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Hannover Weltweit Reaktionen auf Reichstagsbrand-Dokument
Nachrichten Hannover Weltweit Reaktionen auf Reichstagsbrand-Dokument
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19:50 30.07.2019
So berichtete die HAZ über den Dokumentenfund. Quelle: haz
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Hannover

Alle großen israelischen Zeitungen sowie österreichische, niederländische und natürlich deutsche Medien haben am Wochenende die Nachricht von dem in Hannover neu aufgetauchten Reichstagsbrand-Dokument aufgegriffen, das die Alleintäterschaft des als Brandstifter verurteilten Marinus van der Lubbe zumindest infrage stellt. Die eidesstattliche Versicherung des ehemaligen SA-Manns Hans-Martin Lennings lag fast 65 Jahre im Amtsgericht Hannover. Er gibt darin an, van der Lubbe zum Reichstag gefahren zu haben, als es schon brannte.

Kontroverse zum Reichstagsbrand-Dokument in den Niederlanden

In den Niederlanden, dem Herkunftsland Marinus van der Lubbes, kommen „De Telegraaf“ und „De Volkskraant“ zu völlig gegensätzlichen Einschätzungen. „De Telegraaf“ titelt: „Erklärung spricht Marinus van der Lubbe frei“ – was freilich ein deutsches Gericht juristisch bereits 2007 mit der finalen Aufhebung des Reichsgerichtshof-Urteils getan hat. Der skeptischere „De Volkskraant“ hingegen zitiert zu dem Thema den Historiker David Barnouw mit den Worten: „Dieses Dokument ist letztendlich nichts als die Erklärung einer Person. (...) Für die einen ist van der Lubbe ein Held, für die anderen ein Opfer und für wieder andere ein Bösewicht. Ich fürchte, wir werden es nie erfahren.“

„Ein sensationeller Archivfund“

Noch kontroverser wird das Thema in Deutschland diskutiert. Während die „Freie Presse“ aus Chemnitz titelt „Ein sensationeller Archivfund“, und die „Süddeutsche“ in ihrer Onlineausgabe schreibt: „Erklärung von SA-Mann erschüttert Einzeltäterthese zu Reichstagsbrand“, hält die „Welt“ das Dokument für irrelevant. Die NSDAP sei durch Wahlen an die Macht gelangt, betont Autor Sven Felix Kellerhoff. Aussagen wie die des SA-Manns Lennings hätten einzig darauf gezielt, die Deutschen von ihrer Mitschuld zu entlasten, denn sie bedienten den Mythos, die NSDAP habe mit unlauteren Methoden zur Macht gegriffen. Allerdings hat seine Argumentation, der Tathergang sei durch die Ermittlungen der Politischen Polizei von 1933 hinreichend aufgeklärt, in sozialen Medien viel Spott ausgelöst.

Held? Opfer? Bösewicht? Marinus van der Lubbe in einer undatierten Aufnahme. Quelle: Ullstein/dpa

„Überprüft man die Fakten, halten sie stand“

Mehr Mühe gab sich der Autor Uwe Soukup in der FAZ. Er stellt die Bedeutung des Dokuments heraus: „Noch nie“ habe es beim Thema Reichstagsbrand „ein Geständnis eines SA-Mannes“ gegeben. Sodann unterzieht er mehrere Details aus der eidesstattlichen Versicherung einer Plausibilitätsprüfung. Demnach könnte es sich bei der Gaststätte, in der Lennings 1933 vom SA-Vorgesetzten Karl Ernst den Befehl erhalten haben will, van der Lubbe abzuholen und in den Reichstag zu bringen, um die Gastwirtschaft „Zum strammen Kater“ gehandelt haben. Lennings hatte sie 1955 in dem Dokument als vermutlich „,Schwarzer Kater‘ oder ,Schwarze Katze‘“ angegeben. Auch den Ort, an dem Lennings van der Lubbe abholte, hat Soukup möglicherweise identifiziert. Lennings notierte 1955: „Nach meiner Erinnerung war das Haus in der Lützowstraße, in das wir drei uns begaben, ein SA-Lazarett.“ Soukup meint, es handele sich „sicher um ein SA-Sturmlokal mit Behelfsschlafstellen und angeschlossener Boxschule in der Lützowstraße 93“. Sein Fazit zu der Veröffentlichung der HAZ: „Überprüft man die Fakten, halten sie stand.“

„Der Spiegel schweigt“

Die Tageszeitung Junge Welt glaubt bereits euphorisch, mit dem Auftauchen des Lennings-Dokuments sei „die Unschuld des angeblichen Brandstifters Marinus van der Lubbe belegt“ – ein Umstand, den nun aber zunächst Historiker untersuchen müssen. Sie appelliert in einem Kommentar vor allem an den „Spiegel“, sich endlich mit dem Thema zu beschäftigen. Er hatte mit einer Artikelserie 1959/1960 die These von der Alleintäterschaft salonfähig gemacht und sich bis heute nicht davon distanziert, obwohl sie mit fragwürdigen Methoden von einem Mitarbeiter des niedersächsischen Verfassungsschutzes geschrieben wurde. Bislang hat der „Spiegel“ noch nicht einmal online das Auftauchen des neuen Dokuments vermeldet.

Lesen Sie dazu diese Texte:

Der Ursprungsbericht: SA-Mann will beim Reichstagsbrand 1933 geholfen haben

Das Interview dazu: Historiker Hett: Es wirkten starke Interessen

Der Bericht aus Deutschlandfunk Kultur: Die „Legende“ vom Einzeltäter wackelt erheblich

Von Conrad von Meding

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