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Hannover 150.000 Euro teurer Oldtimer: Autohändler stopft Öl-Leck mit Damenbinden
Nachrichten Hannover 150.000 Euro teurer Oldtimer: Autohändler stopft Öl-Leck mit Damenbinden
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11:58 07.09.2019
Der Mercedes Pagode fuhr mehr als 40 Jahre in den USA - und wurde in Deutschland restauriert. Quelle: privat
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Hannover

Ein Ehepaar aus Isernhagen, das von einem Autohändler aus Groß-Buchholz für 150.000 Euro einen Mercedes-Oldtimer erwarb, will diesen zwingen, den Wagen zum Kaufpreis zurückzunehmen – und hat das Autohaus verklagt. Wie sich ein Jahr nach der Auslieferung im Mai 2017 herausstellte, wies der vom Unternehmerehepaar Elke und Michael Hundertmark gekaufte olivgrüne Mercedes Pagode, ein 1968 gebauter 280 SL, etliche Mängel auf. So war auf der Unterseite eine Wanne angeschraubt worden, in der mithilfe von drei Damenbinden heraustropfendes Öl aufgefangen werden sollte. Das Standgas lief permanent zu hoch, die Felgen rosteten nach kurzer Zeit, auch wies der Kofferraum Rostschäden auf. Bereits zweimal trafen sich die streitenden Parteien vor der 9. Zivilkammer des Landgerichts Hannover, konnten sich aber nicht auf einen Vergleich einigen. So wird Richter Peter Bordt am 22. Oktober ein Urteil verkünden.

Elke und Michael Hundertmark fordern Gerechtigkeit - und wollen den Kauf ihres 51 Jahre alten Mercedes-Roadsters rückabwickeln. Quelle: Michael Zgoll

Der dunkelgrüne Roadster, dessen Spitzname Pagode auf dem nach innen gewölbten Hardtop beruht, stammte aus den USA, war dort mehr als 40 Jahre gelaufen. In Deutschland befassten sich dann zwei Firmen – aus Düren und Menden – bis 2012 damit, den Oldtimer zu erneuern. Laut Verkaufsanzeige des Autohändlers wurde er komplett zerlegt, setzten die Betriebe alle schadhaften Teile instand oder tauschten sie aus. „Die Firma in Menden ist in der Szene unter dem Begriff Pagodenpapst bekannt“, wusste der 65-jährige Chefverkäufer aus dem Oldtimer-Autohaus an der Podbielskistraße zu berichten.

Eine zusätzlich angebrachte Wanne sollte tropfendes Öl aufnehmen - und dann in besonders saugstarken Damenbinden auffangen (im Bild mittig zu erkennen). Quelle: privat

Unterschiedliche Aussagen

Bei dem im Mittelpunkt der juristischen Auseinandersetzung stehenden Fahrzeug habe er festgestellt, so der Händler, dass in dem 280 SL tatsächlich der passende Roadster-Motor mit der richtigen Leistung verbaut worden war, also kein Limousinenmotor. Ob der Wagen „Matching Numbers“ hatte, habe er allerdings nicht überprüft und dies auch nicht behauptet – das könne nur ein Gutachter verifizieren. Doch die Gegenseite hat andere Erinnerungen an die Verkaufsgespräche.

Mit „Matching Numbers“ – also mit Ursprungs-Datenkarte und Herstellerbescheinigung übereinstimmenden Nummern an Motor, Getriebe und Hinterachse – lässt sich belegen, dass es sich um die Originalkomponenten aus dem ersten Zulassungsjahr handelt. Dies beinhalte, so Autoliebhaber Michael Hundertmark, eine Wertsteigerung von bis zu 15 Prozent. „Der Verkäufer hat mir versichert, dass dieser Mercedes Matching Numbers hat“, sagte der 53-Jährige vor Gericht. Er selbst sei ein Privatier, der in seinem Leben schon rund 80 Autos besessen habe und gewisse technische Grundkenntnisse aufweise: „Mit zehn Jahren habe ich auf einem Mercedes Autofahren gelernt, mit elf Jahren konnte ich schon perfekt einparken.“

Kein Auto zum Einkaufen

Der angeblich perfekt restaurierte Pagode-Roadster sei für seine Frau bestimmt gewesen, so der 53-Jährige, er habe Wert darauf gelegt, ein „ehrliches Auto“ zu kaufen. Es sei aber selbstverständlich, dass man solch ein Fahrzeug nicht zum Einkaufen nutze oder es in einem Parkhaus abstelle: „Damit fährt man Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken, mehr nicht.“

Das Ehepaar übernahm den 170 PS starken Mercedes im Mai 2017 bei Kilometerstand 187, gab ihn fünf Monate beim gleichen Händler mit Kilometerstand 1400 in Kommission. Weil der Verkauf an Dritte nicht klappte, nahmen die Hundertmarks den Wagen im April 2018 wieder in ihre Obhut. Im Juni dann stellte ein Berliner Oldtimer-Autohaus nach einer Untersuchung des unrund laufenden Motors fest, dass der Pagode-Mercedes mitnichten Matching Numbers aufwies – dafür aber etliche bislang unbekannte Mängel. „Das Auto ist wohl auch nie komplett zerlegt und wieder zusammengebaut worden, so wie es behauptet wurde“, sagt Michael Hundertmark.

Verminderte Leistung

Leistungsverlust, rostende Achsschenkelbolzen, die champagnerfarbenen Ledersitze schon beim Kauf mit Ölfingerspuren beschmiert – auch Klägerin Elke Hundertmark fallen allerlei Mängel ein, wenn sie an ihr 150.000-Euro-Gefährt denkt. „Der Händler hat acht Monate gebraucht, um die Felgen zu entrosten“, klagt die 54-Jährige. Auch andere Nachbesserungen habe das Autohaus vorgenommen – aber grundlegende Mängel wie den undichten Motor nicht in den Griff bekommen.

Das Ehepaar hat sich den als Oldtimer-Anwalt firmierenden Juristen Mark Schönleiter aus Hamburg zu Hilfe geholt, dieser kennt sich in der Szene aus und hat schon zwei Fachbücher geschrieben. Jüngst noch wären die Hundertmarks ob der ganzen Streiterei sogar bereit gewesen, den Roadster für 140.000 Euro zurückzugeben. Doch inzwischen bietet das Autohaus, aufgrund des aktuellen Kilometerstands von 2700 und wegen angeblicher neuer Mängel, nur noch 133.000 Euro – und das empfindet das Ehepaar als Zumutung.

Von Michael Zgoll