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Hannover 30.000 Euro für jede Schule: Wie viel Digitalisierung ist damit drin?
Nachrichten Hannover 30.000 Euro für jede Schule: Wie viel Digitalisierung ist damit drin?
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00:15 09.06.2019
Total digital: An der Oberschule Gehrden gibt es bereits jetzt keine gedruckten Schulbücher mehr. Dort setzt man komplett auf die neuen Medien. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Hannover

Der sogenannte Digitalpakt: Nach langem Ringen haben sich Bund und Länder zu Beginn des Jahres darauf geeinigt, wie die Zukunft der Bildung finanziert werden soll. Der Bund hat 5 Milliarden Euro versprochen – umgerechnet bedeutet das: Jede Schule in Hannover erhält 30.000 Euro, um eine digitale Infrastruktur aufzubauen. Darüber hinaus gibt es pro Schüler noch eine Pauschale, deren Höhe aber noch unklar ist.

Aber reicht das? Wie viele Tablets und Bildschirme, wie viel Netzwerktechnik kann man dafür kaufen? Die HAZ hat nachgerechnet:

Interaktive Tafeln: Nach Angaben der Stadt Hannover kosten die großen Touchscreens, die herkömmliche Tafeln ersetzen sollen, rund 5000 Euro pro Stück. Sechs Systeme sind laut Stadt also für 30.000 Euro zu bekommen.

Netzwerk: Der gesamte Netzwerkausbau einer Schule, also die Vernetzung des Gebäudes unter anderem mit WLAN, schlägt bei einer mittelgroßen Schule mit 330.000 bis 350.000 Euro zu Buche. Die Stadt weist jedoch darauf hin, dass es insbesondere bei diesem Punkt zu erheblichen Abweichungen kommen kann, da Faktoren wie Denkmalschutz, bisheriger Bestand, Anzahl der Räume, Verteilung der Räume innerhalb der Schule und bisherige Erschließung zu ganz anderen Ergebnissen führen können.

Lesen Sie mehr:

Das große HAZ-Dossier zum Thema: So lernt Hannover morgen

Tablets für Schüler: Ohne digitale Endgeräte bringt auch das WLAN nichts. Ein Tablet-Klassensatz (30 iPads mit zwei Koffern zum Laden, Transportieren und Aufbewahren) kostet der Stadt Hannover zufolge 15.000 bis 17.000 Euro. Diese könnten an Schüler verliehen werden.

Private Endgeräte dürfen nicht durch den Digitalpakt finanziert werden – für diese müssen also die Eltern zahlen. Die Anschaffungskosten dürften bei 400 bis 500 Euro liegen. Ärmere Familie sollen staatliche Unterstützung dafür bekommen.

Tablets für Lehrer: Unklar ist noch, wer die Computer für die Lehrer bezahlt. Das Land, weil es irgendwie auch Personalkosten sind? Oder die Kommunen, die als Schulträger ja für die Sachausstattung der Schulen zuständig sind? Dagegen hat der Städtetag klar ein Veto eingelegt. Bei 80.000 Lehrern und Kosten von schätzungsweise 500 Euro je Tablet mit Hülle, Tastatur, Stift und entsprechender Software wären das Gesamtkosten von 40 Millionen Euro.

Laura Pooth von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, dass das Land die Lehrergeräte finanziert, und verweist auf ein entsprechendes Urteil aus Nordrhein-Westfalen. Dass die Lehrer weiterhin ihre privaten Tablets für den Unterricht nutzten, gehe nicht länger, sagt Pooth.

Das Kultusministerium erklärt, dass der Digitalpakt grundsätzlich nicht zur Finanzierung von Endgeräten vorgesehen sei. Das sei eigentlich Aufgabe der Schulträger – also in der Regel der Städte und Gemeinden. Man werde aber mit ihnen verhandeln, wie man die Anschaffung von Lehrergeräten unterstützen könne. Dazu sei man im Gespräch.

IT-Wartung: Offen ist auch, wer sich darum kümmert, dass die Tablets und andere digitale Technik störungsfrei laufen. Das kann nicht mehr der Kollege sein, der ein IT-Faible hat und in seiner Freizeit auch noch Systemadministrator ist, sagt Pooth.

Die Kommunalverbände fordern vom Land Geld für die professionelle Betreuung der Schul-IT. Der Digitalpakt sei eine Anschubfinanzierung, aber das reiche bei Weitem nicht aus. Teuer seien vor allem die dauerhaften Aufgaben, ergänzt Pooth.

Eigentlich brauche jede Schule eine Art „Hausmeister fürs Digitale“, der die Geräte administriere, sagt Katharina Ludwig von der Käthe-Kollwitz-Schule, die schon seit 2016 bei einem Pilotprojekt der Stadt zum digitalen Lernen mitmacht.

Die Stadt Hannover weist darauf hin, dass Betriebs- und Lizenzkosten, Sicherheitstechnik und Jugendschutzfilter allesamt vom Schulträger bezahlt werden müssen.

Unterm Strich: 900 Millionen Euro minus?

Insgesamt erhält Niedersachsen aus dem Digitalpakt in den nächsten fünf Jahren 470 Millionen Euro aus Berlin und stellt selbst noch einmal 52,5 Millionen Euro zur Verfügung. Davon gehen 90 Prozent direkt an die Schulen, der Rest ist für landesweite Aufgaben oder länderübergreifende Projekte gedacht.

Nach einer Schätzung der Bertelsmann-Stiftung werden die IT-Ausstattung an den Schulen und die technische Unterstützung pro Jahr allein rund 280 Millionen Euro in Niedersachsen kosten, bis 2024 rund 1,4 Milliarden Euro.

Abzüglich der Zuschüsse durch den Digitalpakt droht den Kommunen also unter dem Strich ein Defizit von fast 900 Millionen Euro.

Was ist die pädagogische Idee hinter dem Digitalpakt?

Selbst wenn die Finanzierung gesichert wäre, stellen sich die Fragen: Was ist mit digitalem Lernen genau gemeint? Was sind die pädagogischen Ziele? Um an das Geld aus dem Digitalpakt überhaupt heranzukommen, müssen die Schulen ein Medienbildungskonzept entwickeln. Doch wie lernt man überhaupt digital? Was sind die Ziele, was die Wege dorthin? Welche Vorteile bieten die neuen Medien, und soll man auf die alten analogen ganz verzichten? „Man hat mit dem Brecheisen diesen Digitalpakt aus der Taufe gehoben und lässt die Schulen mit der Frage allein, wie diese digitalen Medien eigentlich eingesetzt werden sollen“, kritisiert die GEW-Vorsitzende Laura Pooth.

Das sagen die Pilotschulen

Die Stadt Hannover hat schon 2016 ihr eigenes Pilotprojekt zum digitalen Lernen gestartet. „Wir sind da unter den deutschen Städten ganz klar Vorreiter“, sagt Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski stolz. Die sechs Pilotschulen ziehen klar ein positives Fazit.

Katharina Ludwig von der Käthe-Kollwitz-Schule sagt, das Pilotprojekt habe neue Möglichkeiten eröffnet. Digitalisierung bedeute aber auch große Umbrüche in der Schule, die Schritt für Schritt bedacht umgesetzt werden müssten, um alle Beteiligten – Schüler und Eltern wie Lehrer und Mitarbeiter – mitzunehmen.

Claus-Hinrich Schröder von der Humboldtschule sagt, die technischen Startschwierigkeiten der ersten Monate seien überwunden. „Wenn die Technik funktioniert, steigt auch bei den Kollegen die Akzeptanz, diese einzusetzen.“ Im siebten Jahrgang des Gymnasiums gibt es vier iPad-Klassen, im achten drei. Um die Chancengleichheit zu gewährleisten müssen die Schüler trotz Tablet noch einen grafikfähigen Taschenrechner anschaffen. Im Abitur ist das Tablet als Ersatz für den Taschenrechner bislang noch nicht zugelassen: „Wir warten immer noch auf den Prüfungserlass des Landes.“  

An der Integrierten Gesamtschule Linden hatte sich die Hälfte der Eltern für eine Tablet-Klasse entschieden. Um auch den anderen Schülern in den „analogen Klassen“ das Lernen mit den neuen Medien zu ermöglichen, habe man einen Klassensatz Tablets angeschafft, sagt Schulleiter Peter Schütz. Die Tablets würden die Lehrer immer dann einsetzen, wenn es sinnvoll erscheine. Ab Klasse 6 werden die neuen Medien benutzt. Auch in der Oberstufe können Schüler ihre Geräte mitbringen, 80 Prozent nutzen diese Möglichkeit. „Das Tablet ersetzt nicht das Buch, aber es ist ein ergänzendes Medium, eines, das die Jugendlichen aus ihrer Freizeit kennen“, sagt Schütz.

„Durch den Digitalpakt kommt mehr Lebenswirklichkeit in die Schulen“, sagt Silke Dorn von der Gerhart-Hauptmann-Realschule. Die Rektorin fordert die Einführung von Informatik als Regelschulfach, die Schüler sollten programmieren lernen.

Horst Kemmling von der Egestorff-Grundschule meint: „Die Schüler lernen jetzt nicht unbedingt anders, es steht ihnen aber zusätzlich ein attraktives, vielseitiges und ,mächtiges’ Hilfsmittel dafür zur Verfügung.“ Das gelte auch für die Lehrer. Es bleibe aber eine gesunde Skepsis gegenüber dem Einsatz digitaler Medien an der Grundschule. Langweilig würden die Tablets auch bei längerem Einsatz für die Kinder nicht.

Der Weg zur „digitalen Schule“: Das müssen Sie zum Thema wissen

Die HAZ-Themenseite: Alle Beiträge zum Thema „digitale“ Schule auf einen Blick

Der „Digitalpakt:“ Antworten auf die wichtigsten Fragen

Schädlicher Staub in den Klassenräumen: Der Streit um die Abschaffung der Kreidetafeln

Ein Blick in die Praxis: „Regulärer Unterricht ist nur unter schwersten Bedingungen möglich“

Interview: Sollten Tablets und Smartphones die Schulbücher ersetzen?

Interview: Brauchen wir wirklich Tablets und Smartphones im Klassenzimmer?

Von Saskia Döhner

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