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Hannover Hobbyhistoriker erforschen die Geschichte der Eisenbahn in Linden
Nachrichten Hannover Hobbyhistoriker erforschen die Geschichte der Eisenbahn in Linden
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10:17 13.08.2019
Michael Jürging (rechts) und Manfred Wassmann bereiten die mehrwöchige historische Veranstaltungsreihe über die Geschichte der Lindener Eisenbahn mit den Bahnhöfen Fischerhof und Küchengarten vor. Quelle: Irving Villegas
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Linden

Unterhalb der Brücke Nieschlagstraße fällt der Blick auf ein grünes Dickicht. Doch wer genauer hinschaut, erkennt die alten Schienen, die von dichtem Blattwerk überwuchert werden. Seit fast drei Jahrzehnten ist die Trasse entlang der Rampenstraße verwaist. Bis 1990 wurde dort Kohle vom Lindener Hafen über den Küchengarten bis zum Heizkraftwerk transportiert – diese Strecke ist zugleich Teil einer historischen Gleisverbindung, deren Anfänge sich bis in das Jahr 1872 zurückverfolgen lassen.

Alte Gleise – neue Diskussion

Die alten Gleise sind aktuell wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Denn die Stadt überlegt, dort einen Radweg einzurichten, der vom Küchengarten bis zum Fössegrünzug in Davenstedt und Badenstedt führen könnte. Auch ein naturnaher Erlebnispfad entlang des Schienenstrangs ist im Gespräch (siehe Infotext). Manfred Wassmann und Michael Jürging freuen sich besonders über die jüngste Diskussion. Denn für sie ist sie auch ein Anlass, die Geschichte zu beleuchten, die sich hinter den noch heute sichtbaren Zeugnissen aus der Vergangenheit verbirgt.

Radweg und Naturprojekt geplant

Im Herbst will die Stadt eine Studie starten, um herauszufinden, ob auf der alten Kohlebahntrasse ein Radweg angelegt werden kann. Die Idee geht auf einen Vorschlag des früheren SPD-Ratspolitikers Ernst Barkhoff zurück. Die Ampelkoalition im Stadtrat befürwortet die Pläne, abseits der Hauptverkehrsrouten Fössestraße und Davenstedter Straße eine alternative Strecke für Radler einzurichten. Der Energieversorger Enercity hat bereits Zustimmung signalisiert, weil die alten Schienen nicht mehr benötigt werden.

Zugleich prüft die Stadt, inwieweit zusätzlich zu dem Radweg ein Umweltprojekt namens „Wildnis wagen“ entlang der Trasse umgesetzt werden kann. Ziel ist es, einen naturnahen Erlebnispfad inmitten der wilden Vegetation anzulegen, die sich im Laufe der Jahrzehnte das Areal erobert hat. Auch die Geschichte der Lindener Eisenbahn könnte dort anhand von Schautafeln verdeutlicht werden. Die Grünen im Bezirksrat Linden-Limmer wollen lieber ausschließlich die wilde Natur erhalten, statt einen weiteren Radweg im Stadtbezirk einzurichten.

Die Hobbyhistoriker von der Initiative Lebensraum Linden haben eine Veranstaltungsreihe vorbereitet, die sie „Lindener Eisenbahngeschichte(n)“ nennen. „Wir wollten diesen Teil der industriellen Entwicklung Lindens schon immer mal in den Blick nehmen – nun hat unser Projekt zusätzlichen Auftrieb bekommen“, sagt Jürging. Dabei haben sich beide nicht nur mit der früheren Bahnverbindung zum Küchengarten beschäftigt. Im Fokus ihrer Recherchen stand auch die Historie des heutigen Bahnhofs Hannover-Linden, besser bekannt als Bahnhof Fischerhof, derzeit ein wichtiger Umschlagplatz für den Güterverkehr und zudem als S-Bahn-Haltepunkt gut frequentiert.

Die Pläne von „Eisenbahnkönig“ Strousberg

„Eine Schlüsselrolle spielt der sogenannte Eisenbahnkönig Bethel Henry Strousberg“, erklärt Wassmann. Der Großunternehmer aus der Gründerzeit, nach dem auch eine Straße in Linden-Süd benannt ist, engagierte sich vor allem im Eisenbahnbau. Zeitweise beschäftigte der in 1823 in Masuren geborene und später in Berlin lebende Strousberg rund 100 000 Arbeiter.

1868 verlegte Strousberg einen bedeutenden Teil seines Unternehmens nach Hannover. Er erwarb die Maschinenfabrik Georg Egestorff, die Lokomotiven und Dampfmaschinen herstellte und seit 1904 Hanomag hieß. Er hatte Großes vor: Mit seiner Hannover-Altenbekener Eisenbahn-Gesellschaft (HAE) wollte er eine Verbindung vom damaligen Ostpreußen ins rheinisch-westfälische Industriegebiet herstellen. Wichtig war ihm aber auch eine bessere Anbindung Hamelns, um die für die industrielle Produktion so wichtige Steinkohle aus dem Deister besser transportieren zu können.

1872 ging der Bahnhof Fischerhof in Betrieb

Die wurde auch in den Fabriken des damals noch selbstständigen Lindens dringend benötigt. Darum ließ Strousberg eine Zweigstrecke für den Güterverkehr mit zwei Haltepunkten bauen. 1872 ging der Bahnhof Fischerhof in Betrieb, der auf einem früheren Gehöft mit Fischteichen entstand – daher der Name – und direkt an der Hanomag lag. Ein Jahr später kam der Bahnhof Küchengarten dazu, ein Sackbahnhof am Standort des heutigen Küchengartenplatzes. „Es gab ein knapp vier Kilometer langes Verbindungsgleis zwischen den Bahnhöfen, das um den Lindener Berg verlief, mit zahlreichen Anschlüssen für die Betriebe zwischen Badenstedt und der Ihme“, erklärt Jürging. Die Trasse verlief dort, wo heute der Weg Am Ihlpohl durch die Kleingärten führt.

Die Gleisstrecke sollte aber auch die Industrieunternehmen anschließen, die sich weiter nördlich in Linden angesiedelt hatten. Dazu gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zum Beispiel die Gasanstalt an der heutigen Glocksee – wo der Energieversorger Enercity zurzeit seinen Verwaltungsneubau errichten lässt. Zu den Betrieben zählten auch die Mechanische Weberei, an deren Standort heute das Ihme-Zentrum steht, die Lindener Aktien-Brauerei, heute Gilde Carré, Gummi- und Asphaltfabriken, eine Korsettproduktion und die Bettfedernfabrik Werner & Ehlers, auf deren Gelände sich das Kulturzentrum Faust befindet.

Lindener Hafen braucht neue Verbindungen

Bedeutende Zäsuren für die Lindener Eisenbahngeschichte gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. „Das Gleisnetz wurde stark umgebaut, vor allem wegen der Eröffnung des Lindener Hafens im Jahr 1917“, berichtet Jürging. 1930 wurde die Strecke zum Bahnhof Fischerhof schließlich nicht mehr für den Gütertransport benötigt und stillgelegt. Der Bahnhof Küchengarten dagegen hatte noch länger Bestand, er wurde fortan über eine gesonderte Hafenbahn angebunden. Diese wiederum war mit der Güterumgehungsbahn verbunden, die bereits 1909 gebaut worden war.

Aber auch die Tage des Bahnhofs am Küchengarten waren gezählt. Im Zuge der städtebaulichen Umgestaltung des zentralen Bereiches in den Fünfzigerjahren musste er weichen. Die Verbindung zum Lindener Hafen indes blieb vorerst bestehen – von dort aus wurde das 1962 fertiggestellte Heizkraftwerk Linden mit Steinkohle versorgt. Die Strecke endete an einer Entladestation am Küchengarten, zum Weitertransport der Kohle gab es ein unterirdisches Förderband.

1990 rollte die letzte Kohlebahn zum Küchengarten

Alles änderte sich 1990: Als die Stadtwerke entschieden, ihr Kraftwerk nur noch mit Gas zu betreiben, hatte die Kohlebahn ihre Funktion endgültig verloren. Stehen geblieben ist am Küchengarten unübersehbar jener kastenartige Komplex, in dem einst die Loren entladen wurden. Und auch das Anschlussgleis zur Hafenbahn ist noch immer vorhanden – überwuchert von einer grünen Wildnis.

Die erste Veranstaltung der achtteiligen Reihe beginnt am Mittwoch, 21. August, um 19 Uhr. Im Lindener Rathaus, Lindener Marktplatz 1, geben Michael Jürging und Manfred Wassmann eine Einführung in das Thema. Alle weiteren Termine unter www.lebensraum-linden.de.

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