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Hannover Nexans Aufsichtsrat vertagt Entscheidung zur Schließung
Nachrichten Hannover Nexans Aufsichtsrat vertagt Entscheidung zur Schließung
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18:11 28.01.2019
Nexans Mitarbeiter tragen symbolisch vor dem Maritim Airport Hotel in Langenhagen ihren Betrieb zu Grabe. Quelle: Mario Moers
Hannover

Ist es ein Lichtblick oder bloß eine Schonfrist? Eine Stunde nach Beginn der Aufsichtsratssitzung des Kabelherstellers Nexans gab ein Vertreter der IG-Metall Montagmittag den mehr als 200 Demonstranten vor dem Maritim Airport Hotel am Flughafen bekannt, dass die endgültige Entscheidung über die Schließung des Standorts in Hannover vertagt wurde. „Mit soviel Gegenwehr haben sie nicht gerechnet. Das ist ein wichtiger Teilerfolg“, kommentiert Dirk Schulze, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Hannover, den Aufschub. Die Arbeitnehmervertreter forderten die Verschiebung der Abstimmung. Der Zeitraum zwischen der Mitteilung der französischen Konzernführung über die geplante Werkschließung und der Aufsichtsratssitzung sei zu knapp bemessen gewesen.

„Der Kapitän hat sich entschieden, auf einem anderen Schiff anzuheuern“

„Der Wunsch der Arbeitnehmer ist nachvollziehbar. Es geht schließlich um weitreichende Entscheidungen“, sagte der Personalchef des Unternehmens in Deutschland Dietmar Haas der HAZ. Die rund 500 Mitarbeiter in Hannover können trotz der Freude über das heutige Ergebnis nicht aufatmen. „Erfahrungsgemäß verändern sich solche Entscheidungen eher selten“, so Haas, der selber seinen Rückzug aus dem Unternehmen angekündigt hat, aus „persönlichen Gründen“. Das Bild vom Kapitän, der das sinkende Schiff verlasse, sieht er darin nicht bestätigt. „Der Kapitän hat sich höchstens entschieden, auf einem anderen Schiff anzuheuern“, so Haas. „Am 13. März kommt der Aufsichtsrat erneut in Hannover zusammen, um die Entscheidung über die Zukunft des Standorts abschließend zu treffen.

Lautstarker Protest

Am Montagmorgen hatten sich Nexans-Mitarbeiter und solidarische Kollegen anderer hannoverscher Metallfirmen (VWN, Wapco, Komatsu) vor dem Gebäude versammelt, um gegen das Vorhaben der französischen Konzernspitze zu protestieren. IG-Metall-Vertreter präsentierten eine Liste mit 2500 Unterschriften, die man in Betrieben stadtweit gegen die geplante Schließung gesammelt hatte. „Wir werden es Ihnen so teuer wie möglich machen“, kündigte der Gewerkschafter und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Frank Mannheim einen harten Kurs in den Verhandlungen an. Die Nexans-Spitze in Paris hatte in der letzten Woche bekannt gegeben, bundesweit rund 600 Stellen zu streichen und das Werk in Hannover zum Sommer 2020 aufzulösen. Zur Melodie der französischen Nationalhymne La Marseillaise, trugen die Protestanten einen Sarg mit dem Firmenlogo vor das Sitzungshotel und machten lautstark auf sich aufmerksam.

Die Werkschließung bedroht auch die Familien von 500 Mitarbeitern am Standort Hannover. Quelle: Mario Moers

Kritik an Landesregierung

Während die IG-Metall den Aufschub als wichtigen Sieg betrachtet, kritisiert die Gewerkschaft die Reaktion des niedersächsischen Wirtschaftsministers Bernd Althusmann (CDU) zu den jüngsten Entwicklungen. In einer Stellungnahme hatte sich Althusmann in der vergangenen Woche zuversichtlich geäußert, dass die Nexans-Mitarbeiter schnell wieder neue Arbeit finden würden. „Aufgrund der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften insbesondere im Bereich der Metallverarbeitung und Elektronik auch bei anderen Unternehmen“ hätten die Mitarbeiter „gute Chancen“, so der Minister. Für diesen Kommentar gab es am Montag vor dem Flughafenhotel laute Buhrufe von Seiten der Arbeiter. „Für einen Wirtschaftsminister ist so eine Aussage nicht ausreichend“, kritisiert Gewerkschaftsvertreter Schulze.

Ist Südlink die Rettung?

Den direkten Draht zur deutschen Unternehmensspitze suchte in den vergangenen Tagen auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Wie ein Unternehmenssprecher bestätigte, erkundigte sich Weil nach den Gründen für die Schließung. Dabei sei auch die geplante Stromtrasse Südlink zur Sprache gekommen. Nexans hat sich an der Ausschreibung für das Großprojekt beteiligt. „Wir wären in der Lage, hier Kabel für Südlink zu produzieren“, sagt Martin Weick, der Vorsitzende des Betriebsrats in Hannover. Diesem Argument erteilt Personalchef Haas dagegen eine klare Absage. „Es ist nicht so, dass der Auftrag Südlink speziell für Nexans käme. Die Nähe der Trasse zu Hannover ist für den Kunden nicht entscheidend“, kommentiert Haas die laufenden Ausschreibungen. „Die Werke in Hannover und Charleroi sind deshalb trotzdem nicht ausgelastet“, sagt er.

„Es geht um Existenzen“

Im Nieselschnee vor dem mondänen Sitzungshotel machen sich die Demonstranten derweil Gedanken über die Zukunft ihrer Arbeit und Familie. Viele sind spezialisierte Kabelwerker, die außerhalb ihrer Sparte nur wenige Chancen sehen, neue Beschäftigung zu finden. So wie der 58-jährige gelernte Kabeljungwerker Bernd Rösinger. Er hat bei dem Traditionsbetrieb am Kabelkamp gelernt, einen Ausbildungsberuf, den es lange schon nicht mehr gibt. 42 Jahre hat er Kabel gebaut. „Ich hatte mit dem Berufsleben bereits abgeschlossen, dachte ich gehe hier in Rente“, sagt er. Statt Kabel zu fertigen, hält er heute Morgen mit seinem Enkel auf dem Arm ein Banner hoch. „Nexans muss bleiben!“, steht darauf. Seine Frau unterstützt ihn, ist selber erschüttert über das bevorstehende Aus. „Es geht auch um Familien, um Existenzen“, sagt Rösinger.

Demonstration vor der Aufsichtsratssitzung des Kabelherstellers Nexans Deutschland Quelle: Mario Moers

Mit Hackethal fing es an

Das Nexans-Werk Hannover gehört zu den ältesten Industriestandorten der Stadt. Im Jahr 1900 gründeten Louis Hackethal zusammen mit seinen beiden Brüdern die Hackethal-Draht-Gesellschaft mbH. Der frühere Telegraphendirektor hatte sich zuvor die Erfindung eines speziellen elektrischen Leiters samt Spezialisolierung patentieren lassen. Später stieg die Gutehoffnungshütte aus Oberhausen ein und fusionierte die Gesellschaft 1967 mit der Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke zur Kabel- und Metallwerke Gutehoffnungshütte AG. 1981 erfolgte Verselbständigung der Elektroaktivitäten als kabelmetal electro GmbH, später ging die Gesellschaft im französischen Alcatel-Konzern auf. Seit dem Jahr 2000 firmiert das Unternehmen als Nexans Deutschland.

Von Mario Moers

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