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Hannover Was das historische Ergebnis für Hannover bedeutet
Nachrichten Hannover Was das historische Ergebnis für Hannover bedeutet
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16:28 28.10.2019
Hannover – das war mal reserviert für die SPD. Diese Zeiten sind aber einstweilen vorbei. Die Genossen um Regionspräsident Hauke Jagau mussten das am Sonntag feststellen. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Die Stimmen sind noch nicht ganz ausgezählt, da legt SPD-Kandidat Marc Hansmann seiner Frau Meike Schümer den Arm um die Schultern. „Ich hatte mich auf die Stichwahl gefreut“, sagt Hansmann. Hatte.

Der Wahlabend ist historisch für Hannover, und er ist historisch für die SPD. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wird Niedersachsens Landeshauptstadt einen Oberbürgermeister bekommen, der nicht der SPD angehört. Dieser Oberbürgermeister wird entweder Belit Onay heißen und von den Grünen kommen, oder er heißt Eckhard Scholz und ist parteiloser Kandidat der CDU. Es ist eine Zäsur für die SPD. Wieder einmal. „Ich bin riesig enttäuscht“, sagt Hansmann.

Sichtlich enttäuscht: Marc Hansmann. Quelle: Florian Petrow

Lesen Sie hier: Marc Hansmann im Interview

Man wusste, dass die Ausgangsposition schwierig sein würde für die SPD. Auch Hansmann wusste es. So schwer wie er habe es kein Kandidat der Genossen seit dem Zweiten Weltkrieg gehabt, sagte er schon im Sommer im HAZ-Interview. Und keiner hat zuvor verloren.

Ganz anders war die Ausgangslage für Belit Onay. So gut ist die Stimmung rund um seine Grünen derzeit, dass die Partei schon vor Monaten ernsthaft darauf spekulieren konnte, dieses Mal im Rennen um das Oberbürgermeisteramt vorne zu liegen. Das merkte man schon, als noch gar keine OB-Wahl anstand: Da distanzierten sich die Grünen in Hannover zeitig und deutlich vom durch die Rathausaffäre strauchelnden Amtsinhaber Stefan Schostok (SPD). Das Signal war klar: Von uns aus kann eine Neuwahl kommen. Und wir wollen sie gewinnen.

Dieses Ziel rückt am diesem Sonntagabend ein gutes Stück näher: Mit gut 32 Prozent der Stimmen distanziert Onay seinen SPD-Kontrahenten Marc Hansmann um fast neun Prozentpunkte. Das ist nicht einfach ein Sieg – es ist eine Klatsche für die SPD.

 

Onay ist noch nicht am Ziel

Doch Onay weiß, dass er noch nicht am Ziel ist. Denn nun geht es in die Stichwahl – zum ersten Mal für einen Kandidaten der Grünen in Hannover. Viel Zeit, das Ergebnis zu genießen, gibt sich Onay nicht, als sich am Sonntagabend mehr und mehr herausstellt, dass er tatsächlich der erste grüne Oberbürgermeister in Hannover werden könnte. Kein Bier heute Abend, sagt er auf die Frage eines Reporters, wie denn seinen Erfolg feiern wolle. „Morgen geht es wieder in die Vollen.“ Er hat noch einmal zwei Wochen Wahlkampf vor sich.

Grund zur Freude: Belit Onay. Quelle: Tim Schaarschmidt

Lesen Sie hier: Belit Onay im Interview

Ist Onay nun der Favorit in dieser Stichwahl? Oder ist das sein Gegner, CDU-Kandidat Eckhard Scholz? Auf Basis der althergebrachten Parteienarithmetik müsste man Onay die besseren Chancen einräumen – schließlich sollten doch jene Wähler, die im ersten Wahlgang die SPD gewählt haben, eher den Grünen als der CDU zugeneigt sein. Aber stimmt das auch im Fall der hannoverschen Oberbürgermeisterwahl von 2019? Und was sind althergebrachte Erkenntnisse über Parteien und Wähler schon noch wert in diesen Tagen?

Genugtuung bei der CDU

So oder so, bei der Wahlparty der CDU in der Ständigen Vertretung am Aegi jubeln sie erst einmal. So ganz sicher waren sich die Fans des früheren VWN-Chefs Eckhard Scholz zu Beginn des Abends trotz guter Umfrageergebnisse noch nicht gewesen – aber mit den ersten Ergebnissen von den Fernsehbildschirmen und Mobiltelefonen bricht sich die Freude Bahn. Rund 200 Menschen sind da, und viele dürfte ein Gefühl der Genugtuung erfüllen. Einer der Feiernden fasst es in Worte: „Das Ergebnis ist mir völlig egal“, sagt er. „Hauptsache, die SPD bekommt mal einen Denkzettel hier.“ Denn die „Selbstherrlichkeit“ sei unerträglich.

Zieht gegen Belit Onay in die Stichwahl ein: Eckhard Scholz. Quelle: Katrin Kutter

Lesen Sie hier: Eckhard Scholz im Interview

Der Kandidat selbst ist zunächst einmal „stolz und froh“ über sein Ergebnis. Aber was, wenn die SPD ihren Wählern für den zweiten Wahlgang empfiehlt, ihre Stimmen Onay zu geben? Wie es aus Kreisen der Genossen heißt, will die Parteiführung genau das Anfang der Woche beschließen. „Es gibt oft einen Unterschied zwischen dem, was Parteien sagen, und dem, was die Menschen dann wirklich machen“, sagt Scholz.

Wer ist der Favorit?

CDU-Ratsfrau Kerstin Seitz redet nach Bekanntwerden der Ergebnisse viel mehr über die Niederlage der SPD als über den Erfolg des eigenen Kandidaten. „Das ist ein Desaster“, sagt sie. Die Rathausaffäre habe sich ausgewirkt. An eine mögliche Wahlempfehlung der SPD für den Grünen-Kandidaten Belit Onay in der Stichwahl mag sie nicht denken. „Wir werden kämpfen“, sagt sie. Das Ergebnis zeige die große Unzufriedenheit der Hannoveraner mit der SPD, sagt CDU-Mann Michael Emmelmann. „Was wir hier erlebt haben, ist ein einmaliger Vorgang“, meint er. Noch nie habe es in Hannover ein so deutliches Wahlergebnis gegen die SPD gegeben.

Trotz der Freude denkt die CDU jetzt aber schon an die nächsten zwei Wochen. „Für uns wäre eine Stichwahl gegen Marc Hansmann besser gewesen“, meint ein führendes Parteimitglied. Denn Grünen-Kandidat Belit Onay stehe, ebenso wie Scholz für einen Neuanfang im Rathaus, Hansmann nicht. Außerdem würden die Grünen derzeit von einer großen Welle der Euphorie getragen, bei der CDU sei der Bundestrend dagegen nicht so gut.

Die große Frage ist: Was machen die Wähler der SPD und der kleinen Parteien im zweiten Wahlgang? Ist jeder enttäuschte Genosse geneigt, die Grünen zu wählen – oder ist diese vermeintliche Gewissheit auch eine aus der alten Parteienwelt? Aus der, in der die SPD noch Wahlen gewinnen konnte?

SPD-Trauer in der Nordkurve

Wie auch immer – bei der sogenannten Wahlparty der SPD in der Nordkurveam Stadion ist diese Welt weit weg. Hier wird am frühen Abend schon die Niederlage analysiert, die die Genossen, jetzt können sie es ja sagen, schon befürchtet hatten. „Ich hoffe, dass wir in die Stichwahl kommen“, hatte SPD-Bezirkschef Matthias Miersch kurz vor Schließen der Wahllokale gesagt. Aber die Ausgangslage für die SPD sei nun einmal schwierig. Dann hatte Hansmann die Gasstätte betreten, um den Hals stilbewusst einen 96-Fanschal geschlungen, und die routinierte Wahlabendeuphorie hatte eingesetzt: Rhythmischer Applaus der Genossen, Skandieren von Hansmanns Namen. Da konnte man noch hoffen, dass alles gut wird. Aber nichts wird gut.

Später gibt Stadt-Parteichef Alptekin Kirci bekannt, dass er im Januar nicht wieder für das Amt antreten wird. Auch er wird in die Geschichte eingehen: Als der Parteichef, unter dem die SPD Hannover verlor.

Von Karl Doeleke, Mathias Klein, Andreas Schinkel, Marco Seng, Johanna Stein und Alina Stillahn (Texte) sowie Samantha Franson, Katrin Kutter, Tim Schaarschmidt und Rainer Dröse (Fotos)

Kurioses in den Wahllokalen, entspannte Kandidaten und später dann tiefe Enttäuschung und ausgelassene Feiern – der Tag der Oberbürgermeister-Wahl in Hannover hier noch einmal zum Nachlesen.

27.10.2019

Das hannoversche Wahlergebnis ist ein Desaster für die SPD. Daran trägt sie selbst die Schuld. Zugleich zeigt es, wie gespalten die Lebenswelten in der Stadt sind. Wer hier gewinnen will, muss weiter denken, meint HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.

28.10.2019

Historisches Ergebnis in Hannover: Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg stellt die SPD nicht mehr den OB – ihr Kandidat Marc Hansmann landet im ersten Wahlgang nur auf Platz 3. Die meisten Stimmen erhalten Belit Onay von den Grünen und CDU-Kandidat Eckhard Scholz mit je 32,2 Prozent. Die beiden gehen in die Stichwahl am 10. November.

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