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Hannover „Wir lassen uns nicht aus dem Stadtteil verdrängen“
Nachrichten Hannover „Wir lassen uns nicht aus dem Stadtteil verdrängen“
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12:28 22.11.2018
Engagement für eine neue Form des Wohnens: Gesa Jones (Bild von links nach rechts,) Kocher Khanaqa-Redecker und Ilona Krause haben ein inklusives Mehrgenerationenhaus im Erich-Wegner-Weg in der Südstadt möglich gemacht.Foto: Villegas Quelle: Villegas
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Hannover

Gesa Jones sagt immer noch: „Wir.“ „Wir sind froh, dass es jetzt endlich losgeht“ ist so ein Satz der Onlineredakteurin aus Hannover. Oder: „Wir wollen mit unserem Wohnprojekt zeigen, dass wir uns als Familien nicht aus der Südstadt verdrängen lassen.“ Das Bemerkenswerte ist: Für die 37-Jährige gilt das Wir nicht mehr oder zumindest nur noch sehr eingeschränkt. Sechs Jahre lang hat Gesa Jones in Hannover ein gemeinschaftliches Mietwohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung vorangetrieben. Viele Arbeitsstunden hat die Mutter zweier Kinder mit anderen Familien investiert, um bezahlbares, inklusives Wohnen in der Südstadt möglich zu machen.

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Die Frau ist beseelt von dem Gedanken, dass „nicht immer nur der Markt entscheiden darf, wie Menschen gemeinsam wohnen“. Das merkt man überdeutlich, wenn man mit ihr über ihr Leidenschaftsprojekt spricht. „Für Familien mit Kindern muss es weiter bezahlbaren Wohnraum geben.“ Das betont die engagierte Mutter immer wieder. Im März 2019 werden 14 Erwachsene und 20 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in ein von ihr miterdachtes, inklusives Mehrgenerationenhaus im Erich-Wegner-Weg einziehen. Aber Jones wird nicht mehr dabei sein, sie brauchte für ihre Familie so dringend eine neue Wohnung, dass sie Anfang des Jahres in eine Eigentumswohnung zog. Ihrem Engagement für die gute Sache tut das keinen Abbruch. Als einer von elf Unterstützern, als stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins Wir Wohnen Gemeinsam (WWG), der das Projekt über Jahre begleitete, ist sie auch jetzt noch mit Herzblut dabei.

Immer wieder sprangen Leute ab

Die Familie von Ilona Krause dagegen wird im Frühjahr in das mehrstöckige Mietshaus einziehen. Seit April 2018 gehört Krause zu der Hausgemeinschaft, die in der kleinen Stichstraße hinter der Alten Döhrener Straße auf einem ehemaligen Gärtnereigelände eine neue Wohnform ausprobieren will. Das Gebäude ist eines von vier Mehrfamilienhäusern mit insgesamt 66 Wohnungen, die das Wohnungsbauunternehmen Theo Gerlach verantwortet. In der Anlage gibt es eine Reihe von Einheiten, die nach den Richtlinien des sozialen Wohnungsbaus erstellt und entsprechend günstig als Belegrechtswohnungen angeboten wurden. Andere sind für Menschen mit mittlerem Einkommen gedacht. Dazu kommen zwölf Eigentumswohnungen.

Ihre Familie sei nicht die einzige, die so spät dazugestoßen sei. Immer wieder seien Leute abgesprungen, weil die Verwirklichung des Bauprojekts einfach so lange dauerte, erzählt Ilona Krause. Das Projekt sei dennoch nie gefährdet gewesen: „Es wurde immer nur per Mundpropaganda gesucht“, sagt die Frau, die in Teilzeit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit macht. Dennoch sei man von Anfragen schier erschlagen worden: „Der Bedarf für solche Projekte ist riesig.“

Der Anonymität entkommen

Was suchen Familien, die sich für so ein Wohnprojekt entscheiden? Ilona Krauses Traum ist es, der Anonymität städtischen Wohnens zu entkommen. Sie will in der Großstadt in einer nachbarschaftlichen Gemeinschaft leben. Die Gründerin des Projekts, Kocher Khanaqa-Redecker, ist Mutter eines Sohnes mit Downsyndrom. Die Idee zu dem inklusivem Wohnprojekt hatte sie im August 2012, als ihr Sohn an seinem 16. Geburtstag feststellte: „Wenn ich 18 bin, ziehe ich aus.“ Khanaqa-Redecker hat als Kind in einer Großfamilie gelebt, mit Oma, Tante, Cousinen, auch mit einem behinderten Verwandten. „Es war immer jemand da, wenn ich aus der Schule kam“, erinnert sie sich: „Das war sehr schön.“

Eine solche Großfamilie, mit Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, aus verschiedenen Kulturen, unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, will die Bauingenieurin auch in Hannover für ihren heute 22-jährigen Sohn Dario schaffen. Sie stellt ihre Idee im Mai 2013 bei einem Quartiertreffen in der Südstadt vor, trifft auf Gesa Jones und eine weitere Familie. Alle brennen sofort für das Projekt. Das ist auch nötig. Denn es folgt ein steiniger Weg.

Aufwachsen wie in einer Großfamilie

Wie findet man ein Grundstück mitten in der Stadt, bevorzugt in der Südstadt, eines zudem, das eine gute Infrastruktur für Jugendliche und für ältere Menschen hat? Wie findet man einen Investor, der mitmacht und dazu dafür sorgt, dass die Miete bezahlbar bleibt? Die Mieter des Mehrgenerationenhauses müssen in der begehrten Südstadt einen Quadratmeterpreis von 8 Euro zahlen. Fragen über Fragen gilt es zu lösen. 2014 gründen Khanaqa-Redecker und Jones den Verein Wir Wohnen Gemeinsam und treffen auf den Geschäftsführer des Bauunternehmens Gerlach, der von dem Konzept begeistert ist. Aber dauert bis Ende 2016 bis zum Baubeginn und noch einmal zwei Jahre, bis es jetzt ans Einziehen geht.

Kocher Kanaqua-Redecker möchte ihrem Sohn in dem inklusiven Mehrgenerationenhaus ein Stück Selbstständigkeit in einer familiären Umgebung bieten. Was reizt Ilona Krause, Mutter zweier nicht beeinträchtigter Kinder an der Inklusion? In dem Haus wird es auch zwei Wohngemeinschaften für Jugendliche mit Handicaps geben. Menschen mit Downsyndrom oder Autismus sind darunter, dazu gibt es barrierefreie Wohnungen für zwei Rollstuhlfahrer. Eine syrische Familie zieht mit einer Tochter im Teenageralter mit Downsyndrom ein. „Bei echter Inklusion hat jeder etwas, was er geben kann, und jeder hat etwas, was er braucht“, sagt Ilona Krause. Eine ältere Dame aus der Gemeinschaft würde gerne einem Schüler bei den Hausaufgaben helfen, berichtet die 40-Jährige. Sie dagegen brauche Hilfe beim Einkaufen.

Krause selbst vermisst Großeltern in der Nähe. „Wenn ich meine Große von der Schule abhole und die Kleine hingebungsvoll im Kinderzimmer spielt, muss ich sie immer herausreißen, mitschleppen“, sagt Krause: „Ich freue mich, wenn es künftig einen Nachbarn gibt, der dann einfach kurz mal ein Auge auf sie hat.“

Gehandicapte Menschen, Menschen aus einer anderen Kultur, Menschen aus sozial schwächeren Bereichen: Bislang bekämen ihre Kinder von der Vielfalt des Lebens überdies viel zu wenig mit. „Es ist für sie ein großer Schatz, dass sich das ändern wird.“

Nicht meckern, machen: Die Aktion

Deutsche sind ordentlich. Sie bauen super Autos. Und sie können herrlich nörgeln. Heißt es ja vielfach. Aber unter all den Unzufriedenen gibt es eben auch eine Reihe von Bürgern, die nicht nur meckern, sondern auch anpacken, weil sie etwas verändern wollen. Diesen Menschen wollen wir in dieser Woche eine Bühne geben.

Gemeinsam mit den „Kieler Nachrichten“, der „Ostsee-Zeitung“ in Rostock, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info hatten wir unsere Leser gebeten, uns von solchen Geschichten zu erzählen. Die Resonanz war beeindruckend – wie auch die Bandbreite der Geschichten, die uns erreicht haben.

Da sind Vereine, die ein Dorfgemeinschaftshaus bauen oder sich um die Sanierung und den Betrieb des alten Freibads kümmern. Da ist Barbara A. aus Burgwedel, die einen eigenen Singkreis gründet, weil sie keinen geeigneten Chor findet. Da ist Petra P. aus Hannover, eine ehemalige Erzieherin, die sich in einem Flüchtlingsheim in der Nähe gezielt um die Kinder kümmert und dort mit großer Nachbarschaftshilfe so etwas wie einen kleinen Kindergarten eingerichtet hat.

Jede Geschichte hätte es verdient, einem größeren Publikum erzählt zu werden. Für sechs hat sich die Jury nun entschieden, die wir täglich bis zum Sonnabend vorstellen wollen. NDR Info sendet die Geschichten morgens um 7.50  und 9.50 Uhr.

Hier finden Sie mehr zu der Aktion.

Von Jutta Rinas

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22.11.2018