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Hannover Wie dieser Hannoveraner zum weltweiten Pionier der Laserforschung wurde
Nachrichten Hannover Wie dieser Hannoveraner zum weltweiten Pionier der Laserforschung wurde
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18:54 26.08.2019
Ein Leben für die Forschung: Herbert Welling wird 90 Jahre alt. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

 Schwer zu entscheiden, womit eine Geschichte zum 90. Geburtstag des Quantenoptikers Herbert Welling beginnen sollte. Mit seiner Zeit in den USA, als der junge Mann aus Hannover in den frühen 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts am Raumfahrtprogramm mitwirkte? Oder mit der Gründung eines Laserzentrums, für das Ministerpräsident Ernst Albrecht ihm einst 50 Millionen D-Mark offerierte?

Vielleicht doch mit James. So nennt Welling seinen elektrischen Rasenmäher, der unermüdlich vorm großen Wohnzimmerfenster das Gras seines Gartens in Isernhagen stutzt, der eigentlich ein sagenhafter Park mit Teich ist. Welling blickt auf seinen Rasen-Butler und gesteht: „Ich liebe den. Weil er nicht in der Gewerkschaft ist und arbeitet wie ich.“ Unablässig, soll das heißen. Unablässig.

„Ich habe die Leute immer gesteuert“: Physikertagung 2016 in Hannover. Quelle: Rainer Surrey

Voller Einsatz für die Forschung

Welling lacht ein wenig, als er seinen Butler lobt. Doch jedes Wort daran ist ernst gemeint. Wer mit aller Leidenschaft seiner Arbeit nachgeht, und etwas anderes kommt für Welling nicht infrage, der guckt nicht auf die Uhr. Der sieht allein das Ziel, die Forschung, das Projekt, das zum Erfolg gebracht werden muss. Vor der Konkurrenz, versteht sich. Wissenschaft ist für den Physiker immer Wettstreit. Woraus sich ergibt, dass die Besten führen müssen, um Erfolg zu haben. Es sind diese Menschen, an denen Welling sich in seinem Leben orientiert hat. Um später selbst zu den Besten auf seinem Gebiet zu zählen. Viele bestätigten ihm das mit Berufungen, Aufträgen, Preisen und Auszeichnungen.

„Es hat sich nie jemand beschwert“

Als Herbert Welling oben angekommen war, dort, wo er sich immer sah, bildete er in Hannover als Professor und Direktor des Uni-Instituts für Quantenoptik selbst Studenten aus. Und sie sind wiederum erfolgreich in der Welt der Wissenschaft, einige sind die neuen Besten, weil sie Wellings Schule durchlaufen haben. Der Forscher knüpfte sein Netz. Welling rief hier an und sprach mit jenem, um seine Männer, wer spricht von Frauen, in wichtige Positionen zu bringen. „Ich habe die Leute immer gesteuert, aber es hat sich nie jemand beschwert“, sagt Welling. Er ist von bemerkenswerter Fitness, was vom Tennis und Golf kommen könnte, und er spricht bis heute über sein Fachgebiet, als käme er gerade aus dem Hörsaal.

Das Institut für Quantenoptik der Leibniz Universität Hannover. Quelle: Moritz Frankenberg

Abitur an der Leibniz-Schule

Die Karriere von Herbert Welling begann praktisch im Kindesalter. Wuselig sei er gewesen, unerschrocken, voller Energie und unheimlich ehrgeizig, erzählt er kurz vor seinem 90. am Sonntag. Eigenschaften, die er sich bis heute bewahrt habe. In Hannover folgte nach dem Krieg das Abitur an der Leibniz-Schule. Der Junge wuchs in armen Verhältnissen auf, und als sein Vater aus dem Krieg kam und ihm erklärte, nun werde er ihn erziehen, entgegnete Herbert, das könne er vergessen, dazu sei es zu spät. Es folgte ein Studium der Physik und Mathematik. Nach seiner Dissertation unterbreiteten ihm die Amerikaner ein Angebot. Er sollte mitwirken an der Raketenforschung, die plötzlich von dramatischer Bedeutung war, weil die Russen den Sputnik-Satelliten ins All geschossen hatten.

Mitarbeiter von Wernher von Braun

Welling nahm an, „weil ich die große Physik kennenlernen wollte“. In Fort Monmouth wurde der junge Forscher dem berühmten Wernher von Braun vorgestellt, ein Wissenschaftler, der in Peenemünde unter Ausbeutung von Zwangsarbeitern das Raketenprogramm der Nazis vorantrieb. Im Kalten Krieg interessierte diese Vergangenheit nicht mehr. Der Mann aus Hannover war fortan beteiligt, eine Atomuhr zu bauen, und stieß später auf ein neuartiges Feld, das ihn ein Leben lang beschäftigen sollte, die Laserphysik. Noch in den USA leitete er eine Forschungsgruppe, die Lasertechnologie für das Militär entwickeln sollte. In Hannover entstand unter seiner Regie das Gravitationswellenobservatorium 360, Exzellenzcluster wurden gegründet, gemeinsam mit dem Transplantationschirurgen Rudolf Pichlmayr entwickelte er ein Laserskalpell für winzigste Schnitte. Das Laserzentrum mit Albrechts Geld war natürlich ein Erfolg. Und Welling irgendwann sogar Ehrendoktor der Medizin. Als Physiker.

„Die Leute sagen: Der ist eitel, der ist unglaublich ehrgeizig“: Herbert Welling vor seinem 90. Geburtstag. Quelle: Katrin Kutter

„Die Leute sagen: Der ist eitel, der ist unglaublich ehrgeizig“

Wenn Herbert Welling etwas besonders wichtig ist, rutscht er beim Erzählen ganz nach vorne auf die Polsterkante seines Sessels. Das gilt für Fachliches wie Persönliches. Er glaubt zu wissen, was über ihn gesprochen wird. „Die Leute sagen: Der ist eitel, der ist unglaublich ehrgeizig.“ Er attestiert sich selbst „eine Krankheit“, er nennt sie „mein unheimliches Selbstbewusstsein“. Es gab bereits einige Veröffentlichungen über Herbert Welling, doch irgendwie fand er sich nie richtig beschrieben. Was fehlte? „Mein Charakter. Im Endergebnis war ich immer auffällig.“

Ein Wiedergutmachungsvertrag und ein Verdienstkreuz

Auffällig waren auch seine Arbeitszeiten so regelmäßig über Gewerkschaftsvorstellungen hinaus reichend, dass er seiner Frau zur goldenen Hochzeit einen Kontrakt anbot. „Ein Wiedergutmachungsvertrag“, sagt Welling. Jeden Montag steht nun gemeinsames Golfen auf dem Programm, anschließend darf sie sich eine gute Adresse zum Abendessen aussuchen. Seit zehn Jahren klappt das. Und zu seinem 90. Geburtstag am 1. September verleiht Niedersachsen dem Wissenschaftler das Große Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens und dankt ihm dafür, Hannover zu einer international bedeutenden Laserstadt gemacht und das Land als Wissenschaftsstandort vorangetrieben zu haben. Nicht alles an der aktuellen Regierung gefällt ihm, aber sei’s drum: Herbert Welling hat sich entscheiden, die Auszeichnung anzunehmen.

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