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Hannover Verbrennungen: Paar bringt Kind nicht zum Arzt
Nachrichten Hannover Verbrennungen: Paar bringt Kind nicht zum Arzt
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00:19 23.01.2015
Von Michael Zgoll
Quelle: dpa
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Hannover

Es war der Tag vor Silvester 2012, als sich ein 16 Monate altes Kind am linken Handrücken verbrannte. Am 60 Grad heißen Zulaufrohr eines Heizkörpers, in einem Moment ohne Aufsicht. Doch weil sich Mutter und Stiefvater zwei Tage lang nicht vernünftig um das verletzte Mädchen kümmerten und fröhlich den Jahreswechsel feierten, entzündete sich die Brandwunde. Erst am Neujahrstag brachte die Oma die Kleine in die Kinderklinik auf der Bult, wo sie operiert wurde und 17 Tage auf Station lag. Am Dienstag verurteilte eine Schöffenkammer am Amtsgericht den 26-jährigen Stiefvater wegen Körperverletzung durch Unterlassen zur Zahlung von 130 Tagessätzen à 30 Euro, also zu einer Geldstrafe von 3900 Euro. Die 23 Jahre alte Mutter muss 80 Tagessätze à 10 Euro zahlen.

Das Drama in einer Herrenhäuser Wohnung begann am Nachmittag des 30. Dezember. Der Stiefvater war allein zu Hause, hatte geduscht. Dann hob er das Mädchen aus dem Gitterbett und zog sich im Nachbarzimmer an. In dieser Zeit robbte das Kind offenbar zum Heizkörper, dessen Rohre aus dem Fußboden kommen, und begann dort herumzuspielen. Dabei geriet es mit dem Handrücken an den glühend heißen Zulauf. Wie zwei Rechtsmediziner in der Verhandlung erläuterten, habe in dieser Situation eine Sekunde unmittelbarer Kontakt gereicht, um eine Verletzung zu verursachen. Auf der Haut von Kindern bildeten sich Brandwunden viermal so schnell wie auf der Haut von Erwachsenen.

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Stiefvater bereits wegen Körperverletzung vorbestraft

Doch den Stiefvater, einschlägig vorbestraft wegen Körperverletzung, brachte die drei mal drei Zentimeter große Wunde nicht aus der Ruhe. Das Kind habe sich schon früher einmal ohne nennenswerte Folgeschäden verbrannt, erklärte er, und geschrien habe die Kleine auch nicht. Gewundert habe er sich nur, als er dem Mädchen am Abend die Handschuhe auszog und ein Stück Haut abgerissen sei. Die Mutter, Hartz-IV-Empfängerin ohne Schulabschluss, sagte, „ich war so blöd und habe mich beruhigen lassen“. Immerhin wickelte sie ihrer Tochter eine gebrauchte Mullbinde um, die zwar gewaschen war - aber sicher nicht steril. Auf die Frage von Richter Koray Freudenberg, warum das inzwischen getrennte Paar denn nicht wenigstens am Silvestertag einen Arzt aufgesucht habe, bekam er eine eigenwillige Antwort. Im Stadtteil werde von morgens bis abends geböllert, und darum habe man Angst gehabt, dass das Kind auf der Straße von einem Feuerwerkskörper getroffen werden könnte.

In der Kinderklinik wurden die Verbrennungen zweiten bis dritten Grades sofort behandelt, die Ärzte setzten der kleinen Patientin ein Stück künstliche Haut ein. Auch stellten sie fest, dass das Kind drei unbehandelte Brüche an Unterarm, Schienbein und Fuß aufwies. Diese könnten aber durchaus, so die Gutachter gestern, durch Stürze entstanden sein, sie seien nicht zwangsläufig die Folge von Misshandlungen. Man müsse jedoch davon ausgehen, dass das Mädchen aufgrund der Brandverletzung erhebliche Schmerzen verspürt habe. Die Wunde ist inzwischen gut verheilt. Und die Mutter, die ein Jahr lang vom Jugendamt begleitet wurde, versicherte: „Wenn wieder so ein Unfall passieren würde, wäre ich sofort beim Arzt.“

Andreas Schinkel 20.01.2015
Andreas Schinkel 20.01.2015
20.01.2015