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Hannover Zahnmobil: 2500 Obdachlose und Bedürftige waren schon Patienten
Nachrichten Hannover Zahnmobil: 2500 Obdachlose und Bedürftige waren schon Patienten
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19:12 24.04.2019
Zahnärztekammer-Präsident Henner Bunke behandelt erstmals Obdachlose im Zahnmobil. Quelle: Carina Bahl
Hannover

 Der beherzte Griff des Zahnarztes an den Oberarm tut Not: Mit einem ungewollten Ausfallschritt verlässt der Patient den Behandlungsstuhl. Es braucht nicht viel, um zu erkennen, dass der Mann, der da in abgewetzter Hose mit seinem großem Rucksack aus dem Zahnmobil am Raschplatz steigt, betrunken ist. „In zwei Wochen müssen sie wieder kommen“, mahnt der Arzt. „Selber Ort, selbe Zeit.“ Der Mann nickt. Lächelt. „Ich bekomme neue Zähne“, sagt er stolz.

Patienten, die betrunken in die Praxis kommen, kennt Henner Bunke, Präsident der Zahnärztekammer Niedersachsen aus seinem Berufsalltag sonst nicht. „Aber Patienten sind Patienten. Schmerzen sind Schmerzen“, sagt er, als wäre es sein Mantra für diesen Tag. Am Mittwoch absolviert der Zahnarzt aus der Gemeinde Wietze seine erste Schicht im sogenannten Zahnmobileiner fahrenden Praxis, die in einem umgebauten Rettungswagen seit sieben Jahren in Hannover eine wichtige Anlaufstelle für Bedürftige ist. „Ich will mit meinem Einsatz die Wertschätzung zeigen, die ich für dieses Projekt empfinde“, sagt Bunke. Und wie sollte das besser gehen, als einmal selbst mit anzupacken?

2500 Behandlungen im Zahnmobil seit 2012

Mehr als 2500 Patienten haben das kostenlose Angebot des Zahnmobils seit 2012 bereits angenommen. Angela McLeod kennt fast jeden von ihnen. Von Anfang an ist sie dabei. Während die Ärzte in jeder Schicht wechseln, ist die Zahnarzthelferin das bekannte Gesicht für die Patienten. Freundlich, herzlich, dankbar begrüßen die Obdachlosen und Bedürftigen „ihre“ Helferin. „Die Menschen brauchen die Hilfe wirklich“, sagt McLeod. Zahnschmerzen seien etwas Schreckliches – für jeden. Kaum einer ihrer Patienten würde sich aber in eine normale Zahnarztpraxis trauen. „Hier werden sie angenommen, wie sie sind“, sagt McLeoad – drogensüchtig, alkoholabhängig, in viele Fällen ungewaschen. Der Behandlungsstuhl bietet oft mehr als medizinische Versorgung. „Wir sprechen mit den Menschen, lassen sie erzählen, erfahren ihre Schicksale“, sagt sie. Und die nehmen mit: Handwerker, die nach der Insolvenz ihrer Firma ungewollt auf der Straße gelandet sind. Junge Frauen, schwanger – ohne Wohnsitz. Jugendliche, die mangels Therapieplätzen nach dem Drogenentzug rückfällig werden. „Das geht nahe, aber wir können hier wenigstens etwas helfen.“

Angela Mcleoad ist seit sieben Jahren als fest angestellte Helferin mit dem Zahnmobil unterwegs. Quelle: Carina Bahl

Diese Erfahrung macht auch Henner Bunke an diesem Vormittag auf dem Raschplatz. Schon kurz nach 9 Uhr ist das provisorische Wartezimmer vor dem Kontaktladen Mecki gut gefüllt. „Alle sind freundlich“, sagt der Zahnarzt, der heute ehrenamtlich mit Bohrer und Sauger im Einsatz ist. Die Behandlungen sollen den Schmerz lindern, konzentrieren sich auf das Nötigste: Löcher füllen, marode Zähne ziehen, kaputte Prothesen reparieren.

Hälfte der Patienten ist nicht versichert

Rund die Hälfte der Patienten sind obdachlos, die andere Hälfte hat schlichtweg keine Krankenversicherung. „Es ist schon erschreckend, wie viele Menschen auch in Deutschland noch durchs Raster fallen“, sagt Dirk Ostermann, ärztlicher Leiter beim Förderverein des Zahnmobils. „Bei Prothetik-Behandlungen geraten wir an unsere Grenzen“, sagt Ostermann. „Und bei Wurzelbehandlungen müssen die Ärzte hier absolut auf den Punkt arbeiten.“ Dabei gehe es nicht vorrangig um die Kosten – „die Patienten müssten sonst regelmäßig zu mehreren Behandlungen kommen“, erläutert Ostermann. Diese Verlässlichkeit lasse sich mit einer Alkohol- und Drogensucht aber meist nicht vereinbaren.

Ob Henner Bunkes Patient in zwei Wochen wieder kommt, um seine neue Prothese zu holen? Ein freundlicher Handschlag zum Abschied besiegelt das Versprechen. „Das wird ein guter Sommer. Bald kann ich wieder lachen“, sagt der Mann – und schlendert dankbar in Richtung Bahnhof davon.

Am Raschplatz hält das Zahnmobil seit 2012. Quelle: Christian Behrens

Das ist das Zahnmobil

Das Zahnmobil ist seit April 2012 in der Stadt Hannover unterwegs, um Obdachlose, Bedürftige oder Menschen ohne Krankenversicherung medizinisch zu versorgen. In dem umgebauten, alten Rettungswagen findet sich inzwischen alles, was es für eine zahnärztliche Behandlung braucht. Von einer kompletten Behandlungseinheit inklusive digitalem Röntgengerät bis hin zu einem Bildschirm für Patientendaten. Initiiert wurde das Projekt einst von Ingeborg und Werner Mannherz. Inzwischen kümmert sich ein engagierter Förderverein um die Einsätze des Zahnmobils, das sich komplett aus Spenden finanziert. Rund 25 Zahnärzte teilen sich ehrenamtlich die Schichten, mit Angela McLeod hat das Zahnmobil von Beginn an eine fest angestellte Zahnarzthelferin an Bord. Die mobile Zahnarztpraxis hält unter anderem regelmäßig vor dem Kontaktladen Mecki (Raschplatz) sowie am Tagestreff Nordstadt (Schulenburger Landstrasse 34), und am Männerwohnheim (Wörthstraße 10). Alle Termine, Standorte sowie weitere Informationen etwa zu Spendenmöglichkeiten finden sich online auf www.zahnmobil-hannover.de.

Von Carina Bahl

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