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Hannover Die Spitze des Eisbergs
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00:19 03.05.2019
Tim Müller ist nicht Inhaber eines Fernsehfachgeschäfts, sondern Leiter des Museums für Energiegeschichte. Quelle: Villegas
Hannover

Stromstoß gefällig? Gleich hier auf dem Bahnhof, noch schnell bevor der Zug kommt? Und gar nicht teuer. Für nur zehn Pfennige, einzuwerfen in den Schlitz eines Holzkastens, verspricht der kuriose Apparat Hilfe gegen Kopfschmerz, Neuralgie, Rheumatismus, Nervosität und andere Leiden. „Elektrisieren ist gesund“ wirbt eine Plakette, die zugleich versichert, die Methode sei „aerztlich empfohlen“. Der hoffende und gläubige Mensch setzt sich davor, greift mit der linken Hand einen kupfernen Griff und dreht mit der Rechten eine Kurbel, bis der Schlag kommt. Was heute womöglich in Arztpraxen eine vom Patienten gesondert zu bezahlende individuelle Gesundheitsleistung wäre, wartete im deutschen Kaiserreich an öffentlichen Orten auf Kundschaft.

Der sogenannte Münz-Elektrisier-Apparat ist eines von rund 1000 Exponaten im Museum für Energiegeschichte, das dieser Tage seinen 40. Geburtstag feiert und ebenso lange beschreibt, was Elektrizität für die Menschen bedeutet. Auf 600 Quadratmetern sind in der Calenberger Neustadt Fernsehgeräte, Radios, Tonträger (ein Grammophon mit Holztrichter aus dem Jahr 1905 funktioniert tadellos), Spielzeuge, Körperpflege, Haushaltsgeräte und weitere Entwicklungen zu betrachten. Manche eisernen Konstruktionen schienen für Folter gedacht, wurden aber doch dafür produziert, Frauen Locken ins Haar zu drehen oder einen Espresso zu brauen. Klobige Videorekorder stehen hier und TV-Geräte im weichrunden Design der 1970er-Jahre. Für viele Besucher bedeutet ein Besuch, zurück in Kindheit und Jugend zu blicken; junge Menschen betrachten im Museum die skurrile Ausstattung ihrer Eltern.

Die Waschmaschine ersetzt den Bottich

Doch der Blick reicht viel weiter zurück. Die Waschmaschine von Lavamat aus dem Jahr 1969 mag einem noch bekannt vorkommen, den voluminösen Wasch-Bottich aus Holz, eine Art Vorläufer, gleich daneben kennen wohl nur noch wenige. Das Wasser darin musste erst auf einem Herd erhitzt werden, ehe man, oder eher: Frau, es ins Gefäß stürzen konnte, hinein zu der Schmutzwäsche und diesem neuartigen Persil, ein Mittel, das sich in heißem Wasser auflöste, ehe alles im Bottich von Rührflügeln vermengt wurde, die kräftige Hände und Arme in Bewegung setzen mussten.

So war es also mancherorts vor nicht einmal 100 Jahren. Man hört diese Geschichte, eine Miniatur aus Kultur und Gesellschaft, leider nur, wenn man im Museum eine Führung bei Sabine Müller bucht. Textinformationen sind eher spärlich verteilt. Besucher erfahren, wie Geräte heißen, aus welchem Jahr sie stammen, aber weniger aus Alltag und Lebenswelt.

Mehr Platz fürs Museum?

Das Museum beschränkt sich zudem auf Objekte bis zu Beginn der 1980er-Jahre. Eine Mikrowelle und ein Fernsehgerät von Philipps markieren in der Dauerausstellung das Ende aller Erfindungen. Smartphones wird man hier nicht finden, neueste Entwicklungen haben ihren Platz in Sonderausstellungen. Leiter Tim Müller sagt zum bisherigen Konzept, man wolle auf beschränktem Platz „Prototypen ausstellen, die neue Technologiepfade begründeten, sozusagen die Spitze des Eisbergs“.

Als das Haus 1987 von einer Büroetage des Stromversorgers Hastra in die Humboldtstraße zog, hatte man für viel Platz beinahe zu wenig Exponate. Heute ist es anders herum. In Sarstedt lagern deshalb zahlreiche Teile, die im Museum nicht unterkommen, darunter prägende Technik wie Walkman und Gameboy. Dennoch: 10.000 Besucher interessieren sich jährlich für die Technikgeschichte, inzwischen ist an vier Tagen in der Woche geöffnet statt weniger Stunden. Wäre mehr Raum also angebracht? „Mehr Platz wünscht sich jeder Museumsleiter“, antwortet Müller diplomatisch. Vielleicht sollten die Museumsleute mit ihrem Finanzier, dem Netzbetreiber Avacon, demnächst mal über Fortschritt im eigenen Haus reden.

Das Museum für Energiegeschichte(n) liegt in der Humboldtstraße 32, Stadtbahnlinie 17 sowie die Busse 120,300 und 500 (Haltestelle Humboldtstraße). Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, der Eintritt ist frei. Führungen können gebucht werden unter Telefon 89 7474 900

Von Gunnar Menkens

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