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Hannover Der Polarforscher, der nie in die Kälte wollte
Nachrichten Hannover Der Polarforscher, der nie in die Kälte wollte
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21:07 29.07.2019
„Man muss in heiklen Momenten Ruhe bewahren“: Andreas Läufer aus Hannover forscht in der Antarktis. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Sein Leben als Erforscher der Erdgeschichte hatte sich Andreas Läufer, 55 Jahre alt und mit der schlanken Statur eines Laufsportlers, in den herrlichsten Farben ausgemalt. Tauchen vor den Bahamas im Blau des Atlantischen Ozeans, Riffe ansehen und auftauchen bei Temperaturen wie aktuell in Hannover, das war so eine ideale Vorstellung vom Geologenleben. „Ich wollte nie in die kalten Regionen“, sagt Läufer.

Dann nahm er an einer Expedition in die Antarktis teil.

Eine Woche lang war Läufer von Neuseeland aus mit dem Schiff unterwegs. Das Meer tobte, und der Geologe forschte zunächst in sich selbst, ob er den Wellen gewachsen sein oder fiese Seekrankheit ihn niederwerfen würde. Er hielt durch, sein Magen ließ ihn in Ruhe.

Im Packeis wurde es herrlich. Läufer sah die riesengroße, bombastische Landschaft, die sich jeden Tag ändert. Dieses unendliche Weiß, das am Horizont kein Ende findet. Eisberge. Dieses Blau. Lichteffekte und tolle Tiere, angepasst an die harten Bedingungen, Temperaturen unterhalb denen von Gefrierfächern. So beschreibt er seine Eindrücke. In Andreas Läufer breitete sich der Antarktis-Virus aus. „Der erwischt einen oder nicht“, und nun hat er ihn.

Andreas Läufer mit Vollbart (links) und zwei Kollegen im transantarktischen Gebirge. Quelle: BGR

„Die Kälte ist relativ“

Die Kälte macht Läufer nicht viel aus. Man gewöhnt sich dran, sagt er, Kälte sei relativ. An Küsten der Antarktis wird es schon mal über null Grad, im Gelände und Gebirgen erlebte der Geologe, der nie in die Kälte wollte, Temperaturen von minus 30 Grad.

Weil die Luft trocken ist und oft die Sonne scheint, empfindet er das Eisige als erträglich. Und das kann gefährlich sein. Zu wenig trinken, weil der Durst fehlt; schützende Handschuhe zu lange ausziehen bei der Arbeit im Eis; nicht bemerken, dass man weiße Flecken auf der Haut bekommt. Der Geologe hat viel gelernt im Eis. Zwei Dinge ragen heraus: Man muss aufeinander aufpassen. Und kein Stein ist es wert, sein Leben zu riskieren.

„Der Fund war wie ein Lottogewinn“

Doch manches Fossil lohnt den Einsatz. Läufer hat dutzende Steine in seinem Büro in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover liegen. Es handelt sich um Mitbringsel von Expeditionen, und einer sticht heraus. Er holt ihn vorsichtig hervor und streicht mit der Hand über die erhabenen Versteinerungen, die Laien für nichts Besonderes halten würden, falls sie sie überhaupt bemerkten.

Es war eine Geologin aus Genua, die auf den Abdruck stieß, Andreas Läufer identifizierte ihn als Überrest einer Saurierspur und wohl 200 Millionen Jahre alt. Sie beweise, dass es zu Lebzeiten des Tieres in der heutigen Antarktis kein Eis gegeben habe, sagt er. „Der Fund war wie ein Lottogewinn.“

Die Spur des Sauriers

Die Expedition hatte nicht danach gesucht. Man war langsamen Schritts unterwegs im Eis, guckte wie stets nach links und rechts und vor allem zu Boden. Läufer erzählt leicht belustigt, dass zwei Paläontologen, Wissenschaftler, die nach Lebensspuren forschen, am Abdruck vorbei gingen, ohne ihn zu bemerken. Auch so ist Forschung, Läufer weiß um die Zufälligkeit mancher Funde: Wäre die Italienerin einen Meter weiter links gegangen, der Saurier wäre wohl vorerst unentdeckt geblieben.

Zwei Abdrücke: Unten die Fußspur des Sauriers, darüber die Hand von Andreas Läufer. Quelle: Katrin Kutter

Bei seiner jüngsten Expedition war Andreas Läufer drei Monate in der Antarktis, sein Team brachte sieben Tonnen Gestein mit. Das Wetter war schlecht wie selten. Niederschläge, dichter Schneefall mit der Folge, dass die Wissenschaftler nicht ans Gestein heran konnten. Man muss klar kommen mit sich selbst in so einer langen Zeit.

Wenn man Läufer zuhört, wirkt er entspannt, unkompliziert und bodenständig und man ahnt, dass für Narzissten und Egozentriker eine Station im Eis nicht der richtige Ort wäre. Wer auf Expeditionen fährt, wird deshalb zuvor von Psychologen auf Einsatztauglichkeit untersucht.

Welche Eigenschaften sind nötig, um über Wochen im Eis zu bleiben? „Sich zurückziehen können“, sagt Andreas Läufer, „die eigenen Fähigkeiten einschätzen können und in heiklen Momenten Ruhe bewahren.“ Natürlich ist es nicht mehr so, dass Männer sich selbst vor Schlitten voller Ausrüstung und Lebensmitteln spannen, wie damals im absurden Wettrennen zwischen Roald Amundsen und dem unglücklichen Robert Scott. Heute fliegen Wissenschaftler mit Helikoptern zu Einsatzorten, und Snowmobile ziehen Schlitten.

„Die Antarktis zerfällt“

Trotz aller Technik kann die Natur jederzeit zuschlagen. Läufer hat im Basislager erlebt, wie ein Trupp mitten im Eis nicht mehr weiter konnte, ein Sturm zwang Kollegen in ein Zelt. Der Proviant ging zu Ende, sie mussten an die Notration mit Trockenfutter. Erst spät, als das Wetter besser wurde, konnte ein Hubschrauber losfliegen. Läufer war nicht in diesem Zelt, doch er weiß, dass Panik in solch einer Situation falsch wäre.

Inzwischen wird die nächste Expedition vorbereitet. Die Wissenschaftler forschen weiter nach der Entwicklung, die die Antarktis in den vergangenen 500 Millionen Jahren genommen hat und in Zukunft nehmen könnte. Zukunft meint dabei nicht übermorgen, es geht um die nächsten zehn, 20 Millionen Jahre, Geologen denken in anderen Dimensionen. „Die Frage ist: Zerfällt die Antarktis?“

Läufer sagt, dass Eisschilde bereits früher kollabierten, und jedes Mal habe man hohe Anteile von Kohlendioxid nachweisen können. Zuletzt haben Geologen in der Antarktis warme Wasserströme gemessen, gleichzeitig steigt der Kohlendioxidwert in der aufgeheizten Atmosphäre beständig an.

Läufer fasst den Stand der Forschung knapp zusammen: „Die These ist, dass die Antarktis zerfällt.“

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