Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Abschied von Egon Kuhn
Nachrichten Hannover Abschied von Egon Kuhn
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 02.02.2019
Egon Kuhn an seinem 80. Geburtstag mit seiner Biografie. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige
Linden

Es gibt keine dummen Fragen. Aber eine vielleicht doch. Wer wissen wollte, warum Egon Kuhn eigentlich so sehr an seinem Stadtteil Linden hängt, wurde mit einem strengen Blick bedacht. Dann ein Augenzwinkern, ein Lächeln unter dem breiten Schnauzbart. Die kurze Empörung war nur gespielt – und die Antwort eindeutig: Selbst eine geschenkte Villa am Maschsee, das stellte Kuhn klar, würde er nie gegen seine Mietwohnung in der Limmerstraße eintauschen. Linden war Kuhns Kiez. Das war quasi ein Naturgesetz. Und nun gilt es nicht mehr.

Am Mittwoch vergangener Woche ist Egon Kuhn, der Mann mit der Baskenmütze und dem roten Schal, der langjährige Leiter des Freizeitheims Linden und das linke Gewissen der hannoverschen Sozialdemokratie, im Alter von 92 Jahren gestorben. Nur drei Tage nach seinem Geburtstag, den er noch mit Freunden und Weggefährten im spanischen Restaurant Rias Baixas im Ahrbergviertel gefeiert hatte. Es wirkte geradezu, als habe Kuhn, der nach einer schweren Krankheit im vergangenen Jahr gesundheitlich angeschlagen war, diesen Tag auf jeden Fall noch erleben wollen. Eine Kämpfernatur war er immer.

Zu den Gratulanten zählten all jene Parteifreunde aus den frühen Siebzigern, die ganz andere Karrieren hinter sich haben als der „bekennende Marxist und Sozialist“, wie sich Kuhn gern nannte. Ob Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder, die frühere Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn oder Herbert Schmalstieg, Oberbürgermeister a. D. – sie alle sind Kuhn, der seit 1958 das SPD-Parteibuch besaß, über die Jahrzehnte freundschaftlich verbunden geblieben – obwohl er unermüdlich versucht hat, die Genossen an ihre linken Wurzeln zu erinnern und ein kritisch-distanziertes Verhältnis zu seiner Partei pflegte.

Zum 80. Geburtstag schickte Schröder Kuhn ein Buch mit einer Widmung, die keinen Zweifel daran lässt, welche Wertschätzung ihm die SPD-Granden entgegenbrachten: „Für Egon, meinen aufrechten Sozialisten, dessen Lebenswerk großartig ist.“ Auch zu Schmalstieg hatte Kuhn eine besondere Beziehung: „Ohne Egon wäre ich nicht Oberbürgermeister geworden“, hat der Rekord-Amtsinhaber immer wieder gern berichtet. Denn es war Kuhn, damals Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Linden-Limmer und als Strippenzieher bekannt, der den Sparkassenangestellten und Jungsozialisten Schmalstieg 1972 mit 28 Jahren zum jüngsten OB Deutschlands machte. In der legendären Kneipe Krokodil war das, bei einer „Tasse Bier“, wie Kuhn zu sagen pflegte. Kuhn erklärte den Genossen ganz einfach: „Der soll es machen.“ Davon überzeugte er gegen manche Widerstände schließlich auch die Partei.

Kuhn war immer jemand, der für seine Überzeugungen eintrat. Und gern stundenlang darüber referierte. Über soziale Gerechtigkeit, Gewerkschaften oder politische Moral. Dialoge mit ihm wurden schnell zu Monologen, und wer ihn reden hörte, wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass er sich sein Wissen außerhalb von Universitäten erworben hat. Gerade einmal acht Volksschuljahre hatte er hinter sich, als er 1943 als Soldat zur Marine ging, um U-Boot-Kommandant zu werden. Doch es kam anders. Als Autodidakt eignete er sich akribisch und ausdauernd die Themen der politischen Jugend- und Gewerkschaftsarbeit an.

Auch als er 1965 Leiter des Freizeitheims wurde, förderte er die Bildung „von unten“ – mit bundesweit beachteten Kultur- und Geschichtsprojekten. Die Leitung der von ihm initiierten generationsübergreifenden Otto-Brenner-Akademie gab er erst im Alter von 88 Jahren ab. Das ebenfalls von ihm gegründete Stadtteilarchiv und die Geschichtswerkstatt im Freizeitheim betreute er noch mit 90 Jahren beratend. „Der Kopf ist klar“, kommentierte er das mit dem für ihn typischen ironischen Unterton. Doch die Beine wollten nicht mehr so richtig. Was nicht einfach war für den kleinen, quirligen Mann, der einmal den Ruf hatte, der wohl schnellste Fußgänger Lindens zu sein und als solcher am liebsten durch die Limmerstraße wetzte.

Weil das nicht mehr ging, setzte er sich stattdessen stundenlang ins Eiscafé Da Beppo und beobachtete die Menschen beim Flanieren. Die Limmerstraße mit ihrer quietschenden Stadtbahn, den vielen Läden und Lokalen und den lärmenden jungen Leuten vor der Tür war Kuhns Lebensader. „Die Leute hier kommen auf der Straße mehr miteinander ins Gespräch als früher, die jungen wie die alten“, stellte er mit 90 Jahren fest. Auch dass es dort inzwischen trendig-schickere Läden gibt, störte den Altsozialisten, der geistig immer jung geblieben war, keineswegs. Steigende Wohnungsmieten aber bereiteten ihm Kopfzerbrechen.

Drei Jahrzehnte an der Limmerstraße

Mehr als drei Jahrzehnte lebte Kuhn an der Limmerstraße. Im vergangenen Jahr war er mit seiner Lebensgefährtin Susanne Böhmer noch in ein Haus mit Fahrstuhl umgezogen; mit der 54-Jährigen war er 20 Jahre liiert. Kaum zu glauben, dass der hundertprozentige Lindener Butjer, Mitgründer des Verein Lebendiges Linden und Ehrenvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Lindener Vereine, gar nicht aus Linden stammt – geboren wurde er in Osnabrück als Sohn einer italienischen Mutter und eines deutschen Vaters. In seinem Lindener Kiez hinterlässt er eine gewaltige Lücke, die nicht mehr geschlossen werden kann.

Das Freizeitheim Linden, Windheimstraße 4, veranstaltet am Sonntag, 10. Februar, um 16 Uhr eine Gedenkfeier für Egon Kuhn. Weil im Großen Saal der Platz auf 200 Personen begrenzt ist, wird um vorherige Anmeldung unter Telefon 16 84 01 85 (werktags von 10 bis 13 Uhr) gebeten. Die Teilnehmer sollten pünktlich sein. Möglicherweise wird es zudem eine Übertragung der Veranstaltung in die Freizeitheim-Gastronomie Ferry geben.

Von Juliane Kaune

Die Feuerwehr Hannover ist am Mittwoch mit zwei Löschzügen zu einer Rauchentwicklung in der Osterstraße gerufen worden. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, eine Elektroverteilung hatte Feuer gefangen. Menschen kamen nicht zu Schaden.

30.01.2019

Ein Mann hat in Hannover einen Zwölfjährigen eine so schwere Ohrfeige verpasst, dass dieser in einem Bus bewusstlos auf einen Sitz fiel. Der Junge soll sich zu laut mit Freunden unterhalten haben, weshalb der Unbekannte zuschlug. Die Polizei sucht nach ihm.

30.01.2019

Um für mehr Gleichberechtigung in Hannover zu sorgen, hat die Stadt eine neue Empfehlung mit Regeln für die Verwaltungssprache erstellt – und damit eine ungewöhnlich heftige Debatte angestoßen. Hier lesen Sie ausgewählte Kommentare von HAZ-Lesern.

30.01.2019