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Hannover So dramatisch ist die Situation an der Peter-Ustinov-Schule
Nachrichten Hannover So dramatisch ist die Situation an der Peter-Ustinov-Schule
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00:29 12.05.2018
Wie kann hier Unterricht gelingen? Schulleiterin Karin Haller und Kultusminister Grant Hendrik Tonne in der Peter-Ustinov-Schule. Quelle: Wilde
Hannover

In den Unterrichtsräumen der Peter-Ustinov-Schule in Ricklingen treffen Welten aufeinander. Lehrer müssen dort Schüler unterrichten, die eigentlich ihren Hauptschul- oder Realabschluss machen sollen – die aber vielfach kein Deutsch sprechen oder sogar noch nie eine Schule besucht haben. Der Lehrplan mit seinen landesweit festgelegten Curricula fordert, dass an allen öffentlichen Schulen gleichwertiger Lernstoff durchgenommen wird. An der Peter-Ustinov-Schule, wo 90 Prozent der Schüler Förderbedarf haben, gehe das aber nicht mehr, sagen Schulleiterin Karin Hallerund die Lehrkräfte. Am Mittwoch war Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) mit Landespolitikern vor Ort, denn die Schule hat im Februar den Antrag gestellt, Modellschule zu werden. Tonne räumte zwar einen akuten Handlungsbedarf ein – auf konkrete Zusagen aber ließ er sich nicht ein. „Ich wollte mir, bevor wir über Konzepte nachdenken, ein Bild von dem Schulalltag machen“, sagt Tonne.

Unterricht, wie er sinnvoll ist

Immerhin: Das Kultusministerium will jetzt prüfen, ob an der Peter-Ustinov-Schule die strikten Vorgaben des Kerncurriculums gelockert werden können. „Lehrer sollten so Unterricht machen können, wie es sinnvoll ist", findet Stefan Politze, SPD-Bildungsexperte im Landtag. Es sei nicht zielführend, wenn Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse in die 9. Klasse kämen, dann ein Jahr Unterricht in einer Sprachlernklasse hätten und im 10. Jahrgang benotete Abschlussarbeiten schreiben müssten. „Dabei kann doch nur eine Note 6 herauskommen", sagt Politze.

„Es ist ein Hilferuf“

An der Ricklinger Schule  landen viele Jugendliche ohne Perspektive: Roma-Kinder, die nicht lesen und schreiben können und oft jahrelang überhaupt nicht in der Schule waren, traumatisierte Flüchtlinge aus Syrien, Töchter aus zerrütteten Familien, junge Männer, die ihren Vater nie kennengelernt haben, Schüler mit Lernschwächen oder Konzentrationsstörungen. Schulleiterin Haller sagt: „Wir sind voller Energie und mit Leidenschaft dabei, aber wir müssen auch zugeben, dass wir an unseren Grenzen angekommen sind. Das ist ein Hilferuf.“ So zu arbeiten, wie es der Lehrplan vorsieht, werde „Lehrkräften und unseren Schülern nicht gerecht". Sie wünscht sich mehr Freiraum, möchte aus dem „engen Curriculumskorsett“ heraus und wenn nötig neue Wege gehen. Vom staatlichen Bildungsauftrag wolle sie sich nicht verabschieden – wer kann, soll seinen Abschluss machen. Nur: Viele könnten eben nicht. Es ist nicht der erste Politikerbesuch, Landesintegrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf war schon da, auch der gesamte Schulausschuss der Stadt Hannover.

Tonne spricht mit Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen, nimmt teil am  Mathematikunterricht einer 9. Abschlussklasse. Die Schüler seien freundlich und diszipliniert gewesen, sagt er hinterher. Aber er wisse, dass dies nicht der normale Alltag sei. „Es gibt hier keine Normalität mehr“, sagte Schulleiterin Haller. 2017 habe es wegen Fehlverhaltens von Schülern 100 Disziplinarkonferenzen mit vielen Suspendierungen gegeben. Die Schüler aber gäben sich Mühe. Eine Zukunft hätten sie aber nur, wenn das Schulkonzept angepasst werde. 

Sprachlernklasse fällt weg 

Und die Lage spitze sich weiter zu: Von zwei Sprachlernklassen werde eine im Sommer gestrichen. „Wenn Kinder, die aus Kriegsgebieten kommen und hier erst einmal die Sprache lernen müssen, direkt in den Regelunterricht gehen, dann ist das für sie ein weiteres Trauma“, sagte Miriam Frehe, Koordinatorin für Sprachförderung. Das merkte auch Sabine Szameit in ihrer 8. Klasse – und zog Konsequenzen: „Ich habe mich aus den Vorgaben ausgeklinkt, weil ich es nicht ertragen kann, immer nur Sechsen zu geben.“

„Wir müssen an manchen Stellen aus dem Curriculum aussteigen und Möglichkeiten finden, die dem Niveau unserer Schüler entsprechen“, betont Haller. Bei vielen Schülern müsse sie fast bei Null anfangen. Sie wohnen in Notunterkünften oder in völlig ungeordneten Familienstrukturen, kennen keinen geregelten Tagesablauf. „Wir gehen mit ihnen einkaufen, ins Theater, damit sie überhaupt Normalität erfahren. Und das ist in keinem Curriculum vorgesehen.“

Kultusminister Tonne zeigte sich skeptisch, einen Modellversuch an Brennpunktschulen zu starten – er wolle regionale, flexible Lösungen, sagte er. CDU-Schulpolitikerin Mareike Wulf sagte, das Problem habe sich durch Zuwanderung und Inklusion verschärft. „Regelschule ist damit überfordert, wir brauchen eine Schule für die Einwanderungsgesellschaft", fordert Wulf. Ziel sei es, die Schüler „für den ersten Arbeitsmarkt und nicht für Hartz IV fit zu machen", ergänzt Politze

Ein Problem von Ballungsräumen

Nicht nur in Hannover, auch in Salzgitter, Delmenhorst und Celle gibt es immer mehr Schulen, die an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit kommen. Nach Ansicht von CDU-Bildungsexpertin Mareike Wulf ist ab einem gewissen Anteil mit Schülern, die Förderbedarf haben, normaler Unterricht kaum noch möglich. Das sei nicht erst bei einem Anteil von 90 Prozent der Fall wie an der Peter-Ustinov-Schule, sondern schon viel eher, schon bei 30 bis 40 Prozent. Für sie ist es aber auch ein Verteilungsproblem. Sollten Schüler mit ausländischen Wurzeln und Lernproblemen also mit einem Bus an Gymnasien in Nobelviertel gebracht werden, um eine bessere Durchmischung zu erzeugen? So etwas hatte der frühere SPD-Außenminister Sigmar Gabriel mal vorgeschlagen und war dafür heftig gescholten worden. 

Die Konzentration von Problemfällen auf bestimmte Schulen lässt sich aus Sicht der Stadt kaum vermeiden: „Viele Kinder kommen mit einem Bildungsstand an, der nicht geeignet ist, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Nach derzeitiger Erlasslage stehen diesen Schülerinnen und Schülern dann nur die Oberschulen und begrenzt die Integrierten Gesamtschulen offen“, sagt eine Sprecherin.

Von Andrea Brack Peña und Saskia Döhner

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