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Hannover Waffen und Nazi-Orden: Vater und Sohn aus Stöcken stehen vor Gericht
Nachrichten Hannover Waffen und Nazi-Orden: Vater und Sohn aus Stöcken stehen vor Gericht
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12:57 25.09.2019
Marcel M. (r.) ist eine auffällige Erscheinung – er soll hauptverantwortlich für das Anlegen des Waffendepots in einer Stöckener Wohnung sein. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Am Mittwoch hat vor dem Landgericht Hannover der Prozess gegen zwei Männer begonnen, in deren Stöckener Wohnung am 29. März 2019 mehr als 50 funktionsfähige Waffen, 3650 Schuss Munition und 98.080 Euro Bargeld gefunden wurden. Marcel M. (30) und sein Vater Oliver M. (53) müssen sich wegen zahlreicher Verstöße gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz verantworten. Außerdem ist der Sohn wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung angeklagt; bei seiner Festnahme in der Zwei-Zimmer-Wohnung in der Ithstraße hatte er einen Polizeibeamten durch einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht erheblich verletzt.

Der erste Verhandlungstag endete bereits nach der halbstündigen Anklageverlesung von Oberstaatsanwältin Maidie Schenk. Daraus ergaben sich Hinweise darauf, warum die Ermittler nicht davon ausgehen, dass die zwei Männer einen Terroranschlag planten.

Oliver M. (2. v. r.) begrüßt beim Betreten des Gerichtssaals seinen Verteidiger Matthias Waldraff. Quelle: Michael Zgoll

Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte schon sehr früh kommuniziert, dass es keine Hinweise auf einen politisch motivierten Hintergrund des Stöckener Waffenlagers gebe. An dieser frühen Festlegung gab es Kritik: unter anderem von einer Stiftung für Opfer rechter Gewalt und den Grünen im niedersächsischen Landtag. Mitte April übernahm die Generalstaatsanwaltschaft Celle das Verfahren: Bei Marcel M. bestehe nun doch der Anfangsverdacht, dass er eine schwere staatsgefährdende Gewalttat begehen wollte. Doch davon ist in der aktuellen Anklageschrift keine Rede mehr – auch wenn die Celler Behörde nach wie vor als federführende Staatsanwaltschaft auftritt.

Leben in einem Raum

Bei seiner Festnahme Ende März soll Marcel M. 250 Kilogramm gewogen haben. Dieses Gewicht dürfte der Angeklagte jetzt sicher nicht mehr auf die Waage bringen, allerdings wirkte der 30-Jährige mit dem Vollbart, den langen Haaren und der Nickelbrille im Gerichtssaal immer noch sehr voluminös. Dem Vernehmen nach soll er sich in den vergangenen Jahren fast nur an seinen PCs und Laptops in einem 15-Quadratmeter-Zimmer aufgehalten und sich kaum bewegt haben; seine Vita – kein Schulabschluss, keine Berufsausbildung, in der Wohnung in der Ithstraße nicht gemeldet – beinhaltet offenbar auch die Geschichte einer gescheiterten Existenz und einer komplizierten Sohn-Vater-Beziehung.

Verteidigt wird Marcel M. von Anwalt Pascal Ackermann. Quelle: Michael Zgoll

Die Polizei entdeckte in der Wohnung zahlreiche Gewehre und Pistolen. Auch drei Maschinenpistolen gehörten zu dem brandgefährlichen Sammelsurium, ebenso wie die Abschussvorrichtung für eine Panzerfaust. Doch viele Waffen wie ein Salutgewehr Modell Türkenmauser oder ein Reichsrevolver sind historischen Ursprungs, etliche Büchsen waren bereits stark korrodiert.

Zu den Fundstücken in Stöcken zählen auch Seenotrettungsfackeln, Nebeltöpfe, Signalpistolen und Schreckschussrevolver. Die Beamten entdeckten etliche Devotionalien aus der NS-Zeit wie Nazi-Orden und Hitler-Fotos, Musikvideos rechter Rockbands sowie Bilder der drei NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Doch gab es auch Erinnerungsstücke aus Zeiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie oder aus Beständen der Nationalen Volksarmee der DDR. Zudem waren viele Pakete – darunter etliche Kartons mit Munition aller Art – noch gar nicht ausgepackt.

Kein Anschlag geplant

Es besteht der Verdacht, dass Marcel M. via Darknet einen schwunghaften Online-Waffenhandel betrieb und die aufgefundenen 98.080 Euro damit in Zusammenhang stehen. Die Auswertung von 100.000 Computerdateien erbrachte jedoch keinen Hinweis auf Verbindungen zu rechtsextremen Organisationen oder auf ein konkretes Anschlagsziel. Inwieweit der Vater in die Geschäfte seines Sohnes verstrickt war, muss die 18. Große Strafkammer unter Vorsitz von Patrick Gerberding in den kommenden Monaten klären. Dem gelernten Koch Oliver M. wirft die Anklage unter anderem vor, bei einer zweiten Durchsuchung der Wohnung zwei weitere Gewehre unter einem Wäscheberg versteckt zu haben.

Das ist ein Teil der Waffensammlung, die die Polizei in der Zwei-Zimmer-Wohnung in der Ithstraße fand. Quelle: Polizei

Verteidiger Pascal Ackermann kündigte an, für den Sohn am nächsten Verhandlungstag – am 14. Oktober – eine umfassende Erklärung abzugeben. Oliver M.s Anwalt Matthias Waldraff erklärte, dass er an jenem Montag ebenfalls eine Erklärung verlesen werde, der Vater dem Gericht aber auch persönlich Rede und Antwort stehen wolle.

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Von Michael Zgoll

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