbungsschreiben Emotionen: „Das ist ein besonderer Moment auf den Weg zur Bewerbung“, sagte zumindest Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf. Am fertigen Bid Book könne man sehen, wie viel Energie und Herzblut in der Bewerbung steckten. „Die zurückliegenden zwölf Monate waren auch für mich eine großartige Zeit, die ich eigentlich Sozial- und Sportdezernentin bin.“

Sportlich war offenbar das Arbeitspensum des Kulturhauptstadtteams: Peetz berichtet, dass alle Beteiligten oft bis in die Nacht am Bid Book gearbeitet hätten. Und beim Dank an die vielen Beteiligten in hannoverschen Gewerken – den Druckern, den Buchbindern – schließt er auch den Dank an deren Familien an, die alle Überstunden toleriert hätten.

Bloß keine Fingerabdrücke: Das Bid Book in den Händen seines Designers. Quelle: Stefan Arndt

Den auffälligen Titelumschlag des Buches bildet ein filigran geschnittenes Relief aus kräftigem weißen Karton, das die Formensprache vom „Merzbau“ des Dada-Künstlers Kurt Schwitters aufgreift. In der faszinierenden Papierlandschaft sind auch die Buchstaben „Hannover“ zu erkennen – „Die Jury soll ja schon von außen sehen, worum es hier geht“, sagt Peetz.

Dabei geht es ihm längst nicht nur um den Absender der Bewerbung. Das Titelkunstwerk von Peetz greift zugleich die wesentliche Idee der Bewerbung auf: Die schwierige Lange Europas und Hannovers Bereitschaft, Lösungsvorschläge zu erarbeiten. In der Mitte des Reliefs tut sich daher der Abgrund auf, mit dem die Bewerbungserzählung beginnt: Ein Loch, das den Blick durch den Titel und mehrere der innen liegenden Seiten hindurch bis auf ein Blatt erlaubt, auf dem der für die Bewerbung zentrale Begriff „Agora“ zu lesen ist.

 Im Zentrum des Titels: Die Agora. Quelle: Volker Wiedersheim

Die Agora war in antiken griechischen Städten deren zentraler Versammlungsplatz, genutzt für Kulte und Kultur, Feste und Märkte, Gerichte und Beratungen – ein Brennpunkt für die Entstehung bürgerlicher und demokratischer Prozesse. In Hannover sollen solche Agoren im Kulturhauptstadtjahr neu entstehen und Gespräche zu allen Fragen der europäischen und städtischen Gesellschaft anregen. Das heimliche Motto der Bewerbung lautet deshalb: Hannover, wir müssen reden!

 Lose Fäden: Die Bindung des Bid Books. Quelle: Christian Behrens

Buchgestalter Sebastian Peetz hat in der Umsetzung praktisch jeden Quadratzentimeter der 60 Seiten in den Dienst des Designs gestellt. Auch auf den Innenseiten gibt Fensterausschnitte, die den Durchblick auf tiefer liegende Prozesse und Themen freigeben. Es gibt grob gestochene Löcher, aufgeklebte Bilder und eingelegte Schmuddelfaxe mit Finanzdaten und Eselsohren. Bücher sind für gewöhnlich zweidimensionale Objekte? Dieses hier begnügt sich damit nicht, es schafft sich Raum.

Einmalige Gelegenheit

Die kreative Gestaltung ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, wie starr die Vorgaben für das Bewerbungsschreiben sind: Die Schrift darf nicht kleiner als 10 Punkt sein, die Seiten müssen DIN-A4-Format haben: „Das Letzte, was man als Designer nehmen würde“, sagt Peetz. Immer wieder hat man bei der Kulturstiftung der Länder, die den Wettbewerb in Deutschland ausrichtet, nachgefragt, wie weit man die Grenzen der Vorgaben dehnen kann. Der Wunsch, etwas Besonderes zu schaffen, ist dem Bid Book nun anzusehen. „Wir wollten das Meisterwerk“, sagt Peetz. „So eine Gelegenheit ist einmalig.“

Computerschnitt, Lasertechnik – und traditionelles Handwerk: Bei der Produktion des Bid Books kommt beides zusammen. Die Bilder zeigen Arbeitsschritte der Herstellung von Hannovers Bid Book für die Kulturhauptstadt 2025.

Bei der Herstellung des Buches haben modernste Technik und traditionelle Handwerkskunst symbolkräftig zusammengearbeitet. Die Schichten des Titels sind mit einem Laser aus Kartonbögen geschnitten, die ökologisch erzeugt wurden. Wer genau schaut, sieht Rußspuren dieses Brennens. Andere Seiten sind von computergesteuerten Präzisionsmessern in Form gebracht oder wurden auf Papier gedruckt, das aus recycelten Kaffeebecher besteht.

Wie aufwendig die Bindung war, lässt schon der Fachbegriff dafür erkennen: Japanische Broschur wurde kombiniert mit Fitzbundschlingknotenkettenstichbindung. Auf einen kaschierenden Buchrücken wurde dabei verzichtet: Es soll sichtbar sein – im Buch wie im Bewerbungsprozess – welche bindenden Kräfte alles zusammenhalten.

60 Seiten Maximum – das ist die Vorgabe der Jury. Nicht begrenzt ist dagegen, wie dick das Buch bei dieser Seitenzahl sein darf. Die Hannoveraner legen den Juroren nun einen 6,5 Zentimeter dicken, 2301 Gramm schweren Band auf den Tagungstisch. Am Mittwoch um 14.30 Uhr ist die Sendung bereits gut in Berlin angekommen: kein Werbeprospekt, keine Neue Sachlichkeit, kein Hochglanz, sondern ein verschwenderisch raffiniertes Wimmelbuch für Kulturhauptstadtbewerbungsbegutachter.

Lassen die sich davon beeindrucken? Das steht auf einem anderen Blatt.

Die Bid-Book-Produktion: 100 Prozent Hannover

Ein bisschen Stolz schwang mit: Die Produktion von Hannovers Bewerbungsbuch, so verkündeten die Präsentatoren, ist tatsächlich zu 100 Prozent eine Leistung der Region Hannover. Designer ist Sebastian Peetz, ein Derwisch der Kreativität mit Büro in der Osterstraße. Peetz stammt aus Hannover, doch schon in jungen Jahren zog es ihn in die USA, wo er in Los Angeles und auf Long Island lebte und arbeitete. Weitere Stationen waren die Schweiz und für eine lange Zeit Paris. „Ich bin Hannoveraner!“, sagt er trotz internationaler Meriten mit hörbarem Ausrufezeichen.

Die Arbeit am Bewerbungsbuch seiner Heimatstadt zog sich über drei Monate hin, „praktisch rund um die Uhr“, wie Designer und Künstler Peetz sagt. Man nimmt es ihm ab, wenn klar wird, dass seine Gestaltungsideen bis in die kleinsten Ecken des nun vorgelegten Buchs reichen. Die darin eingearbeiteten Faxe der Finanzplanung sind tatsächlich aus Faxgeräten des Rathauses und tragen schwarze Flecken, wo die Auflage der Geräte abgenutzt ist.

Den Zuschnitt der Papierbögen mit Laser und computergesteuerten Messern hat das Ehlershausener Unternehmen Ermonis besorgt. Den Druck übernahm die Firma Gutenberg Beuys in Langehagen. Und in der Döhrener Feinbuchbinderei Vehse und Sohn entstand schließlich aus den Bögen das fertige Buch – in traditioneller Handarbeit. „Das kann außer uns hier keiner mehr in der Region“, sagt Buchbindermeister Hans-Jürgen Vehse. Das Binden mit verschiedenen Fäden – offen zu sehen am Buchrücken – besorgte unter anderem Saskia Vodegel, die gerade als Jahrgangsbeste des Handwerkskammerbezirks ihre Gesellenprüfung abgeschlossen hat. Rund eineinhalb Stunden pro Buch dauert allein dieser Arbeitsschritt.

Insgesamt werden mehr als 60 Exemplare hergestellt, ein Teil auf Deutsch, ein Teil Englisch –auch das ist eine Vorgabe der Jury. Bei der Produktion wurden die Bögen zunächst aneinander geklebt. Sie ergeben dann eine stolze Länge von 10,80 Meter. „Ganz ehrlich, einen solch aufwendigen Auftrag haben wir noch nicht gehabt. Aber so etwas ist natürlich ein Highlight für jedes Unternehmen “, sagt Vehse und lobt die Zusammenarbeit mit allen Projektpartnern. wie

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