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Hannover Den Lindener Hafen zum Wohngebiet umbauen? Hansmann-Idee erntet Kritik
Nachrichten Hannover Den Lindener Hafen zum Wohngebiet umbauen? Hansmann-Idee erntet Kritik
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00:16 28.06.2019
Zwei Meter Kaimauer und kräftige Kräne: Der Lindener Hafen. An der Idee zur Umnutzung als Wohngebiet gibt es Kritik. Quelle: Moritz Frankenberg (Archiv)
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Hannover

Still ruht das Kanalwasser im Lindener Hafen. Früher ein rege genutzter Umschlagplatz für Schiffstransporte, kam im vergangenen Jahr nicht mal mehr jeden dritten Tag ein Binnenfrachter an, um Schrott zu holen oder Treibstoffe zu bringen. Jetzt hat der SPD-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters, Marc Hansmann, eine neue Idee ins Gespräch gebracht: Hafen aufgeben, stattdessen Wohnungen am Wasser bauen. Das klingt charmant. Bei Fachleuten in der Stadtverwaltung aber hat der Vorschlag Grausen ausgelöst. Denn auch wenn der Lindener Hafen kaum noch Schiffe sieht, ist er eines der wichtigsten Industriegebiete Hannovers. Gerade erst hat die Verwaltung nach einem Ratsbeschluss externe Gutachter beauftragt, um auszuloten, wie die dringend benötigten Areale für lautes und dreckiges Gewerbe in dem 1,7 Millionen Quadratmeter großen Hafengebiet besser genutzt werden können. Im Herbst soll es Ergebnisse geben.

Floriendes Gewebe: So sieht der Lindener Hafen aus der Luft aus. Quelle: Stadt Hannover

Wabco, Körting, VWN, Henkel: Viele wichtige Betriebe siedeln am Hafen

Der Bremsspezialist Wabco hat am Hafenrand seine Zentrale erweitert und eine Akademie zur Schulung von Personal errichtet. VW-Nutzfahrzeuge, Körting, Metallrecycler TSR, Rhenus, Henkel, viele Unternehmen mit großen Namen nutzen das Gewerbeareal, Betonmischwerke, Spediteure und Recyclingfirmen können hier wirtschaften, ohne Anwohner zu stören. Etwa 100 Grundstückseigentümer gebe es außer der Stadt, der die Kernflächen gehören, sagt ein Stadtsprecher auf Anfrage. Freie Grundstücke? Kein einziges. Leerstand in Immobilien? „Kaum“, sagt der Stadtsprecher.

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Hannover: Altmetall ist eines der wichtigsten Handelsgüter, die am Ostufer des Stichkanals umgeschlagen werden. Quelle: Behrens

Workshop hat schon 2011 Ideen für „Lindener Hafencity“ entwickelt

Hansmann ist nicht der erste, der den Vorschlag zur Wohnbebauung bringt. Auf dem Höhepunkt des Streits um dichtere Bebauung der Industriebrache Wasserstadt Limmer hat Bauhistoriker Sid Auffarth 2011 mit einem Workshop des Bürgerbüros Stadtentwicklung Skizzen entwickelt, wie das Hafenareal zum Wohnparadies umgestaltet werden könnte. Hamburg hat es mit der Hafencity vorgemacht: Wohnen an der Wasserkante ist trendy. Allerdings schwebte Thomas Meiseberg und den anderen Workshopteilnehmern für die „Lindener Hafencity“ kein teures Luxusquartier vor, sondern eher ein klimaschonendes, autofreies Quartier für bis zu 5000 Menschen. Auch Hansmann hat jetzt wieder von „Platz für mehrere Tausend Wohnungen“ gesprochen. Die Stadt lehnte die Idee aber schon damals ab. 2012 beschloss der Rat mit dem Gewerbeentwicklungskonzept, das Hafengebiet langfristig als Industrie- und Gewerbegebiet zu sichern.

Auch wenn die Kräne und einige hoch aufragende Speichergebäude mit klassischen Spitzgiebeln noch Hafenatmosphäre erzeugen: Für Schiffe ist der Hafen unattraktiv. Der Wasserweg ist viel zu lang, vom Mittellandkanal müssen die Schiffe bei Seelze in den Zweigkanal abbiegen und dann noch eine Schleuse überwinden, bevor sie an der gut zwei Kilometer langen Kaimauer ent- und beladen werden können.

Ein Blick auf die Kaimauer. Quelle: Rainer Droese

Die Stärke des Hafens liegt denn auch eher darin, dass die städtische Hafengesellschaft in den vergangenen Jahren viel in die sogenannte Trimodalität investiert hat. In Linden ist der Umschlag von Wasser zu Straße zu Schiene möglich. 16,2 Kilometer Gleise liegen im Hafengebiet, zwei eigene Lokomotiven betreibt die Hafengesellschaft. Während der Schiffsumschlag in den vergangenen Jahren gesunken ist – 143 Schiffe mit gut 116.000 Tonnen waren es im Jahr 2017, 119 Schiffe mit knapp 95.000 Tonnen im vergangenen Jahr – boomt die Gleislogistik. 2017 wurden gut 20.000 Waggons mit 1,12, Millionen Tonnen Ladung umgeschlagen, 2018 waren es schon gut 23.000 Waggons mit 1,15 Millionen Tonnen.

Zu Wasser, zu Straße und zu Gleis: Die Hafenbahn ist auf dem Gelände in Linden. Quelle: Christian Behrens (Archiv)

Fotos: Historische Bilder aus dem Lindener Hafen:

So sah es im Lindener Hafen früher aus – unsere Bildergalerie

Frachtschiffe im Lindener Hafen. Quelle: HAZ

Geht es nach OB-Kandidat Hansmann, dann könnten die Lindener Hafengeschäfte an den Misburger Hafen verlagert werden, der zwar ebenfalls in städtischer Hand ist, wenn auch nur zu 40 Prozent. Doch auch dort ist alles voll. „Ansiedlungen von Firmen sind dort aktuell nicht möglich“, heißt es bei der Stadt. In dieser Woche erst hat der Weggang der hannoverschen Traditionsfirma Krauss-Maffei-Bernstorff nach Laatzen vor Augen geführt, wie wenig Grundstücksauswahl die Stadt expansionswilligen Firmen anbieten kann. Kein einziges Grundstück passte, jetzt zieht der Maschinenbauer mit 750 Arbeitskräften nach Laatzen.

Kritik am Wohnen im Hafen

Der Hansmann-Vorschlag für eine Aufgabe des Lindener Hafens hat aber auch die Linken auf den Plan gerufen. Sie sorgen sich um die Arbeitsplätze der derzeit auf dem Gebiet ansässigen Firmen – und monieren zudem, dass eine Verlagerung der Firmen viele Jahre dauern würde. „Dringend erwartete Wohnungen werden aber früher benötigt“, sagt Dieter Müller, Fraktionschef im Bezirksrat Linden-Limmer. Er vermutet „ein trojanisches Pferd auf Kosten der Wohnungssuchenden“ hinter dem wohlklingenden Vorschlag. Auch CDU-Ratsfraktionschef Jens Seidel hält die Idee für unausgegoren. „Bei mir hat sich ein Betriebsratsmitglied eines großen Unternehmens gemeldet, das im Hafengebiet ansässig ist“, sagt Seidel: „In den Belegschaften gibt es große Sorge davor, dass Standorte gefährdet sind, wenn Wohnen im Hafen erlaubt wird.“ Zudem verweist FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke, der zugleich Aufsichtsrat der Hafengesellschaft ist, auf ein juristisches Problem: „Die ansässigen Firmen haben langfristige Verträge“, sagt er. Wenn Wohnungen gebraucht würden, könne man eher das geplante Wohngebiet Schwarze Heide erweitern. Dort ist das Problem genau umgekehrt wie am Lindener Hafen: Dort müsste nicht Industrie und Gewerbe weichen, sondern Natur.

SPD: Nicht jede Idee gleich kaputtreden

Nur aus der SPD-Fraktion erntet Hansmanns Vorschlag Wohlwollen – naturgemäß. „Wir sollten nicht jede gute Idee immer gleich kaputtreden“, sagt Wirtschaftspolitikerin Peggy Keller. Gerade das Wirtschaftsdezernat sei „immer schnell mit ,Das geht nicht´“, kritisiert die stellvertretende Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses. Sie sei jüngst am Phönixsee in Dortmund gewesen, wo an einem künstlichen Gewässer Naherholungs-, Wohn- und Arbeitsgebiete entstanden sind. „Der Lindener Hafen bietet nicht nur für Wohnen am Wasser, sondern auch für modernes Arbeiten am Wasser große Potenziale“, sagt Keller.

Der Kommentar:

Vorsicht bei Versprechen vor Wahlen

Mit Wahlversprechen ist es immer so eine Sache: Wenn der Kandidat die Wahl gewinnt, steht er in der Pflicht. Im OB-Wahlkampf 2013 hatte der spätere Amtsinhaber Stefan Schostok wegen zahlreicher Klagen über schlechte Straßen versprochen, Hannovers Asphaltpisten zu sanieren. Als sich dann herausstellte, dass Anlieger erheblich mitzahlen müssen, kippte die Stimmung. Die Straßen sind jetzt besser, aber ein kommunikativer Erfolg sieht anders aus.

Mit Hansmanns Idee, im Lindener Hafen Wohnen zu ermöglichen, könnte es ähnlich laufen. Wohnen am Wasser, das klingt immer charmant. Doch schon jetzt fürchten Mitarbeiter der dort ansässigen Betriebe um ihre Arbeitsplätze, denn ruhiges Wohnen und lautes Arbeiten vertragen sich nun mal nicht.

Hannover wächst. Deshalb brauchen wir mehr Wohnungen. Aber die Menschen müssen auch irgendwo arbeiten, manche auch in lauten Betrieben. Das Gewerbegebiet rund um den Hafen ist zu wichtig für die Stadt, um es für ein Wahlversprechen zu opfern.

Von Conrad von Meding

Lesen Sie auch diese Texte:

Juni 2019: Der Vorschlag von Marc Hansmann (SPD) zum Wohnungsbau im Lindener Hafen

Juni 2019: Was die HAZ-Leser zu den Vorschlägen sagen

September 2019: Linden Docks: Die Brache soll Gewerbegebiet werden

Bildergalerie: So sah es im Lindener Hafen früher aus

Von Conrad von Meding