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Hannover Hat sich ein früherer MHH-Forscher den Doktortitel erschwindelt?
Nachrichten Hannover Hat sich ein früherer MHH-Forscher den Doktortitel erschwindelt?
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08:00 05.06.2019
An der Medizinischen Hochschule Hannover begann der Forscher seine wissenschaftliche Karriere. Quelle: Uwe Dillenberg (Archiv)
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Hannover

Ein ehemaliger Juniorprofessor der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) soll sich an der Technischen Universität München (TU) mit dem Titel eines Doktors der Medizin geschmückt haben, obwohl er kein Arzt ist. Bei rund 60 Operationen soll der vermeintliche Mediziner als begleitender Chirurg im renommierten Krankenhaus mit im OP-Saal gestanden, dort aber nur beratend tätig gewesen sein, wie es jetzt heißt. Die TU München betreibt nun Schadensbegrenzung: Naturwissenschaftler im OP, die aber keine Ärzte sind, dürfen in offiziellen OP-Dokumentationen nun nicht mehr „Operateur“ genannt werden. Der Fall werde weiter geprüft.

Der Mann startete seine steile Karriere einst an der MHH. Dort übernahm der gebürtige Niederländer bereits mit 22 Jahren die Leitung der experimentellen Unfallchirurgie, einer Abteilung der Klinik für Unfallchirurgie. Der talentierte junge Mann machte an der MHH seinen Doktor in Humanbiologie, schloss 2002 auch seine Habilitation ein. Die Hochschule berief den aufstrebenden Naturwissenschaftler noch im gleichen Jahr zum jüngsten Juniorprofessor Deutschlands.

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An der MHH arbeitete der Mann als Naturwissenschaftler

„Wir wussten immer, dass er kein Arzt ist. Er war bei uns als Forscher angestellt, der im Labor arbeitet“, sagt MHH-Sprecher Stefan Zorn. An der Uni Leiden hatte der Mann biomedizinische Wissenschaften studiert, ein Kombistudium aus Biochemie und Medizin. „Er hat bei uns niemals Patienten behandelt oder sich aktiv an einer Operation beteiligt. Einmal hat er als Hospitant zugeschaut“, berichtet Zorn.

Doch bereits in Hannover hat der Forscher versucht, auf Grundlage seines Studiums in den Niederlanden eine Approbation als Arzt zu erlangen. Mit dieser staatlichen Zulassung kann ein Arzt sich mit einer Praxis niederlassen – mit einem Doktortitel hat das aber nichts zu tun. Die damalige Bezirksregierung lehnte den Antrag im Jahr 2000 allerdings ab. „Die Behörde prüft genau, ob die erbrachten Leistungen dem deutschen Medizinstudium entsprechen“, erläutert Professor Christian Krettek, Direktor der Unfallchirurgischen Klinik an der MHH.

Krettek findet für seinen damaligen Mitarbeiter ansonsten nur lobende Worte. Dynamisch, zielstrebig, motiviert sei dieser gewesen. „Er hat gute Impulse gesetzt und sein Feld in der Forschung gut bestellt.“ Eine Juniorprofessur, wie der Mann sie in Hannover innehatte, ist jedoch immer eine Anstellung auf Zeit, ein Sprungbrett, um sich für eine unbefristete Professur zu beweisen.

Irgendwann taucht der zweite Doktortitel auf

Der Jungforscher wechselt deshalb 2005 nach Wien, dann nach München, wo er seit 2011 als ordentlicher Professor die experimentelle Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar leitet. Spätestens dort soll in E-Mail-Signaturen neben dem Professoren- auch ein zweiter Doktortitel aufgetaucht sein. In Deutschland ist die Voraussetzung für einen Doktortitel als Arzt neben einer Doktorarbeit allerdings immer ein abgeschlossenes Medizinstudium.

Im Internet finden sich außerdem noch Hinweise auf Fachkonferenzen, auf denen der heute 44-Jährige Vorträge gehalten hat. Auch dort firmiert er teils als „Prof. Dr. Dr.“. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet sogar von „im Netz abrufbaren Lebensläufen“, in denen der Mann sich als Facharzt für Chirurgie bezeichne, die Ausbildung habe er nach eigenen Angaben an der MHH gemacht. Dass ihm der Doktortitel für Medizin fehlt, flog in München offenbar nur deshalb auf, weil eine Doktorandin für einen Forschungsantrag die Unterschrift eines Arztes brauchte.

In München ist der Forscher bei 60 Operationen dabei

Am Klinikum rechts der Isar, das zur TU München gehört, war der Naturwissenschaftler seit 2011 bei rund 60 Operationen anwesend. Sprecherin Tanja Schmidhofer betont, dabei sei er „nie als verantwortlicher Operateur, sondern mit dem Status eines Beobachters und wissenschaftlichen Beraters für den Einsatz von innovativem Knochenersatzmaterial“ beteiligt gewesen. Als Konsequenz aus dem Fall will die Klinik ihre OP-Dokumentation präzisieren. Assistierende Wissenschaftler dürfen nicht mehr als „Operateur 2“ oder „Operateur 3“ bezeichnet werden.

Weitere Fragen der HAZ ließ die Klinik unbeantwortet. So bleibt vorerst unklar, ob der Forscher, dessen wissenschaftlichen Verdienste unstrittig sind, sich in München mit falschem Doktortitel beworben hat. Und falls ja, warum das niemandem aufgefallen ist.

In Hannover heißt es nun unter der Hand, ein gewisser Hang zur Eitelkeit sei bei dem Wissenschaftler schon früh erkennbar gewesen. Dennoch rätseln manche über die Motivation des früheren Kollegen. Im Arbeitsumfeld des Wissenschaftlers und Professors in der Münchener Klinik sei ein Doktortitel als Mediziner schließlich nichts Besonderes.

Von Bärbel Hilbig

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