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Hannover Die große Pleite mit Obike
Nachrichten Hannover Die große Pleite mit Obike
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00:19 29.08.2018
Einige Obikes stehen noch in der Stadt. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Es waren große Worte, die im November vergangenen Jahres gewählt wurden. Man wolle „die Mobilität in der Stadt gewährleisten“ und den Hannoveranern „eine Alternative zum Auto“ bieten. Und überhaupt verspreche man „eine positive und offene Kommunikation mit der Stadt“. Die Firma Obike aus Singapur hatte nach und nach mehrere hundert Mieträder in der Stadt aufgestellt und dann eine Pressemitteilung hinterher geschickt.

Neun Monate später ist die Euphorie längst verflogen. Eher selten war in den vergangenen Monaten jemand auf den unbequemen Rädern mit den Vollgummireifen ohne Gangschaltung zu sehen. Stattdessen fanden sich die Leihräder immer häufiger in Bäumen oder Gräben, manche mit einer Acht im Rad. Jetzt hat die Stadt sogar begonnen, die Räder wegzuräumen, zumindest wenn sie den Verkehr behindern oder gefährden.

Obike fährt nicht mehr

Funktioniert Obike noch? Der HAZ-Test ist ernüchternd. Wir lassen uns von der App 13 unterschiedliche Standorte anzeigen, allerdings sind nur vier der Räder überhaupt zu finden. Ein angezeigter Standort befindet sich zum Beispiel mitten in der Ihme. Auch wenn ein Fahrrad gefunden wird, heißt das noch lange nicht, dass es fahrtüchtig ist. Ein Obike lag in einem Gebüsch, aus dem es sehr streng nach Fäkalien roch. Bei einem zweiten war das Hinterrad zu einer Acht deformiert.

Die zwei übrig gebliebenen Räder sind tatsächlich an angegebenen Standort zu finden und machen einen fahrtauglichen eindruck. Allerdings lassen sich die Schlösser trotz aller Bemühungen nicht entsperren. Immer wieder fordert uns die App auf, das Smartphone dichter zum Fahrrad zu bewegen, dabei sind wir so dicht am Schloss, wie es geht. Wir konnten also von den 13 Rädern keins benutzen. Robin Beck

In den Anfangsmonaten hatte noch eine Firma im Auftrag des Unternehmens aus Singapur herumliegende oder zerstörte Räder eingesammelt. Niemand weiß, ob es wirklich 500 Fahrräder waren, die Obike aufgestellt hatte, oder doch deutlich weniger.

Von dem Unternehmen habe man seit Wochen trotz mehrerer Anfragen nichts gehört, heißt es in der Verwaltung. Auch die HAZ schafft es nicht, einen Kontakt zu Verantwortlichen aufzunehmen. Eine einst gültige Telefonnummer mit Münchener Vorwahl ist abgeschaltet. Auch am Deutschlandsitz von Obike in Berlin-Mitte ist niemand zu erreichen. Dort findet sich der Firmenname lediglich klein auf einem Briefkasten. Auch auf Mails an einen angeblichen Unternehmenssprecher gibt es keine Antwort.

Im Juli war bekannt geworden, dass Obike in Singapur Konkurs angemeldet hat. Daraufhin versandte das Unternehmen eine Mitteilung und versicherte, dass der Betrieb in Deutschland normal weiterlaufe. Und gleichzeitig teilte das Unternehmen mit, dass wegen einer „internen Umstrukturierung“ bisherige Ansprechpartner nicht mehr erreichbar seien.

Wer sich auf der Facebook-Seite meldet, erhielt vor einigen Tagen schon nach wenigen Minuten eine Antwort. Ja, der Betrieb laufe ganz normal weiter, heißt es dort. Nur, dass die zunächst verlangte Kaution nicht mehr gezahlt werden müsse.

Böse Zungen behaupten, Obike habe von Anfang an eigentlich gar keine Fahrräder vermieten wollen. Stattdessen sei es das Geschäftsmodell gewesen, die Kaution von 70 Euro von möglichst vielen Interessenten zu kassieren und dann mit dem Geld zu verschwinden. Es gibt auf jeden Fall zahlreiche Ungereimtheiten. In Hamburg hat ein Unternehmer gerade 10.000 Obikes verkauft, die in einer seiner Lagerhallen abgestellt waren, neu für 69 Euro das Stück. Und ein Umzugsunternehmen in Zürich verkauft ebenfalls Obikes, am liebsten ab 50 Stück auf einmal.

Ob nach der Pleite mit Obike ein anderes Unternehmen mit Mietfahrrädern nach Hannover kommt, ist unklar. Zwar hat das Leipziger Fahrradvermiet-Unternehmen Nextbike Hannover schon auf seiner Internetseite aufgeführt. Aber irgendwie schein sich die Stadt und Nextbike bei Verhandlungen ineinander verhakt zu haben. Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus berichtet, das Unternehmen sei grundsätzlich „sehr daran interessiert“ in Hannover aktiv zu werden. Es gebe seit Jahren Gespräche mit der Stadtverwaltung.

Zuletzt hätten sich Vertreter der Verwaltung mit Nextbike im vergangenen Dezember getroffen. Man sei mit der Vereinbarung auseinandergegangen, dass das Fahrradvermietunternehmen ein Konzept für seine Tätigkeit in Hannover vorlegen soll, berichtet Rathaussprecherin Michaela Steigerwald. Bisher ist aber nichts passiert.

Von Mathias Klein

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