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Hannover Kwiggle-Bike: Ein Hannoveraner erfindet das Rad neu
Nachrichten Hannover Kwiggle-Bike: Ein Hannoveraner erfindet das Rad neu
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00:15 02.02.2019
Karsten Bettin fährt am Nordufer vom Maschsee auf seinem Faltrad Kwiggle. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Dieses Startup aus Hannover will das Radfahren revolutionieren. Statt im Sitzen radeln wir künftig im Stehen, und der Sattel schwingt dabei seitlich mit. Radfahren mit Hüftschwung sozusagen, made in Leinestadt. Das Kwiggle-Bike des Maschinenbauingenieurs Karsten Bettin geht nach fast zehnjähriger Entwicklungszeit in den Verkauf, auf der an diesem Mittwoch startenden Verbrauchermesse Abf kann es besichtigt und bestellt werden. Bei einer Testfahrt für die HAZ am Maschsee hat es spontane Zuschauerreaktionen gegeben. „Nach zwei bis drei Pedalumdrehungen hat man sich daran gewöhnt, wie Sattel und Hüfte mitschwingen“, sagt unser Zufallstester Marco Zarnack aus Ricklingen erstaunt.

Das Kwiggle passt ins Handgepäck

Schon jetzt hat das Kwiggle-Bike bei einem Superlativ den bisherigen Platzhirsch Brompton aus London abgehängt. Es darf sich als das kompakteste Faltrad der Welt bezeichnen, Brompton muss seine Werbung umstellen. Das Kwiggle passt unter den Sitz im ICE und ins Handgepäck von Flugzeugen. Für die urbane Elite in Großstädten ein wichtiges Argument: Wer etwa mit Rad und Bahn zur Arbeit fährt, muss keine Zusatzkarte mehr lösen und hat zudem kein sperriges Klapprad im Waggon herumstehen. Kein Wunder, dass es Nachfrage aus Metropolen wie Singapur, Taiwan und Maxico-City gibt. Verkaufsstart ist aber erstmal nur in Europa. „Wir wollen die Produktion langsam hochfahren“, sagt Bettin. Ein Thailänder habe deshalb das Kwiggle-Bike über seine Botschaft in Europa bestellt – Fahrradfans sind eben findige Leute.

Startup statt Stadtwerke: Ingenieur Bettin hat die Idee von der Tour de France

Das Minifomat des Kwiggle ist eigentlich nur ein Nebenprodukt der Entwicklung. Die wahre Innovation liegt in dem völlig veränderten Fahrkonzept als Stehrad. Dem Maschinenbauer Bettin, damals angestellt bei den Stadtwerken, kam die Idee, als er vor gut zehn Jahren beim Tour-de-France-Schlussspurt beobachtet hat, wie Lance Armstrong seinem Konkurrenten Jan Ullrich davonradelte. „Armstrong fuhr die letzte Strecke im Stehen und nutzte dadurch große Kraftreserven“, sagt Bettin. Beeindruckt davon, trainierte er in den Folgewochen täglich auf dem Weg zur Arbeit das stehende Radfahren. Es war effektiv, aber unbequem. Dann kam ihm die Idee vom aufrechten Radfahren, bei dem der Sattel sich mit der Hüftbewegung seitwärts bewegt.

Kwiggle ist durch Experimente gewachsen

Das Fahren ist erst einmal ungewohnt – so wie auch der Anblick des seltsamen Rads. Weil es ein Stehrad ist, liegen die Räder deutlich enger zusammen als bei einem Sitzrad. Und weil sie so eng stehen, müssen sie sehr klein sein. Um trotzdem pro Pedalkurbelumdrehung bis zu 6,5 Meter Strecke zurücklegen zu können wie bei einem Normalrad, musste Bettin lange mit der Getriebeübersetzung experimentieren. Und auch vieles andere an dem Rad ist erst durch Experimente gewachsen. Gut 30 Patente hält der 54-Jährige inzwischen in Europa und China, den USA und weiteren Ländern. Allein die Patente hätten 250 000 Euro gekostet, sagt er. Insgesamt steckten 700.000 Euro Entwicklungskosten in dem Rad.

15 Spezialanfertigungen im Kwiggle-Bike

15 Teile sind zugekauft, etwa Griffe, Bremsen, Leuchten. 15 Teile aber sind komplette Neuentwicklungen. Trotz des guten Rufs des Deutschen Maschinenbaus muss Bettin viele Teile im Ausland fertigen lassen. Etwa das Rahmenteil zum Hinterrad: „Kein deutsches Unternehmen konnte mir das Aluminium so präzise formen“, sagt er. Jetzt wird es in Italien produziert. Für das Edelstahlrohr unter der Lenkstange half ihm ein Kontakt von der Hannover-Messe, es muss mit minimaler Fertigungstoleranz produziert werden. „Ich habe in Deutschland keinen Anbieter gefunden, der das in akzeptabler Lieferzeit schafft“, sagt Bettin.

Handgestoppt: Fünf Sekunden Aufbauzeit

Zusammengefaltet misst das Kwiggle 55x40x25 Zentimeter. Damit löst es das etwas teurere Brompton-Bike als kompaktestes Faltrad der Welt ab. Mit 8,5 Kilogramm („nackt“) ist es zudem 2 Kilo leichter als das Brompton, auch mit Licht, Schutzblechen und anderen Zubehörteilen wiegt es nur 9,5 Kilogramm. Dann zweier Gleitrollen kann man es zusammengeklappt bequem hinter sich herziehen. Und dank einer Anhänger-Knopfkupplung kann man einen Rollkoffer hinter das Rad schnallen und so mitsamt Gepäck etwa vom Bahnhof zum Hotel radeln. Im Test schafften Ungeübte das Auseinanderklappen des Rads in zehn Sekunden. Handgestoppt bewältigt Erfinder Karsten Bettin das in etwa fünf Sekunden. Wobei das Einstecken der beiden Pedale am längsten braucht. „Der Mechanismus ist fast so leicht wie das Entfalten eines Wurfzelts“, sagt Bettin: „Aber wenn man es ebenso elegant schaffen will, braucht man schon etwas Übung.“

Montage läuft südlich von Magdeburg

Vier Kwiggle-Prototypen gibt es bisher. Jetzt wird die Produktion in einer Montagefabrik südlich von Magdeburg hochgefahren, ab Mai soll ausgeliefert werden. „Bis zu 20.000 Stück können wir wohl in Magdeburg pro Jahr fertigen“, sagt Bettin: „Wenn die Nachfrage höher wird, müssen wir neue Wege gehen.“ Dass es Nachfrage gibt, daran hat er keinen Zweifel. Schon jetzt, wenige Tage nach Verkaufsstart, sei eine dreistellige Zahl bestellt – gegen Vorkasse. Der fünffache Familienvater hat ein kleines Unternehmen gegründet. Einer der Angestellten ist sein Sohn Till. Der war im vergangene Jahr bundesweit bester Azubi im Zahntechnikerhandwerk – Präzisionstüfteln scheint in der Familie zu liegen.

Mit dem Kwiggle-Faltrad ums Ijsselmeer

Das Kwiggle gibt es ab etwa 1200 Euro, es kostet in straßenverkehrstauglicher Normalausstattung mit Dreigangschaltung etwa 1450 Euro – das ist billiger, leichter und kompakter als Konkurrent Brompton. Mit dem Standardmodell ist der Erfinder Bettin schon 300 Kilometer um das Ijsselmeer gefahren – an einem Tag. „Wegen der aufrechten Haltung tritt kaum Ermüdung ein“, sagt er. Dieses Jahr soll es eine 400-Kilometer-Strecke geben – oder gleich 1000 Kilometer nach Stockholm. Dann aber nicht an einem Tag.

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