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Hannover Wie konnte die Akte zum Reichstagsbrand vergessen werden?
Nachrichten Hannover Wie konnte die Akte zum Reichstagsbrand vergessen werden?
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20:00 27.07.2019
Unter dem Dach und in den Kellerräumen des Amtsgerichts am Volgersweg werden Millionen von Akten gelagert. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Das Dokument aus den Fünfzigerjahren, das jahrzehntelang in den Archiven des Amtsgerichts Hannover schlummerte und über das die HAZ am Freitag berichtete, ist zweifelsohne spektakulär. Es dürfte Wasser auf die Mühlen der Historiker sein, die schon lange daran zweifeln, dass der Niederländer Marinus van der Lubbe 1933 – wie von den Nationalsozialisten behauptet – den deutschen Reichstag in Brand gesteckt hat. In einer eidesstattlichen Versicherung hatte sich der frühere SA-Mann Hans-Martin Lennings 1955 bezichtigt, van der Lubbe am 27. Februar 1933 gemeinsam mit zwei Kameraden und einem Chauffeur in den Berliner Reichstag gebracht zu haben – zu einem Zeitpunkt, als es dort bereits brannte.

Auch wenn Experten das vierseitige Papier noch genau untersuchen müssen – womöglich trägt es zur Klärung der Diskussion um die Urheberschaft des Berliner Reichstagsbrandes bei. Die Diskussion jedenfalls geht bereits in die nächste Runde – die „Welt“ machte am Freitag angesichts des HAZ-Berichts deutlich, dass sie sich weiter an die Untersuchung der Politischen Polizei (später Gestapo) halten will, die der nun aufgetauchten Versicherung des SA-Mannes vollkommen widersprechen.

1933: Der Reichstag in Berlin steht in Flammen. Quelle: Stapleton Historical Collection

Doch was anhand dieses Falls auch deutlich wird: Die Wahrscheinlichkeit, dass unter dem Dach und in den Kellerräumen des Amtsgerichts am Volgersweg noch viele andere historisch bedeutsame Dokumente lagern, ist hoch.

„Eigenartiger Brandgeruch“

Fast 65 Jahre lang war die eidesstattliche Versicherung des SA-Mannes in den Archiven des Amtsgerichts Hannover gebunkert. Der Notar Paul Siegel hatte sie 1955 aufgenommen und unter der Nummer 510 in einer amtlichen Urkundenrolle deponiert. Dort schlummerte sie, bis das niedersächsische Landeskriminalamt (LKA) im Februar 2019 eine beglaubigte Abschrift anforderte. Die Behörde arbeitet derzeit ihre Vergangenheit auf – und war im Zuge der Forschungen auf die Existenz des Papiers gestoßen. Der zentrale Satz darin lautet: „Es fiel uns auf, dass ein eigenartiger Brandgeruch herrschte und dass auch schwache Rauchschwaden durch die Zimmer hindurchzogen.“ Das würde bedeuten, dass der Reichstag von anderen Akteuren angezündet wurde, nicht von dem jungen holländischen Kommunisten.

Wie aber kann es sein, dass solch ein wichtiges Dokument jahrzehntelang unentdeckt blieb? „Bei uns lagern Millionen von Dokumenten, viele Prozessakten, Papiere aus privaten Nachlässen oder all das, was uns Notare nach Abschluss ihrer Tätigkeit übergeben“, erklärt Presserichterin Catharina Erps. Stirbt ein Notar oder erreicht er – als Träger eines öffentlichen Amtes – die Altersgrenze von 70 Jahren, müssen alle von ihm notariell beglaubigten Dokumente dem für ihn zuständigen Amtsgericht übergeben werden. „Die schaut sich aber niemand an, die liest niemand“, erläutert Richterin Erps. Denn das wäre weder sinnvoll noch personell zu leisten.

Marinus van der Lubbe mit Polizisten während seines Prozesses Quelle: World History Archive

Konkrete Hinweise helfen

Die Pressesprecherin vermutet, dass in den Archiven des Gerichts am Volgersweg noch viele zeitgeschichtlich bedeutsame Dokumente lagern: „Und man darf die Frage stellen, ob diese tatsächlich ins Amtsgericht gehören.“ Doch da, abgesehen von den Prozessakten, viele Papiere ungelesen, nicht katalogisiert und nicht verschlagwortet sind, kann man hier auch kaum etwas finden – es sei denn, man hat bereits konkrete Hinweise an der Hand oder sucht das Original zu einer Abschrift. „Jüngst konnten wir dem Stadtarchiv bei der Suche nach einem wichtigen Testament helfen“, berichtet Erps. Und da die Anfrage des Landeskriminalamtes im Februar sehr konkret war, ließ sich auch die Niederschrift des Notars Siegel aus dem Jahr 1955 schnell finden.

Und warum wurde Lennings Aussage in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren nirgendwo verwendet? Schon damals war die Wiederaufnahme des Prozesses gegen Marinus van der Lubbe, den die Nazis 1934 hinrichten ließen, ein öffentlich diskutiertes Thema; sein Bruder wollte posthum einen Freispruch erwirken. Und so machte der ehemalige SA-Mann Lennings, der offenbar zunehmend auf Distanz zum Hitler-Regime gegangen war, seinen Wunsch aktenkundig, dass seine Beobachtungen in ein mögliches Rehabilitationsverfahren für van der Lubbe einfließen sollten. Doch Lennings starb 1962, zu einer ersten Wiederaufnahme des Prozesses gegen den Niederländer kam es erst 1967 – und das Amtsgericht hatte keine Kenntnis, was es mit der Urkundenrolle 510 auf sich hatte.

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