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Hannover Heimschließungen: 130 Senioren suchen neues Zuhause
Nachrichten Hannover Heimschließungen: 130 Senioren suchen neues Zuhause
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00:15 28.01.2019
Gerhard und Christa Johanna Müller sind im Godehardistift heimisch geworden. Nun müssen sie ein neues Pflegeheim finden. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Unbeschwert wird Christa Johanna Müller ihren 88. Geburtstag am Sonnabend nicht feiern. Sie gehört zu den 80 Bewohnern des Godehardistifts in Linden, denen schwierige Monate bevorstehen. Vor wenigen Tagen hat die Betreibergesellschaft angekündigt, das Pflegeheim zum Jahresende zu schließen. Die betagten Senioren müssen sich nun noch einmal umstellen und eine neue Bleibe suchen. „Aber wohin? Es gibt ja kaum etwas in der Nähe.“ Seit knapp zwei Jahren wohnt Christa Johanna Müller mit ihrem Ehemann Gerhard im Godehardistift, vorher lebten die beiden 54 Jahre in einer eigenen Wohnung im gleichen Quartier.

Bewohner fühlen sich heimisch in Linden

„Wir würden gerne in Linden bleiben“, betont die Seniorin. Noch hat sie keine Idee, wie das gehen soll. Im Godehardistift fühlen die Müllers sich wohl, obwohl die undichten Fenster und andere Mängel in dem alten Gebäude sie stören. „Die Pfleger sind alle sehr nett. Wir sind hier heimisch geworden.“ Zum Wohlbefinden trägt auch die Kinderkrippe „Junges Gemüse“ im gleichen Haus bei, die von einer Elterninitiative getragen wird. Die Kleinen besuchen die Senioren jede Woche und singen für sie. „Das ist herrlich. Aber das fällt dann auch weg“, bedauert Christa Johanna Müller.

Das Evangelische Johannesstift in Berlin gibt das Godehardistift wegen des maroden Zustands des Gebäudes auf. Fast zeitgleich hat der Betreiber eine weitere Schließung angekündigt: Das Stift löst Ende 2019 auch einen veralteten Flügel des St. Martinshofs in Misburg auf. Damit fallen zum Jahresende insgesamt 130 Pflegeplätze in Hannover weg. Dennoch gehen Stadt und Region bisher davon aus, dass dies nicht zu gravierenden Lücken führt.

Es mangelt nicht an Pflegeheimen – doch welches passt?

In Hannover gibt es aktuell 7.100 vollstationäre Pflegeplätze. „Grundsätzlich ist das Angebot ausreichend. Es kann jedoch Probleme geben bei der Suche nach einem Heimplatz in unmittelbarer Nähe des bisherigen Lebensumfelds“, schränkt Stadtsprecher Dennis Dix ein. Wartelisten bei einigen Einrichtungen zeigen außerdem, dass manche Pflegeheime deutlich gefragter sind als andere.

„Es ist natürlich eine schreckliche Geschichte, wenn ein Haus wegen unterlassener Sanierung geschlossen wird. Gerade das Heim in Linden wird sehr liebevoll geführt“, betont Monika Stadtmüller, Vorsitzende des städtischen Seniorenbeirats. Auch die Heimaufsicht stellt beiden Pflegeheimen ein positives Zeugnis aus. Den Zustand der Gebäude nehmen die städtischen Prüfer allerdings nur in Augenschein, wenn Baumängel die Bewohner akut gefährden.

Der Preis ist ein entscheidendes Argument

Auch Monika Stadtmüller ist davon überzeugt, dass es an Pflegeheimen in der Stadt nicht mangelt. Dennoch kann die Suche nach dem passenden Platz schwierig werden. „Wenn ich ein freies Haus finde und es kostet mich fast das Doppelte als bisher, habe ich ein Problem.“ Ein Antrag auf Sozialhilfe ist möglich, wenn die Rente für die Zuzahlung nicht reicht. „Das macht nicht jeder gerne, denn dabei werden auch die Einkommensverhältnisse der Angehörigen geprüft“, erzählt Stadtmüller. Die Verwurzelung im Stadtteil spielt für viele Senioren eine große Rolle, treffen sie in vertrauter Umgebung doch häufiger auf Bekannte aus der Nachbarschaft, die nun ebenfalls im Heim leben.

Die Vorsitzende des Seniorenbeirats sieht aktuell die zunehmende Ausbreitung privater Pflegeheim-Anbieter in Hannover kritisch. „Ich will nicht sagen, dass sie schlecht sind. Aber sie haben den Anspruch, Rendite zu machen.“ Die Neugründungen zögen außerdem knappes Pflegepersonal aus anderen Häusern ab.

Mitarbeiter verzichteten für Sanierung auf Lohn

Die Ratsfraktion der Linken kritisiert speziell die Schließung des Godehardistifts in Linden. „Pflegebedürftigen Bürgern ihr Zuhause zu nehmen und sie aus ihrer gewohnten Umgebung zu verpflanzen, halte ich für äußerst unsozial, hier wird mit Schicksalen gespielt“, sagt Linken-Fraktionschef Dirk Machentanz.

Die Entscheidung des Evangelischen Johannesstifts gegen eine Sanierung lässt einige Fragen offen. Die 80 Mitarbeiter hatten eigens seit zwei Jahren auf Teile ihres Lohns verzichtet, um zur Sanierung beizutragen. „Das zahlen wir natürlich zurück“, versichert Sprecherin Lilian Rimkus. Das Johannesstift will den Pflegekräften eine Weiterbeschäftigung in anderen Einrichtungen anbieten, wenn das für die Einzelnen infrage kommt. Für manche dürfte das kurz vor dem Renteneintritt zu spät kommen. Den 80 Bewohnern soll bei der Suche nach einem neuen Pflegeheim geholfen werden.

Probleme wurden erst spät öffentlich

Machentanz stellt jedoch die Frage, warum die Problematik des Pflegeheimes „quasi erst kurz vor Toresschluss“ publik wird. „Hier gibt es Gesprächs- und Diskussionsbedarf.“ Der Heimbetreiber hatte betont, ein Abriss und Neubau an gleicher Stelle sei wegen des Bebauungsplans nicht praktikabel. Eine Anfrage dazu bei der Stadtplanung sei aber gar nicht erst gestellt worden, betont Stadtsprecher Dix. Der seit mehr als 40 Jahren gültige Bebauungsplan war bereits Grundlage für die Errichtung des Godehardistifts. Erst seit Kurzem habe der Träger gegenüber dem Fachbereich Senioren das Interesse geäußert, eventuell ein anderes Baugrundstück zu finden. „Wenn die Stiftung weiterhin interessiert ist, ein Pflegeheim in Linden zu errichten, sehen wir gerne, was möglich ist“, sagt Dix.

Das Johannesstift ist erst vor knapp einem Jahr mit der Paul-Gerhardt-Diakonie, einem Krankenhausträger, fusioniert. Sprecherin Rimkus bestreitet aber einen Zusammenhang mit den geplanten Heimschließungen. „Das liegt wirklich an der Bausubstanz und nicht an unserer strategischen Ausrichtung.“

Zuzahlung kostet im Schnitt 1.740 Euro im Monat

Für einen Platz im Pflegeheim müssen Senioren in Hannover aktuell zwischen 1.040 und 2.540 Euro pro Monat dazu bezahlen – zusätzlich zu den Kosten, die die Pflegekasse trägt. Im Durchschnitt beträgt die Zuzahlung 1.738 Euro im Monat. Seit der Reform des Pflegegesetzes vor zwei Jahren gilt dies gleichermaßen für den Pflegegrad 2 bis 5. Der Martinshof in Misburg liegt mit 1.750 Euro Zuzahlung im Monat im Mittelfeld, das Godehardistift in Linden mit 1666 Euro etwas darunter. Bei spezialisierten Facheinrichtungen für Demenz, psychische Erkrankungen oder Schwerstpflege können die Zuzahlungskosten in Hannover bis auf 3640 Euro steigen.

In den vergangenen fünf Jahren haben drei Pflegeeinrichtungen mit insgesamt 200 stationären Plätzen in Hannover geschlossen. Ein Heim mit 140 Plätzen hat den Betrieb neu aufgenommen. Aktuell ist ein neues Pflegeheim mit 115 Plätzen im Bau, die Eröffnung ist für April 2019 geplant.

Von Bärbel Hilbig

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