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Hannover Bitte nicht stören: Conrad Nußbaum und das Schaf, das selten blökt
Nachrichten Hannover Bitte nicht stören: Conrad Nußbaum und das Schaf, das selten blökt
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19:00 30.06.2019
„Immer die Frauen haben das Sagen.“ Landwirt Conrad Nußbaum weiß alles über Schafe. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Über Schafe zu reden heißt, den Menschen betrachten. Jedenfalls ist das so im Gespräch mit Landwirt Conrad Nußbaum. Der steht mit Hut, kariertem Kurzarmhemd, Weste, Arbeitshose und robustem Schuhwerk vor einem Gatter, das in der Laher Landschaft vielleicht 20 Tiere einhegt. Sie stehen rum und gucken oder fressen. Keines blökt. Was noch auffällt: Manche tragen ihr Fell wie modebewusste Fußballer Frisuren; an überraschenden Stellen fehlen Haare, um sich woanders verblüffend zu häufen.

Nußbaum, 61 Jahre alt und gebürtig aus Hüpede bei Pattensen, erklärt bei einer Tour einem halben Dutzend Städtern, wie es so läuft bei diesen Tieren. Er spricht leise, man muss genau hinhören, um ihn zu verstehen. Eine Frau möchte wissen, wer denn das Sagen habe bei Schafen, es ist die ewige Frage nach Macht und Unterordnung. Nußbaum lächelt schon vor seiner Antwort, als hätte er gerade darauf gewartet: „Das ist wie bei den Menschen, immer die Frauen haben das Sagen.“ Und genügen denn zwei Tiere für eine Herde? Besser, sagt der Landwirt, wären mehr, „damit sich eine Rangordnung entwickeln kann.“ Die Tiere interessiert das nicht, sie grasen weiter, eines köttelt nebenbei auf die Wiese.

Conrad Nußbaum, mit besonderer Beziehung zum Schaf. Quelle: Samantha Franson

Die Geschichte vom Schaf und Conrad Nußbaum begann, als er ein kleiner Junge war. Mit sieben Jahren bekam er sein erstes Lämmchen geschenkt, das er auf dem Hof seines Vaters mit der Flasche aufzog. Später besserte er sein Taschengeld auf, indem er Ziegen melkte und die gewonnene Butter verkaufte. Tiere mochte er immer, doch den Betrieb seines Vaters wollte er eigentlich nicht übernehmen. Er hatte andere Vorlieben, in der Schule interessierte er sich sehr für Physik und Mathematik, beruflich stellte er sich deshalb etwas in dieser Richtung vor. Doch dann griff der Krebs seinen Vater an. Auch für den Sohn war die Krankheit ein bedeutender Einschnitt. „Ich musste Landwirt werden.“

„Jeder Nachbar sieht, was man arbeitet“

Conrad Nußbaum erlebte bereits als Junge, was es bedeutet, einen Hof zu bewirtschaften. Zum Beispiel, kaum Ferien zu haben. „Die anderen Kinder haben hinterher in der Klasse geschrieben, wo sie überall gewesen sind, ich hatte nichts, weil ich meist nur im Betrieb geholfen habe. Das hat mir sehr weh getan.“ Überhaupt: die Landwirtschaft. „Jeder Nachbar sieht, was man arbeitet. Man muss Rücksicht nehmen, und wenn die Ernte eingefahren wird, klopft man an jeder Tür und bittet um Verständnis. Das ist Bedingung, anders geht es nicht.“

Naturwissenschaften hatten sich erledigt. Nußbaum ging zur Bundeswehr, lernte Landwirtschaft und war zunächst auf etlichen Höfen Betriebshelfer, ehe er später den elterlichen Betrieb in Pattensen übernahm. Mit Schafen, in erster Linie ein Wirtschaftsgut, ging es auf und ab. Auf dem Hof lebten einige Tiere. Doch bald wollte keiner mehr welche haben. Das lag daran, erzählt Nußbaum, „dass nach dem Ende der DDR zu viele Schafe auf dem Markt waren, da musste man dem Abdecker noch Geld geben, damit er sie holen kommt.“

2006 kam es dem Pattenser wie gerufen, dass die Fachhochschule Osnabrück ein Projekt begann. Gesucht wurden Bauern, die Schafe kreuzen wollten, um eine neue Rasse zu züchten. Von diesem weit fortgeschrittenen Unternehmen erzählt Conrad Nußbaum den Menschen. Schafe, die selten blöken, damit sie in der Nähe von Wohngebieten gehalten werden können und keine Nachbarn nerven. Die von selbst ihr Fell verlieren, was Zeit und Geld spart, weil niemand zum scheren kommen muss und Wolle betriebswirtschaftlich nicht gefragt ist. Eine Rasse, die das ganze Jahr über Lämmer bekommen kann und relativ widerstandsfähig ist gegen Parasiten und Krankheiten, was den Einsatz von Medikamenten verringert.

Gezüchtet wird das Nolana-Schaf

Geboren wurde so von Menschenhand das Nolana-Schaf, gezüchtet in zwei Linien und mit maßgeblicher Beteiligung von Nußbaum. Eine Linie soll möglichst viel Fleisch tragen, die andere, das braune Landschaf, kommt ebenfalls in Schlachthöfe, kann zuvor aber als eine Art Landschaftspfleger, praktisch als Rasenmäher, eingesetzt werden. Auch dafür gibt es Geld, etwa von Kommunen. Seine Pachtverträge, unter anderem mit der Stadt Hannover, laufen noch bis 2024. Es ist das Jahr, in dem entschieden wird, ob aus dem Zuchtversuch eine anerkannte Rasse wird. Nußbaum ist derzeit mit 48 Muttertieren beteiligt, die verteilt auf öffentlichen Flächen weiden und dort das Gras kurz halten.

Für den Landwirt ist es dann Zeit, an den Ruhestand zu denken. Schon jetzt tritt er kürzer, der Gesundheit wegen. Er erinnert sich auch an gute Zeiten. „Man war Unternehmer und konnte was erreichen“, sagt er. Und gut ist auch, dass der Familienbetrieb bestehen bleibt, was keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Seine Kinder übernehmen.

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