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Hannover Psychisch Kranker vergewaltigt demente Seniorin
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00:16 10.06.2019
Torsten F. (l.) wird von Rechtsanwalt Roland Kogge vertreten – der seinen Mandanten ins Gebet nimmt und den Birkenhof heftig kritisiert. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Ein 43-jähriger Mann, der Weihnachten 2018 in einem Kirchröder Pflegeheim eine 83-jährige Bewohnerin vergewaltigte und gegenüber einer 84-Jährigen mehrfach sexuell übergriffig wurde, soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt und in einer psychiatrischen Einrichtung im Maßregelvollzug untergebracht werden. Der 43 Jahre alte Torsten F. leidet an einer Hirnschädigung, die er sich im Alter von 23 Jahren bei einem Autounfall zuzog, war aber auch schon vor diesem Unfall in psychiatrischer Behandlung und mehrfach straffällig geworden. Im Zuge des Prozesses vor der 18. Großen Strafkammer am Landgericht Hannover kamen zudem etliche Missstände am Anna-Meyberg-Haus zur Sprache; Träger der Alteneinrichtung des Birkenhofs in der Bleekstraße ist die kirchliche Stiftung Bethel.

Der halbseitig gelähmte, im Rollstuhl sitzende F. hatte das 83-jährige Opfer, das dement ist, in der Nacht auf den 24. Dezember vergewaltigt. Vor Gericht sagte der Mann, aus seiner Sicht sei der Geschlechtsverkehr einvernehmlich gewesen. Die Seniorin war am Morgen in seinem Zimmer auf dem Boden liegend und halb nackt aufgefunden worden. Doch erst dreieinhalb Tage später, am Nachmittag des 27. Dezember, informierte das Anna-Meyberg-Haus die Tochter und den Schwiegersohn des Opfers. Die beiden riefen sofort die Polizei.

Warum geschah drei Tage lang nichts?

Hätte man die Ermittler unverzüglich am 24. Dezember ins Haus geholt, wäre die Spurensicherung wesentlich einfacher gewesen – und es hätten weitere Taten von F. verhindert werden können. Denn am 27. hielt er sich dreimal im Zimmer einer bettlägerigen 84 Jahre alten und ebenfalls dementen Frau auf und bedrängte sie. Sogar am 28., nachdem die Polizei bereits im Haus gewesen war, gab es einen weiteren ähnlichen Vorfall.

Laut den Aussagen einiger Pflegekräfte war Torsten F. seit seiner Aufnahme im Anna-Meyberg-Haus im August 2018 vielfach sexuell übergriffig geworden. Er berührte Pflegerinnen an intimen Stellen, küsste Bewohnerinnen intensiv, hielt mit ihnen Händchen oder befummelte sie in ihren Betten. Doch offenbar waren derartige Übergriffe für das Personal eine Art Normalzustand. „Ich bin Altenpflegerin, ich bin nicht so empfindlich“, erklärte eine 30-Jährige. Spezielle Schulungen zum Thema Sexualität im Alter habe es vor dem Eklat nie gegeben, berichtete eine Kollegin. Erst 2019 habe es ein solches Angebot gegeben.

Dass F. kein einfacher Patient ist, dürfte dem Birkenhof bekannt gewesen sein. Denn nach seinem Autounfall hatte der Mann viele Jahre im Klinikum Wahrendorff verbracht, war dort aber 2018 gekündigt worden, weil die Einrichtung nicht mehr mit ihm fertig wurde. Wie ein psychiatrischer Gutachter schilderte, hatte F. etwa eine ältere Bewohnerin aus dem Bett gestoßen, eine Krankenschwester bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, eine Pflegerin mit einem Messer in der Hand verfolgt und etliche Sachbeschädigungen begangen. Während seiner Ausflüge in die hannoversche Obdachlosenszene unternahm F. gelegentlich auch Abstecher ins Rotlichtviertel, wo er Spielhallen und Bordelle besuchte.

Ungeeignete Station

„Und solch einen Mann bringt man dann in Kirchrode auf einer Demenzstation unter, in der fast nur Frauen leben“, zürnt der 59-jährige Schwiegersohn des Vergewaltigungsopfers. „Der konnte sich doch dort bedienen, wie er wollte.“ Dabei gab es, wie Verfahrensbeteiligte berichteten, in der Bleekstraße durchaus einen Wohnbereich, in den F. besser hineingepasst hätte – doch dort sei im Sommer 2018 kein Einzelzimmer frei gewesen. Seit Januar 2019 ist F. in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie in Wunstorf untergebracht.

Gutachter Till Wörpel bescheinigte F., der stark verlangsamt spricht, normale Intelligenz und Auffassungsgabe. Doch liege bei dem 43-Jährigen eine Persönlichkeitsstörung vor, die sich in hohem Aggressionspotenzial, dissozialen Verhaltensmustern und einer totalen Unfähigkeit zum Hineinfühlen in andere Menschen äußere. Wenn der vermindert schuldfähige F. zukünftig nicht engmaschig betreut und medikamentös behandelt werde, sei die Gefahr weiterer Gewalt- und Sexualstraftaten groß. „Doch eine ideale Einrichtung wird es für den Angeklagten nicht geben“, sagte der Sachverständige.

Auch Verteidiger Roland Kogge kritisierte in seinem Plädoyer eine generelle Lücke bei Betreuungseinrichtungen. Im Maßregelvollzug würden Menschen wie F. letztendlich nur weggesperrt, und normale Pflegeeinrichtungen seien mit derart verhaltensauffälligen Bewohnern total überfordert. Er kenne F. seit 2001, und dieser habe schon viele Betreuerinnen und Pfleger zur Verzweiflung getrieben.

„Mangelhafte Organisation“

Grundsätzlich sei es begrüßenswert, so der Anwalt, dass das Anna-Meyberg-Haus seinem Mandanten überhaupt Unterschlupf gewährt habe, doch die mangelhafte Organisation und die schlechte Ausbildung der Pflegekräfte dort hätten ihn erschreckt. „Und es ist auch vollkommen egal, was demente Bewohnerinnen bei sexuellen Übergriffen empfinden und ob sie sich wehren oder nicht – hier muss das Personal sofort dazwischen gehen und die Polizei einschalten“, sagte Kogge. Allerdings forderte er auch, das Verfahren gegen seinen psychisch kranken Mandanten einzustellen, weil diesem – jenseits aller moralischen Wertungen – keine strafbare Handlung im juristischen Sinn vorgeworfen werden könne.

Die Kammer unter Vorsitz von Patrick Gerberding wird ihr Urteil am 13. Juni sprechen. Tochter und Schwiegersohn des Vergewaltigungsopfers überlegen, ob sie das Anna-Meyberg-Haus verklagen, weil das Heim zu spät auf die Taten von F. reagiert hat.

Von Michael Zgoll

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