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Hannover „Lost in inclusion“: Gut gemeint, aber schlecht gemacht!
Nachrichten Hannover „Lost in inclusion“: Gut gemeint, aber schlecht gemacht!
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00:21 25.03.2019
Gut gemeint, aber schlecht gemacht: So bewertet der Kölner Autor, Lehrer Bildungsexperte Michael Felten die bisherigen Inklusionsbemühungen in Niedersachsen. Quelle: dpa
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Hannover

Angesichts der schwierigen Unterrichtsumstände, die sich aus der Spar- und Streuinklusion der vergangenen Jahre ergeben haben, ist der Brandbrief einiger Gesamtschulleiter verständlich: Auch die Gymnasien müssten sich endlich der Inklusion öffnen. Was aber beim ersten Hinhören irgendwie plausibel, irgendwie human klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Ausdruck reichlicher Unkenntnis!

Zunächst: Schon jetzt ist die Schülerschaft vieler Gymnasien dank der Abschwächung oder Nichtbeachtung von Eignungskriterien derart heterogen, dass die Lehrkräfte keinem Lerner mehr richtig gerecht werden können – weder den schnelleren noch den langsameren. Außerdem integrieren Gymnasien bereits heute viele Schüler mit Handicaps, sofern die gymnasiale Eignung grundsätzlich gegeben ist (etwa bei motorischen oder Sinneseinschränkungen, auch Störungen des Autismusspek­trums). Eine Ausweitung wäre durchaus zu begrüßen, sofern die personelle und sächliche Ausstattung angemessen vorhanden ist.

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„Das litaneienhafte Beschwören von Menschenrechten hilft niemandem weiter“: Michael Felten. Quelle: Michael Euler-Ott

Lern- oder geistig behinderte Schüler hingegen wären am Gymnasium nur scheinbar „mittendrin“, tatsächlich aber zusätzlich benachteiligt. Für die Entwicklung von Kindern mit diesen Förderbedarfen zählen nämlich weniger politische Parolen als die tatsächliche Situation – und die sähe de facto so aus: weniger Bindungskontinuität mit „ihrem“ Sonderpädagogen als an der Förderschule, mehr Entmutigung durch das Leistungsspektrum der Regelklasse. Kurz gesagt: lost in inclusion.

Über die Behindertenrechtskonvention der UN (BRK) sind eine Reihe von Missverständnissen in Umlauf: Denn sie fordert pikanterweise keineswegs, dass wir unsere hochspezialisierten Förderschulen oder -klassen abschaffen müssten. Im Gegenteil: Besondere Maßnahmen, die die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen ermöglichen oder beschleunigen, gelten ihr nicht als Diskriminierung (Art. 5.4). Insbesondere verlangt die BRK, bei allen Maßnahmen das Entwicklungswohl des einzelnen Kindes vorrangig zu berücksichtigen (Art. 7.2). Der Besuch einer Spezialschule mit besonderen Ressourcen kann im Einzelfall deshalb geboten sein.

Also zurück zur Nüchternheit: Aufgabe der Gymnasien ist es keineswegs, „ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse“ zu sein, wie gelegentlich blumig gefordert wird. Vielmehr obliegt es ihnen, hinreichend lernfähige und einsatzwillige Schüler besonders anspruchsvoll zu bilden – mit dem Ziel Abitur. Dies übrigens nicht aus einem elitären Selbstverständnis heraus, sondern nicht zuletzt der Sicherung unserer Zukunft zuliebe. Im Übrigen hat etwa Hans Wocken, engagierter Kämpfer für die Inklusion, überzeugend dargelegt, dass behinderte Kinder keinen rechtlichen Anspruch darauf hätten, am Gymnasium zieldifferent unterrichtet zu werden – „normalen“ Haupt- oder Realschülern stehe dies ja auch nicht zu.

Beschwören von Menschenrechten allein hilft nicht weiter

Alle Empirie spricht dafür, dass es unter heutigen Bedingungen unsinnig ist, innerhalb einer Gymnasialklasse auf verschiedene Bildungsziele hin zu unterrichten. Und dass es höchst vernünftig ist, die nicht beliebig vermehrbaren Sonderpädagogen gebündelt einzusetzen – anstatt sie per Gießkannenprinzip auf alle Schulen zu verteilen. Das litaneienhafte Beschwören von Menschenrechten hilft niemandem weiter – schon gar nicht Schülern mit Behinderungen.

In NRW ist man bereits auf dem Rückweg: Zahlreiche Gymnasien überdenken derzeit ihre Inklusionsexperimente, die sie unter Rot-Grün in vorauseilendem Gehorsam inszeniert hatten – mit viel gutem Willen, aber wenig Expertise und noch weniger Ressourcen. Anscheinend besteht Fortschritt bisweilen auch in der Korrektur dessen, was gestern der neueste Schrei war.

Von Michael Felten, Köln